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Kulturpresseschau | Beitrag vom 04.12.2017

Aus den FeuilletonsFoucault im ICE

Von Hans von Trotha

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Undatiertes Porträt des französischen Philosophen und Schriftstellers Michel Foucault. Foucault wurde am 15. Oktober 1926 in Poitiers geboren und starb am 25. Juni 1984 in Paris. (dpa / AFP)
Der Philosoph Michel Foucault - hier nicht im Zug (dpa / AFP)

In nur einem Satz thematisch vom französischen Philosophen Michel Foucault zur Deutschen Bahn zu kommen - das muss man auch erst Mal schaffen. Die NZZ meistert die Herausforderung locker. Anlass ist, dass es in neuen ICEs nur noch Grossraumwagen und keine Abteile mehr geben wird.

Stressbewältigung. Jetzt auch im Feuilleton. Warum das nötig ist, steht in der taz. Juri Sternburg macht dort eine "neue Volkskrankheit aus", ihr Name: Intoleranz. Wie ist das wohl, fragt er sich, "wenn die Intoleranz … in Fleisch und Blut übergegangen ist, wenn so ein Mensch, der ja dann doch irgendwann mal als kleines Bündel auf die Welt geworfen wurde, ohne jegliche Vorurteile zu haben, einfach nicht mehr in der Lage ist, Empathie zu fühlen? Die entsprechende Feldstudie",  meint Sternburg, "ist ja immer nur einen Klick entfernt. Facebook, Instagram, Twitter, Tinder: überall nur noch sich benachteiligt fühlende Stressbacken, die einen beschimpfen."

Schluss mit Dichtestress

Gegen das, was diese "Stressbacken" zu "Stressbacken" hat werden lassen, müsste man etwas unternehmen. Stress haben wir ja inzwischen allerorten. Nicht nur im Internet. Im Zug zum Beispiel. Da sind wir "Dichtestress" ausgesetzt, wie in der NZZ zu lesen ist. Wobei das jetzt ein Ende hat. "Schluss mit Dichtestress", ruft Paul Jandl und: "Ein Volk hat gesprochen, und jetzt kann es sehen, was es davon hat."

Er meint damit nicht die Bundestagswahl.

"Weil", schreibt Jandl, "die Kun­den der Deutschen Bahn mittlerweile lieber stehen, als neben ein paar Mitrei­senden in einem Zugsabteil zu sitzen, wird es in den Garnituren des neuen ICE keine Abteile, sondern nur noch Gross­raumwagen geben."

Und schon sind wir mittendrin im Thema "Dichtestress":

"Dicht an dicht", schreibt Paul Jandl in der NZZ, "stehen die Menschen auf diesem Planeten beisammen, aber in den Zugsabteilen ist es ihnen zu eng ge­worden. … Die Deutsche Bahn", fährt er fort, "muss neben ihren eigentlichen Pflichten nicht auch noch den französischen Philosophen Michel Foucault lesen. Würde sie es aber tun, dann könnte sie manches lernen über die 'anderen Räume', die sie ihren Passagie­ren bisher bereitgestellt hat. Die Eisen­bahnabteile", so Jandl, "waren heterotopische Orte, wie sie bei Foucault im Buche stehen. 'Tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, be­stritten und gewendet sind, gewisser­massen Orte ausserhalb aller Orte, wie­wohl sie tatsächlich geortet werden kön­nen.'"

Das war jetzt Original Foucault. Jandl übersetzt es so: "Es ist alles wie sonst, nur ganz anders. Man ist bei der Bahn­fahrt immer noch der, der man ist, aber wie aus der Welt und der Zeit gefallen."

Und das hat irgendwie geholfen.

Häkeln statt Schreien

Was nun aber tun, wo uns die Bahn bei der Bewältigung von Dichtestress nicht mehr hilft? Zeitschriften lesen vielleicht. Wobei das ja nach wie vor die Geschlechter trennt. Männer greifen zu "Beef!" oder zu "Jagd und Hund", um runterzukommen. Frauen haben da mehr Auswahl, wie Silke Burmester in der Süddeutschen zeigt – allerdings, um vor den dort empfohlenen Stressbewältigungsstrategien eher zu warnen. Das Motto ihres Artikels lautet: "Häkeln statt Schreien".

"Jahrzehntelang", schreibt Burmester, "hatten Zeitschriften sehr erfolgreich damit Geld verdient, dass sie Leserinnen nahelegten: Ich forme mein Ich durch die Dinge, die ich erwerbe; jetzt wollen Verlage auch dadurch Geld verdienen, dass ihre Zeitschriften die Losung ausgeben: Ich forme mein Ich durch Verzicht." Aber, und das ist interessant: "Der Weg zum Weniger führt über das Mehr. Um weniger Stress zu haben, weniger Zeit zu verdaddeln, weniger die Umwelt zu belasten, soll die Frau vor allem mehr tun. Mehr Schränke bemalen. Mehr Brot backen. Mehr Korn mahlen." Das sind, so Burmester, "Brot und Spiele für eine Generation von Frauen, die gegen die Umstände ihrer Erschöpfung, den Verursacher der Überforderung nicht rebelliert. Die prekäre Arbeitsverhältnisse und ein Auspressen bis zum Burn-out widerstandslos hinnimmt. Und sich einreden lässt, sie müsse nur mal Backen, dann gehe es schon wieder."

Wir haben also die Wahl, ob wir gegen den Stress der nächsten Bahnfahrt, wenn wir wieder keinen Platz im Großraumwagen gefunden haben, heimlich Flow oder Slow oder Happinez lesen - oder vielleicht mal Michel Foucault.

Mehr zum Thema

Michel Foucault: "Überwachen und Strafen" - Wie die Macht das Individuum drangsaliert
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 12.10.2017)

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