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Kulturpresseschau | Beitrag vom 12.03.2018

Aus den Feuilletons "Gerade ist ziemlich heftige Abstoßung angesagt"

Von Hans von Trotha

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Der Schriftsteller Uwe Tellkamp bei der Diskussionsveranstaltung "Streitbar!" im Kulturpalast in Dresden am 8. März 2018. (picture alliance / Dietrich Flechtner/dpa-Zentralbild/dpa)
Der Schriftsteller Uwe Tellkamp bei der Diskussionsveranstaltung "Streitbar!" im Kulturpalast in Dresden am 8. März 2018. (picture alliance / Dietrich Flechtner/dpa-Zentralbild/dpa)

Der Streit um die Äußerungen des Schriftstellers Uwe Tellkamp beschäftigt die Feuilletons weiter. Die "Welt" zeigt sich abgestoßen. Die "Tageszeitung" sinniert über etwas, das sie "German nein" nennt, und die "Süddeutsche" über Grenzen zwischen Meinung und Ressentiment.

Christian Geyer analysiert in der FAZ, "wie der Bundestag über Waffenexporte spricht", eine "Sternstunde des Parlamentarismus", so Geyer, in der "die destruktive Rolle, die Saudi-Arabien im Jemen-Krieg spielt, ... noch einmal glasklar beschrieben wurde, allen Stabilitätsbeschwörungen von Unionspolitikern zum Trotz, etwa der aufreizend uninformierten Elisabeth Motschmann: 'Frau Motschmann', so konterte (der Linke Stefan) Liebich deren staatstragendes Gefasel, 'was da passiert, ist kein Kampf gegen den Terror. Saudi-Arabien bombardiert alles wahllos nieder: Hochzeiten, Wohnviertel, Schulen, Krankenhäuser, Märkte, Kulturschätze wie den Marib-Staudamm, den ältesten Staudamm der Menschheit.'"

"Elisabeth Motschmanns Partei, die CDU", so Christian Geyer, "erkannte auf 'nicht ausreichende Ausgewogenheit' solcher Einlassungen. Ausgewogen heißt demnach, die Dinge nicht so deutlich beim Namen zu nennen, sie in Abstrakta zu hüllen, so dass man am Ende nicht über gute Gründe spricht."

"Taz": Tellkamps Migrations-Argumente einfach zu widerlegen

"Es wird scharf geschossen in diesen Zeiten", stellt Andreas Rüttenauer in der TAZ fest, "auch verbal. Statt Diskussionen gibt es Gefechte. (...) Dass im Weißen Haus ein Wahnsinniger herrscht, in Pjöngjang ein Irrer, das könnte schon stimmen", stellt Rüttenauer fest. Jedoch: "Weg mit ihnen? Wer das fordert, (...) hat sich (...) aus jedem Diskurs verabschiedet. Aus dem sind schon lange die ausgestiegen, die vor ein paar Monaten noch gesagt haben: 'Das wird man ja wohl noch sagen dürfen' und die heute nach jeder Äußerung anfügen: 'Aber das darf man ja heute nicht mehr sagen.' Wer den Begriff Meinungsfreiheit wie Dynamit verschießt, ist für Argumente nicht empfänglich. Das", findet Rüttenauer, "sollte kein Grund sein, selbst mit dem Argumentieren aufzuhören. Einen wie den Schriftsteller Uwe Tellkamp kann man für scheiße, schlimm, rechts und pegidakompatibel erklären, man kann aber auch erklären, was nicht stimmt an dem, was er zum Thema Migration verzapft. (...) Das ist wahrlich nicht schwer zu widerlegen. Mit der letalen Diskurswaffe, mit der Gegner niedergestreckt werden, indem man sie als AfD-nah bezeichnet", findet Rüttenauer, "sollte man vorsichtig umgehen."

Sonja Vogel versucht sich in derselben TAZ an einer Kolumne über das "German nein", also über die Frage: "Warum man jetzt überhaupt nichts mehr sagen darf.": "Man darf als rechtsextreme Zeitung nicht mehr auf der Leipziger Buchmesse sein, ohne dass man als rechtsextrem bezeichnet wird. Man darf als Schriftsteller keine antidemokratischen und rechten Verschwörungstheorien mehr äußern, ohne dass der eigene Verlag dazu einen Tweet absetzen darf. (...) Man darf in den Mainstreammedien keinen ureigenen Gedanken mehr, nein, nicht einmal einen originär deutschen Gedanken darf man mehr äußern. Jedenfalls keinen, der mehr ist als bloß geduldet."

"Süddeutsche": Liberales Dilemma berührt

In der WELT erinnert sich Richard Kämmerlings, Uwe Tellkamp habe sich einmal "in einem Interview selbst mit dem chemischen Element Fluor verglichen" Zitat Tellkamp: "Mit Fluor kann es nur heftige oder gar keine Reaktion geben, Abstoßung, Anziehung, alles heftig." "Gerade", so Kämmerlings, "ist ziemlich heftige Abstoßung angesagt, weil er (...) einen 'Gesinnungskorridor' erwünschter und unerwünschter Meinungen in der deutschen Öffentlichkeit ausgemacht und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung unter anderem mit der Behauptung kritisiert hatte, dass 'über 95 Prozent' der Flüchtlinge nicht vor Krieg und Verfolgung fliehen würden, sondern 'um in die Sozialsysteme einzuwandern'. Beides darf man in Deutschland sagen. Während", so Kämmerlings, "der 'Gesinnungskorridor' nur eine erstaunliche Wahrnehmung ist, ist das Zweite rechte Hetze, man könnte auch sagen Fake News."

Johan Schloeman fragt in der SÜDDEUTSCHEN: "Warum diese ganze Empfindlichkeit?" Und gibt eine gute Antwort: "Weil hier das liberale Dilemma berührt ist, dass es einfach Grenzen zwischen Meinung und Ressentiment, zwischen konservativen politischen Positionen und Wahnsystemen gibt - dass aber bloß keiner der sein weil, der solche Grenzen definiert. Man will unter keinen Umständen 'auf dem moralischen Hochsitz' (das ist ein Zitat von Ulf Poschardt) erwischt werden. Nur", warnt Schloeman, "führt diese feine Angst vor dem Richtertum dazu, dass es doch wieder nur um Diskursdebatten geht und nicht um die Sache - exakt das aber", so Schloeman, "ist die Strategie der Ressentimentparteien. Uwe Tellkamp klagte in Dresden: 'Meine Meinung ist geduldet, aber erwünscht ist sie nicht'. Möge es", schreibt Schloeman, "so bleiben."

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