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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 16.02.2017

Aus den Feuilletons Ein kritischer Blick auf die Berlinale

Von Gregor Sander

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Das Logo des Filmfestivals "Berlinale" (AFP / Tobias Schwarz)
"FAZ"-Autorin Verena Luecken sieht die Berlinale kritisch. (AFP / Tobias Schwarz)

Unsere Kulturpresseschau befasst sich unter anderem mit der Berlinale: Verena Luecken kritisiert in der "FAZ" die Filmauswahl. "Raoul Pecks 'I Am Not Your Negro' hätte dem Wettbewerb gutgetan", schreibt sie - und sie erklärt, was US-Präsident Trump damit zu tun hat.

"Scham ist das Schlimmste",

bekennt Viola Davis in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Die afroamerikanische Schauspielerin ist Oscar-nominiert für den Film "Fences", der in dieser Woche auch bei uns angelaufen ist. Schon während ihrer bitterarmen Jugend im Bundesstaat Rhode Island schauspielte sich Davis mit ihrer Schwester aus der Realität:

"Wir haben uns vorgestellt, wir wären Sophia Loren und Twiggy. Wir haben stundenlang so getan, als wären wir reich und berühmt und würden mit unseren hübschen Ehemännern in Beverly Hills leben. Natürlich wirkte das in einer Dreckswohnung mit lauter Ratten ziemlich grotesk."

Grotesk waren auch die ersten professionellen Rollen für Viola Davis.

"Die Figuren, die ich hätte spielen können, waren stets eindimensional: die afroamerikanische Frau, die ganz hinten im Bus sitzt, den Aufzug bedient oder als Krankenschwester einen Patienten versorgt. Diese Frau tritt auf, sagt zwei Sätze und verschwindet!"

Das ist nun in "Fence"s, in dem Davis die Ehefrau eines frustrierten Müllmanns spielt, ganz anders. Warum es so lange dauerte, bis das Theaterstück von August Wilson verfilmt wurde, erklärt Susan Vahabzadeh ebenfalls in der SZ:

"Um 1990 herum wollte Barry Levinson ('Läwinnsenn), der Regisseur von Rainman, den Film drehen, aber Wilson hatte sich in den Kopf gesetzt, die Verfilmung dürfe nur ein schwarzer Regisseur inszenieren - und ein solcher war in der ersten Liga Hollywoods damals noch schwerer zu finden als heute."

Das hat nun Denzel Washington übernommen und wir durchforsten die Feuilletons aus diesem Anlass nach weiteren Kulturgütern aus der Black Community. In der TAZ bespricht Yannick Ramsel das neue Album von Migos aus Atlanta:

"Düstere, nachtragende Bässe, ratternde Hi-Hats und viel zu laute Snareschläge. Migos beherrschen ihren Trap, so heißt die tief in der DNA Atlantas verwurzelte Spielart von Rap."

Textlich wird es offensichtlich nicht so richtig gehaltvoll. Es geht um Kroketten, Frauen - hier natürlich: Bitches, Air Jordans und Codein-Hustensaft. Trotzdem urteilt Ramsel:

"Bei allem, auch textlichen Kontroversen, musikalisch ist 'Culture' ein energiegeladenes, konsequent stumpf-schönes Dokument von Atlanta-Rap 2017. Das liegt auch an den seltsamen Lauten, die die Rapper zwischen die Zeilen einstreuen, sogenannte Adlibs: 'Skurr skurr', 'Brra' und 'Ahh'  sind einige dieser nonverbalen Einwürfe, bei denen konservative Hip- Hop-Fans Hühnerpelle bekommen."

Nicht ganz einverstanden mit der Filmauswahl bei der Berlinale ist Verena Luecken von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG:

"Ein Film wie Raoul Pecks 'I Am Not Your Negro' hätte dem Wettbewerb gutgetan. Ein amerikanischer Film, der uns etwas erzählt von diesem Land, von dem hier alle reden und vor dem sich plötzlich viele fürchten."

Als Autor dieses Dokumentarfilms, der in der Reihe Panorama läuft, wird James Baldwin angegeben:

"Samuel Jackson spricht Baldwins Texte als voice-over über Bildern von Polizeigewalt von Mitte der Fünfziger bis heute, über Fotos von Lynchmorden, über Ausschnitten aus Werbefilmen, Szenen aus Spielfilmen und Musicals."

Zum Abschluss hier nun noch ein Beispiel aus der deutschen Realität:

"Jugendliche aus Migrantenfamilien sollen ihrer Heimat Deutschland misstrauen und seien deswegen anfällig für Verschwörungstheorien. Das behauptete das Innenministerium. Kann das stimmen?"

Fragt Jonathan Fischer in der SZ. Er hat sich mit vielen türkischstämmigen Jugendlichen getroffen und sich ihre Verschwörungstheorien angehört. Am Ende zieht er folgendes Fazit:

"Was wenn die 'türkischstämmigen Migranten' nicht deshalb für Fake News empfänglich sind, weil es ihnen an Information oder Urteilskraft fehlt, sondern das Misstrauen gegen den "Mainstream" mit einem Gefühl des Ausgeschlossenseins korreliert? Wir gegen sie. Und sie gegen uns. Wer sich selbst abgewertet fühlt, der mag nicht der Wahrheit der vermeintlich Mächtigen glauben."

Das erinnert dann wieder an die Erfahrungen der Schauspielerin Viola Davis vor 40 Jahren in den USA.

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