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Kulturpresseschau | Beitrag vom 14.06.2018

Aus den FeuilletonsDie unsichtbare Regisseurin aus Afghanistan

Von Klaus Pokatzky

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Die afghanische Regisseurin Shahrbanoo Sadat, aufgenommen beim 69. Filmfestival in Locarno im August 2016 (picture alliance / dpa / Alexandra Wey)
Die afghanische Regisseurin Shahrbanoo Sadat (picture alliance / dpa / Alexandra Wey)

Unsichtbar fühlt sich die einzige Regisseurin Afghanistans als Frau in ihrem Land, die mit "Wolf und Sheep" jetzt in die deutschen Kinos kommt. Und unsicher aufgrund täglich explodierender Bomben, berichtet die "Welt". Kein Grund für manche Politiker, dorthin nicht mehr abzuschieben.

"Ich bin eine Frau", sagt Shahrbanoo Sadat: "Ich bin unsichtbar. Niemand schenkt mir Beachtung. Niemand hält mich für wichtig." Das erzählt Shahrbanoo Sadat im Interview der Tageszeitung DIE WELT: "Afghanistans einzige Regisseurin", so die Zeitung, "deren Film ‚Wolf and Sheep‘ nun in deutsche Kinos kommt".

Die 27-jährige ist für ihren nächsten Film oft in Deutschland, lebt ansonsten aber in Kabul. "Es gibt jeden Tag mehrere Explosionen", beschreibt sie den Alltag in der afghanischen Hauptstadt: "Die Medien sind dessen inzwischen überdrüssig, sodass sie es kaum mehr melden, höchstens noch die Anzahl der Verletzten und der Toten. Es kann in einem Café, in einer Botschaft, in einem Laden passieren, jederzeit." Genauso also, wie sich manche Politiker bei uns ein sicheres Herkunftsland vorstellen.  

Heimat ist eine Erfindung

"Kunst ist ein Spiegel der Gesellschaft", lesen wir in einem anderen Interview. "Das positive Deutschlandbild im Ausland ist keine Selbstverständlichkeit, sondern hat meiner Meinung nach viel mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte zu tun." Das sagt zur SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG Michelle Müntefering, seit März Staatsministerin für auswärtige Kulturpolitik – und das heißt für sie auch inländische Kulturpolitik. "Als Bürgerin wünsche ich mir, dass Intellektuelle und alle Demokraten sich entschiedener einmischen. Wir dürfen nicht den Rechtspopulisten die Deutungshoheit darüber überlassen, was Heimat, was Volk, was Identität bedeutet."

Und was bedeutet Heimat genau? "Die Heimat ist eine junge Erfindung", erfahren wir aus der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. "Bis auf den heutigen Tag gibt es schliesslich Nomaden", schreibt der Kulturwissenschaftler Jan Söffner. "Die Option, heimisch zu werden, entstand erst in der sogenannten Neolithischen (jungsteinzeitlichen) Revolution. Mit dem Ende der letzten Eiszeit wurden überall auf dem Globus Menschen sesshaft, sie begannen Landstriche als die ihren zu betrachten und den Boden zu beackern." Und dann fingen sie irgendwann an, ganze Länder und halbe Kontinente als die ihren zu betrachten und die Grenzen dicht zu machen.

Mutig Fremdes erkunden

"Wie revidieren wir unsere Vorurteile?" fragt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG den Psychotherapeuten Thorsten Kienast. "Dafür braucht es erst einmal den Wunsch nach Aufklärung, eine geübte Beobachtungsgabe, eine gewisse Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und anderen sowie den Drang, die eigene Filterblase zu verlassen. Und den Mut, sich auch einmal gegenüber Vorurteilen innerhalb seiner Gruppe zu outen und gegen den Strom zu schwimmen."

Gegen den Strom ist auf jeden Fall die afghanische Regisseurin Shahrbanoo Sadat geschwommen – schon als junges Mädchen, als sie es geschafft hat, dass sie eine weiterführende Schule besuchen konnte: "Mit 15, jeden Tag drei Stunden zu Fuß über die Berge ins nächste Tal und drei Stunden zurück, Mit 18 habe ich meinen Abschluss gemacht."

Fußball über alles

In diesen Wochen wird es kaum ein Feuilleton geben, das sich nicht dem Fußball widmet – solange bei den Weltmeisterschaften in Russland der Ball rollt. "Das Geld, der Rummel, die Verlogenheit, die Fernsehzeit und die Korruption mögen immer weiter wachsen können und wollen", ist das Wort des Tages aus der FRANKFURTER ALLGEMEINEN: "Aber der Leib ist endlich und darum auch die Leibesübung", outet sich mit Jürgen Kaube, dem Mitherausgeber für das Kulturelle, der nächste feuilletonistische Fußball-Freak.

"Bullerbü steht zum Verkauf", weist uns die SÜDDEUTSCHE auf ein verlockendes Angebot hin – auf "das Haus, das durch den Film ‚Die Kinder von Bullerbü‘ berühmt geworden ist." 84 000 Euro soll es kosten: "Es ist 85 Quadratmeter groß und hat drei Zimmer. Die Einrichtung ist recht einfach."

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