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Donnerstag, 14.12.2017

Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 20.04.2017

Aus den FeuilletonsEin Geburtstagsständchen für Iggy Pop

Von Gregor Sander

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US-Sänger Iggy Pop auf dem niederländischen Festival "Down the Rabbit Hole". (dpa / Picture Alliance / Ferdy Damman)
Iggy Pop wird heute 70. (dpa / Picture Alliance / Ferdy Damman)

Gleich mehrere Zeitungen feiern die Punk-Ikone Iggy Pop - anlässlich dessen 70. Geburtstag. Er sei Sänger geworden, "weil er nicht länger als Schlagzeuger auf Ärsche starren wollte", lesen wir in der "Welt".

"Das Adjektiv "körperlich" soll man ja besser nicht steigern."

Ist in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG zu lesen.

"Aber Iggy Pop",

meint Dietmar Dath dann doch,

"wirkt auch im Alter tatsächlich flagrant und kursiv körperlicher als andere erotische Appetitanreger seiner Branche."

Am Freitag wird der in Michigan als James Osterberg geborene Stooges-Sänger siebzig Jahre alt und die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG druckt zum Geburtstagsständchen ein Oben-Ohne-Foto des alten Meisters von 2011, für das Jens Christian Rabe folgende Worte findet:

"Ja, die extrem körperlichen Exzesse, die ihn berühmt und berüchtigt gemacht haben, sind an diesem noch immer ziemlich drahtigen Körper nicht spurlos vorübergegangen."

Auch DIE WELT entscheidet sich für ein Halbnacktfoto des reiferen Jubilars und Michael Pilz erklärt dessen Bühnenentwicklung:

"Iggy wurde Sänger, weil er nicht länger als Schlagzeuger "auf Ärsche starren" wollte. Von den Pavianen schaute er sich seine Bühnentänze ab."

Einzig die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG druckt ein Jugendbild von Iggy Pop, der da zartschmelzend, mit offenem Mund in die Kamera guckt. Ein Punk-Pin-Up vom Feinsten und Frank Schäfer gibt den Stooges im Fach Punk auch eine glatte Eins. 

"Nicht nur ihre Alben und Auftritte waren von einer exemplarischen Kaputtheit. Mustergültig war auch, wie die Band jede neue Karrierechance mit dieser unwiderstehlichen Mischung aus Mutwillen, Provinz-Deppentum und chemisch induziertem Irrwitz zunichtemachte."

Punk soll auf jeden Fall auch die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel sein. Nun hat sie aber im letzten Jahr beim Bachmannpreis gewonnen und wer sich jetzt fragte, geht das denn Punk und Bachmannpreis, der bekommt im Wiener Rabenhof-Theater die Antwort:

"Ja, eh."

So heißt nämlich ein dort aufgeführtes Theaterstück aus Sargnagelschen Texten, das Wolfgang Kralicek in der SZ so beschreibt:

 "''Ja, eh!' ist die österreichische Universalantwort auf alle großen und kleinen Fragen des Lebens. So ist es halt, was soll man machen."

Vorgetragen werden die Texte von drei Schauspielerinnen in Jogginghosen und löchrigen Pullovern. Die Szenen spielen in einem Tschocherl. Das ist laut Kralicek in Wien die unterste gastronomische Kategorie. Entscheidend zum Erfolg des Abends trägt wohl aber auch der Musiker Voodoo Jürgens bei, den Eva Biringer in der WELT so beschreibt:

Wie ist der "Tatort"-Erfolg zu erklären?

"Jürgens (punschkrapfenrosa Hemd, Goldkette) ist ein Mundartsänger, gegen den Wanda oder Bilderbuch wirken wie hochdeutsche Musterschüler. Wenn man sich nicht sehr konzentriert, versteht man höchstens 'Goschn- Wirtshaus-Schmäh'."

Das Scheitern misslingt der Sargnagel offensichtlich genau wie Iggy Pop, wenn man dem Ende der WELT-Kritik trauen darf:

"'Mit jedem Satz, den ich für Bezahlung schreibe, erlischt in mir ein kleiner, lieber Stern', klagt Sargnagel in ihrem Text. Hoffen wir, dass sie noch viele solcher Aufträge erhält, die Licht machen im Keller der österreichischen Kulturlandschaft."

Der Erfolg des "Tatorts" im deutschen Fernsehen ist eigentlich gar nicht mehr zu erklären. Warum sitzen jeden Sonntag um 20 Uhr 15 Millionen Menschen vor diesen bräsigen Lokalkrimis mit tanzenden, singenden und fahrradfahrenden Kommissaren? Der Wiener Philosophieprofessor Alfred Pfabigan hat diesem Phänomen  ein ganzes Buch gewidmet und  kommt in der NZZ zu einem ganz einfachen Schluss:

"Ich glaube, der 'Tatort' lässt uns beruhigt ins Bett gehen, trotz dem schrecklichen Inhalt."

Ob er mit schrecklichem Inhalt die Qualität der Drehbücher meint oder tatsächlich die bizarren Kriminalfälle, erklärt Pfabigan leider nicht. Dafür zieht er eine kühne Verbindung zwischen dem Tatort und dem Dieselgate.

"Es konstituiert sich eine Gemeinschaft rund um eine etablierte Marke. Sehen Sie, es ist ein bisschen wie beim Volkswagen, da wird man auch grad ein bisserl begaunert, und die Umsatzzahlen gehen interessanterweise doch nicht zurück."

Für den Tatort gilt dann wohl oder übel, was für den Käfer gilt: Er läuft und läuft und läuft.

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