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Donnerstag, 14.12.2017

Kulturpresseschau | Beitrag vom 30.11.2017

Aus den FeuilletonsJürgen Vogel spricht Steinzeitisch

von Ulrike Timm

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Jürgen Vogel als Ötzi bei den Dreharbeiten von "Der Mann aus dem Eis" (dpa/Felix Hörhager)
Jürgen Vogel als Ötzi (dpa/Felix Hörhager)

Die Feuilletons diskutieren über den Ötzi-Film mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle. Familie-Feuerstein-Kichern und reichlich Zottelfell bestimmen den Kinoabend. Einige zeigen sich beeindruckt von der für den Film kreierten Steinzeit-Sprache.

"Die Gläubigen", so heißt eine neue Fotokolumne der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Martin Schoeller hat in New York Menschen unterschiedlichster Religion fotografiert und um ein paar Sätze zu ihrem Selbstverständnis gebeten. In New York gibt es eine größere Vielfalt an Religionen als an jedem anderen Ort der Welt, aber die Bilderserien von Gläubigen waren vielen Zeitungen und Magazinen dort zu heikel – "zu groß die Gefahr, dass die Gläubigen eine Gegenüberstellung mit anderen Religionen als Wettbewerb verstehen könnten."

Jetzt machen also sechs Portraits in der SÜDDEUTSCHEN den Anfang, von der orthodoxen Jüdin bis zum Anhänger der Church of Satan reicht das Spektrum. Alle Menschen sehen sehr verschieden aus und sehen sich und ihre Religion recht ähnlich.

"Gerade in einer Zeit, in der Religion für Spaltung und Konflikt missbraucht wird, zeigt diese Serie eben keinen Wettbewerb der Bekenntnisse, sondern einen Blick auf Menschen, die glauben", schreibt Andrian Kreye.

Abenteuerliche Ötzi-Fiction

Über Ötzis spirituelles Selbstverständnis ist wenig bekannt. Wie mag das Leben der berühmtesten Eismumie der Welt ausgesehen haben? Ziemlich abenteuerlich, wie die Ötzi-Fiction "Der Mann aus dem Eis" mit Jürgen Vogel in der Titelrolle nahe legt.

Die WELT erlebt Ötzi als einsamen Rächer in einem prähistorischen Western, sozusagen als John Wayne des Neolithikums.

"Man staunt, dass der Stoff so lange auf Eis lag, immerhin hat der Similaungletscher die Mumie schon 1991 ausgespuckt. Seit 1998 liegt sie tiefgekühlt in Bozen, angegafft von 250 000 Besuchern im Jahr. Alle zwei Monate wird sie rausgeholt und mit sterilem Wasser besprüht, damit sie nicht zerbröselt. Diese traurige Prozedur wird natürlich nicht gezeigt".

Schade findet die WELT, dass die Schlussszene vorab schon klar ist: "Wir wissen, wie er endet, schließlich hat man posthum eine Pfeilspitze aus Ötzis Rücken herausgeprokelt".

Der TAGESSPIEGEL ist ganz beeindruckt vom rätoromanisch inspirierten und gemeinsam mit Linguisten entwickelten Kunst-Steinzeitisch, allein, im Film redet Ötzi nicht viel. Braucht er auch nicht, er muss ja dauernd kämpfen, sein Leben bestehen und verteidigen gegen die rauen Bedingungen in den Südtiroler Bergen wie gegen Horden anderer Jungsteinzeitler, deren Darsteller man unter reichlich Zottelfell kaum ausmachen kann.

Auch wenn die physische Präsenz des ganzen Films spürbar wird, "ein bisschen Familie-Feuerstein-Kichern ist immer", meint der TAGESSPIEGEL, "Das liegt am Sujet, weniger an der Inszenierung. Mensch findet es lustig, wie Mensch einmal war."

Juristendeutsch und das dritte Geschlecht

"Wie nun weiter nach dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, die binäre Geschlechterzuweisung durch eine dritte Kategorie zu ergänzen?" – Damit und vor allem mit dem dazugehörigen Juristendeutsch hat sich Ötzi zumindest nicht auch noch auseinandersetzen müssen.

Zwei Auswege sieht die FAZ für Pass, Formulare oder Geburtenregister: die Einführung einer dritten Kategorie wie "inter" oder "divers" oder aber den generellen Verzicht auf eine Geschlechtererfassung. Christian Geyer spricht sich für Letzteres aus, um so "den Universalismus des Menschen als Gattungswesen zu betonen."

Anderenfalls müsste man womöglich alle "denkbaren Identitätspartikel" gesetzlich festschreiben, und da ist nun wieder Karlsruhe davor - einmal tief Luft holen fürs Juristendeutsch bitte:

"Ein von der konkreten Rechtslage losgelöster Anspruch auf personenstandsrechtliche Anerkennung beliebiger Identitätsmerkmale ergibt sich aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht nicht".

Uff. Es bleibt so kompliziert wie wichtig.

Aromengrobian Schwarzwurzel

Wer es sinnlicher möchte, blättert weiter zur Restaurantkritik von Kiels erstem Sternelokal. Die FAZ freut sich über "Das Ende der Schweinebackenkultur", ohne dass die regionale Küche deswegen des Feldes verwiesen würde, "Sogar ein Aromengrobian wie die Schwarzwurzel" kommt auf den Teller!  Und das wunderbare Wort vom "Aromengrobian" – das klauen wir dem Kollegen Jakob Strobel Y Serra bestimmt irgendwann mal…

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