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Kulturpresseschau | Beitrag vom 18.02.2018

Aus den FeuilletonsKann das weg - oder ist das doch Kunst?

Von Klaus Pokatzky

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Ein Handout zeigt die Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf mit einem angeblich sexistischen Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer. (dpa / ASH Berlin / David von Becker )
Die Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf mit einem als sexistisch kritisierten Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer. (dpa / ASH Berlin / David von Becker )

Was haben Gomringer-Gedichte an einer Hochschulfassade in Berlin mit Graffitis in New York zu tun? Beide sollen verschwinden (Gomringer) beziehungsweise sind gedankenlos bereits mit dem gesamten Gebäude entsorgt worden (New York) – und werden deshalb in den Feuilletons thematisiert.

"Selten zuvor wurde Kunstfeindlichkeit im deutschsprachigen Feuilleton so gut verpackt", lesen wir in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. "Das muss aufhören", verlangt Antje Stahl. Es geht um die Debatte, wie mit einem vermeintlich sexistischen Gedicht von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin verfahren werden soll. Studenten wollen es übermalen lassen, manche Feuilletons witterten da schon Kunstzerstörung wie einst bei den Nazis.

"Wie oft, frage ich mich angesichts der feuilletonistischen Häme, laufen wir denn an Skulpturen im öffentlichen Raum vorbei, ohne sie je zu bemerken?", meint Antje Stahl: "In Berlin schauten junge Leute halt einmal hin." Und: "Schenkt man ihren Kritikern Glauben, dürfen sie aber nicht entscheiden, welche Kunst zum Gesicht ihrer Hochschule erklärt wird."

Graffitis zu entfernen, kann in New York sehr teuer werden

Ist es Kunst oder kann es weg? "Jetzt haben es die New Yorker aber schriftlich, mit Amtssiegel vom Gericht", heißt es in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG zu einem Urteil, mit dem Graffiti-Sprayern 6,7 Millionen Dollar Schadenersatz zugesprochen wurden. Die Stadt New York hatte den Abriss eines Hauses genehmigt, das einst liebevoll mit Graffitis versehen worden war.

"Die New Yorker Sprayer waren die ersten, die es in professionelle Galerien geschafft hatten", erinnert Peter Richter. "Aber sie waren bis auf Ausnahmen vom Kunstbetrieb der Stadt nach einer Weile des Amüsements längst wieder fallen gelassen worden, als sich Europa mit der Idee anfreundete, sogenannte Street Art wirklich als Kunst zu betrachten." Wie würden wohl New Yorker Richter entscheiden, wenn da an einem Haus ein Gedicht von Eugen Gomringer angebracht wäre?

"Es gibt eine Berufsgruppe in der Filmbranche, die bekommt beim Stichwort ‚Me Too‘ die pure Panik", lesen wir in einem anderen Artikel der SÜDDEUTSCHEN. "Die sogenannten Publicists. Diese PR-Manager sind die Türsteher zu den Filmstars, sie entscheiden, wer, wann und wie lang mit ihnen sprechen darf", hat David Steinitz bei der Berlinale beobachtet. "Die Agentin von Regisseur Wes Anderson zum Beispiel, die beim Interview-Termin zu seinem Film ‚Isle of Dogs‘ erst gelangweilt im Hintergrund auf ihrem Handy herumtippt und dann hypernervös von ihrem Stuhl aufspringt und herumgestikuliert, wenn man ihn auf ‚Me Too‘ anspricht – obwohl er selbst kein Problem damit hat."

Die Tücken der Biobranche

Die Tageszeitung DIE WELT erinnert an Oscar Wilde, den schwulen Dichter, der im viktorianischen England ins Gefängnis gesperrt und dann in Armut und Exil nach Paris getrieben wurde. "Wie muss man Wilde spielen?", wird der schwule Schauspieler Rupert Everett gefragt, der den Ur-Dandy im Film "The Happy Prince" spielt. "Man muss es hinkriegen, ihn umgangssprachlich zu bringen", lautet die Antwort: "Lässig, leger, zwanglos."

Und damit zu "Gerstengras-Pillen aus der Naturkostapotheke". Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG klärt uns über ökologische Lebensmittel auf. "Zehn Milliarden Euro setzte die deutsche Biobranche in ihrem abermaligen Rekordjahr 2017 um", schreibt Jakob Strobel y Serra – und streut dann den Bio-Essern bittere Beigaben in ihre Gemüsesuppen und Geflügelbrühen.

"Sie wollen gute, gesunde Produkte kaufen und interessieren sich weder für Prozesse noch für Hintergründe, weder für die Arbeitsbedingungen marokkanischer Erntearbeiter in andalusischen Bio-Großbetrieben noch für die Stallgrößen von Hühnern mit dem ökologischen Minimalzertifikat der Europäischen Union."

Da fehlt nur noch das Überlebensmittel für die Berlinale, das der Schauspieler Charly Hübner im Berliner TAGESSPIEGEL empfiehlt:"Grapefruit, Weißwein, Pasta."

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