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Kulturpresseschau | Beitrag vom 11.06.2018

Aus den FeuilletonsJedes schöne Tor ein Geschenk für Putin?

Von Tobias Wenzel

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Der russische Präsident Wladimir Putin bei einem Termin in Sotschi (Imago Stock & People)
Der russische Präsident Wladimir Putin bei einem Termin in Sotschi (Imago Stock & People)

Für Fußball-Muffel beginnen schwere Zeiten und auch das Feuilleton wird jetzt Fußball: "WM? Ohne mich", bekennt Philip Cassier in der "Welt". Die WM in Russland stattfinden zu lassen, könne kein Demokrat hinnehmen.

Wer sich nicht für Fußball interessiert und das Feuilleton liebt, für den beginnen schon jetzt, vor dem ersten Spiel der Weltmeisterschaft in Russland am Donnerstag, schwere Zeiten. Denn das Feuilleton wird mehr und mehr Fußball: "WM? Ohne mich", bekennt Philip Cassier in der WELT und begründet seinen Boykott so:

"Die Entscheidung, die Veranstaltung in Putins Russland stattfinden zu lassen, kann kein Demokrat hinnehmen. (...) Jedes Jubelfoto, jedes Bild, auf dem ein Offizieller Putin mit einem Lächeln die Hand schüttelt, jedes schöne Tor ist ein Propaganda-Geschenk für den Kreml-Herrn. Kann doch alles nicht so schlimm sein, wenn dort so wundervoller Sport geboten wird, wenn alles so gut organisiert ist, weil ein starker Mann sich gekümmert hat."

Die WM im Mesut-Özil-Deutschland-Trikot

Richard Kämmerlings, ebenfalls von der WELT, lässt sich davon die Freude am Fußball nicht nehmen. "Ich bin stolz, ein Özil zu sein", stiftet er erst einmal Verwirrung und erzählt dann, dass er sich sein Mesut-Özil-Deutschland-Trikot während der WM überstreifen wird.

Obwohl Özil bei Erdogan den Diener gemacht hat. Er, Kämmerlings, sei stolz auf vieles in Deutschland, die Weltoffenheit des Landes und auch auf die deutsche Nationalmannschaft selbst, die für schönen Fußball stehe und die "Vielfalt dieser Gesellschaft" repräsentiere:

"Eine Mannschaft, für die ein Boateng, ein Özil, ein Gündogan sich ganz bewusst und gegen manche Anfeindung entschieden haben. Ich trage mein Trikot mit dem Adler und den vier Sternen und der zehn auf dem Rücken, weil ich stolz darauf bin, dass Mesut Özil ein Deutscher ist."

Distanzlosigkeit als ein Dorn im Auge

Was wohl Reinhard K. Sprenger denken würde, wenn er diesen Artikel seines Kollegen läse. Vermutlich: Da hat mal wieder einer nicht die Distanz gewahrt. Die Distanzlosigkeit ist Sprenger nämlich ein Dorn im Auge. Und so muss es ihn geradezu geekelt haben, als er kurz als Anwalt des Teufels "Hi, du Zeitgenosse" schrieb und so seinen Artikel für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG betitelte.

Das Duzen auf Anhieb ist für Sprenger ein Affront: "(...) geopfert wird die Dynamik der sozialen Annäherung. Wer mit jemandem per Du ist, hat die Schrittigkeit der Intimitätszunahme durchmessen und erfolgreich abgeschlossen. Er hat einen Widerstand überwunden, ist aus der Masse herausgetreten, hat ein besonderes Verhältnis zu jemandem, fühlt sich dadurch geehrt. Wenn aber alle Distanzen beseitigt sind, dann steht alles gleich nah und alles gleich fern."

Aber damit endet noch nicht sein Lob der Distanz. "Zivilisation ist ohne Distanz nicht denkbar", schreibt Reinhard K. Sprenger weiter.

"Distanzen schützen die Menschen voreinander, ermöglichen es ihnen aber zugleich, Gefallen aneinander zu finden."

Den anderen wieder ansehen

Nur wie Gefallen aneinander finden, wenn man sich gar nicht mehr ansieht. Viel öfter blicken wir aufs Smartphone als ins Gesicht des Gegenübers, liest man aus Melanie Mühls Artikel für die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG heraus.

Früher hat man noch die Menschen in der Öffentlichkeit voller Neugier gemustert: "Ob die Frau mit dem heruntergezogenen Mundwinkel vor einem in der Supermarktschlange einsam ist oder nur schlecht gelaunt, weil sie warten muss", schreibt Mühl. "Oder ob die geröteten Wangen des ungeduldigen Mannes hinter einem von der Hitze kommen oder einen Zornausbruch ankündigen." Der Smartphone-Süchtige stellt sich solche Fragen nicht, hebt seinen Kopf nicht einmal, um ein anderes Gesicht zu erspähen. Melanie Mühl versucht aufzurütteln.

Mit einem Klassiker: "In Büchners 'Dantons Tod' sagt Dantons Geliebte Julie: 'Du kennst mich!' Und Danton: 'Ja, was man so kennen heißt. Du hast dunkle Augen und lockiges Haar und einen feinen Teint und sagst immer zu mir: lieber Georg! Geh, wir haben grobe Sinne. Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.'"

Melanie Mühls Kommentar: "Es genügt wohl, den Blick zu schärfen und den anderen erst einmal wieder genauer anzusehen."

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