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Kulturpresseschau | Beitrag vom 02.06.2018

Aus den Feuilletons"Fußgänger" oder "zu Fuß Gehende"?

Von Klaus Pokatzky

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Geschlechtergerechte Sprache in einem Formular (imago/Eckhard Stengel)
Geschlechtergerechte Sprache in einem Formular (imago/Eckhard Stengel)

Die Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache beschäftigt den Rat für deutsche Rechtschreibung, die Duden-Redaktion, Sprachwissenschaftler und den Gesetzgeber, weiß "Die Zeit" zu berichten. In ihrem Themenschwerpunkt lässt sie Befürworter und Gegner gendergerechter Texte zu Wort kommen.

"Worüber haben Sie sich in dieser Woche in den Medien denn am meisten geärgert?" Das fragt der Berliner TAGESSPIEGEL jeden Sonntag auf seiner Medienseite. "Woche für Woche ärgert es mich, dass in den Medien Experten und Wirrköpfe so oft dasselbe Gewicht bekommen", antwortet diesmal der Wissenschaftspublizist Florian Aigner.

"Gab es auch etwas, worüber Sie sich freuen konnten?", fragt der TAGESSPIEGEL noch. "Sehr erfreulich", findet Florian Aigner: "Die erste Welle der Aufregung über die DSGVO scheint überstanden." Woche für Woche, Kollege Aigner, ärgert es mich, dass in den Medien wirre Experten mit unverständlichen Abkürzungen und tumben Fremdwörtern um sich schmeißen, die nur Experten verstehen können. Was DSGVO bedeutet, erklärt uns der TAGESSPIEGEL nicht.

Der internetfähige Kühlschrank bittet um Zustimmung

Da greifen wir also lieber zur Konkurrenz. "Seit Freitag ist die neue Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) nach jahrelanger Vorbereitung endlich anzuwenden", erfuhren wir aus der klugen SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Die Verordnung besteht aus insgesamt 99 Artikeln, das bekannte Recht auf Vergessen ist dort geregelt, aber auch ein 'Recht auf Datenübertragbarkeit' oder ein Auskunftsrecht über den Verwendungszweck persönlicher Daten", schrieb Michael Moorstedt und beschrieb, wie wir Internetnutzer schon seit Wochen von Onlinediensten angefleht werden, dass wir ihren neuen Nutzungsbedingungen doch bitte, bitte, bitte zustimmen mögen:

"Das Highlight ist wohl der internetfähige Kühlschrank, auf dessen Riesendisplay um Zustimmung zu der neuen Verordnung gebeten wurde." Ich habe keinen Internetkühlschrank mit Riesenbildschirm; ich bin auch da altmodisch.

"Der Kampf um die Geschlechtergerechtigkeit beschäftigt jetzt den Rat für deutsche Rechtschreibung, die Duden-Redaktion und Sprachwissenschaftler", teilte uns die Wochenzeitung DIE ZEIT mit. Aber natürlich auch den Gesetzgeber, wie Ronald Düker schrieb: "Beispiel: die neue Fassung der Straßenverkehrsordnung, in der die männliche Personenbezeichnung durch eine geschlechtsneutrale Partizipialbildung ersetzt ist, sodass also nicht mehr von 'Fußgängern', sondern 'zu Fuß Gehenden' die Rede ist." Ich fände schöner, wenn von "zu Fuß Gehendinnen" die Rede wäre.   

Die Form der Sprache begrenzt unser Vorstellungsvermögen

"Unsere Vorstellungen bedingen, wie wir die Sprache verstehen, aber die Form unserer Sprache begrenzt zugleich, was wir uns vorstellen können", hält mir da die Kollegin Marie Schmidt entgegen. "Deswegen ist das geschlechtsübergreifend verwendete Maskulinum mit schuld daran, dass Frauen sich in bestimmten Situationen tatsächlich unterordnen, weil sie nicht genau wissen, ob sie gerade angesprochen werden oder nicht", schrieb sie ebenfalls in der ZEIT – und brach eine Lanze für die geschlechtergerechte Sprache: "Ja, sie ist moralisch, denn sie enthält eine Botschaft darüber, wie man die Welt und Gesellschaft haben möchte."

Ulrich Greiner hielt dagegen: "Gendergerechte Texte sind hässlich und voller Verrenkungen. Nur das bisherige Deutsch ist für alle verständlich", meinte er im ZEIT-Themenschwerpunkt. "Im deutschen Sprachraum gibt es etwa 200 Gender-Professuren. Was dort geforscht und gelehrt wird, will ans Licht der Öffentlichkeit, will wirken und die sexistische Welt korrigieren." 

Was ist eigentlich aus den Groupies geworden?

Und damit in die sexistische Welt. "Heute melden sich täglich Frauen und klagen berühmte Männer an, sie sexuell belästigt und bedrängt zu haben", steht in der WELT AM SONNTAG. "Nie sind die Angeklagten Rockmusiker aus dem Goldenen Zeitalter des sogenannten Rock ’n’ Roll", schreibt Michael Pilz und fragt wehmütig: "Was ist eigentlich aus den Groupies geworden?"

Ja, wie war das damals in den wilden Siebzigern und lockeren Achtzigern? "Marianne Faithfull schlief wie Uschi Obermaier sowohl mit Mick Jagger als auch mit Keith Richards, eine wurde Sängerin, die andere Ikone, wie man heute vornehm sagt."

Fazit: "Die Mädchen gingen zu den Männern, weil sie wussten, was sie wollten. Es könnte, wenn man es frauengeschichtlich sieht, ein faires Tauschgeschäft gewesen sein in alten Zeiten." Tempi passati: "Die Kultur der sexuellen Anbetung verschwindet wie das Tabakrauchen und das Dieselautofahren und das Plastikstrohhalmtrinken. Manches geht einfach nicht mehr."

Optimistische Grand Old Lady des Folk

Und das ist auch gut so. "Seit ich denken kann, war der Zustand der Welt nie so schlecht wie gegenwärtig", sagte eine Musikerin, der einst die aufmüpfigen Männer zu Füßen lagen. "Aber es ist wichtig, die Erfolge zu benennen, wenn sie da sind", meinte Joan Baez im Interview der Tageszeitung TAZ – und lobte die jungen Aufmüpfigen unserer Tage, die Proteste von Schülerinnen und Schülern gegen die Waffengesetze in den USA.

"Dies ist ein Erfolg. Die Bewegung wirkt frisch, eigenständig, kraftvoll, diese demografische Gruppe gibt uns so viel Hoffnung, wie es lange keine Generation in den USA mehr getan hat."

Vor Kurzem hat die Grand Old Lady des Folk- und des Protestsongs ein neues Album veröffentlicht und ist jetzt, mit 77 Jahren, wohl zum letzten Mal auf großer Tournee durch Nordamerika und Europa. "Die Konzerte in Deutschland waren so schnell ausverkauft, dass wir 2019 noch weitere Auftritte eingeplant haben. Wir kommen zurück und werden die Tour in Europa beenden."

Und wer noch ganz jung ist und ganz berühmt werden möchte, der kann sich jetzt für die Verfilmung der Kinderbuch-Reihe "Mein Lotta-Leben" bewerben. "Außer der Titelrolle werden zwölf Kids für Figuren im Alter zwischen 8 und 11 Jahren gecastet", teilte uns der TAGESSPIEGEL mit: "Wer sich mit Einverständnis der Eltern bewerben möchte, sollte ein etwa zweiminütiges Video drehen, dabei von sich selbst erzählen und zwei Fotos schicken."

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