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Kulturpresseschau | Beitrag vom 08.02.2018

Aus den FeuilletonsDer GroKo-Vertrag in der Literaturkritik

Von Gregor Sander

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Berlin: Der Koalitionsvertrag liegt bei Sitzung im Fraktionssaal im Bundestag auf dem Tisch. Union und SPD haben sich auf die Verteilung der Ministerien verständigt und eine Einigung in den Koalitionsverhandlungen geschaffen. (picture-alliance / dpa /Britta Pedersen)
Titelseite des Koalitionsvertrages, aufgenommen am 7.2.2018 im Bundestag in Berlin (picture-alliance / dpa /Britta Pedersen)

"ENAFE-ENDFD-DNZFUL" heißt der Titel des Koalitionsvertrages in der Abkürzung -und bleibt damit der Killer für die Bekanntheit des Buches, urteilt Marc Reichwein in der "Welt". Auch bei anderen Kriterien zeige das Werk Schwächen.

"Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt für unser Land",

so lautet der korrekte Titel des neuen Koalitionsvertrages. Kann man den abkürzen, fragt sich die Tageszeitung DIE WELT und bastelt diesen Buchstabenbandwurm:

"ENAFE-ENDFD-DNZFUL"

Marc Reichwein, der diesen in den letzten Tagen wohl meistgelesenen deutschen Text einer Literaturkritik unterzieht, kommt zu folgendem Urteil:

"Der Titel ist und bleibt ein echter Killer für die Bekanntheit dieses Buches."

Schwächen bei den überfrachteten Figuren

Auch bei anderen Kriterien schwächelt die GroKo-Prosa. Etwa bei den Figuren:

"Ein ziemlich schlechtes Werk, weil es einerseits an zu wenig konkreten Charakteren und andererseits an Figurenüberfrachtung leidet. Ganz oft spricht ein Kollektiv namens 'wir'. Trotzdem wird hier und da deutlich sichtbar, dass unterschwellig mindestens drei Charaktere mit verteilten Rollen sprechen."

So geht Reichwein unter anderem die Gattungsfrage, den Aufbau und die Werksaussage durch. Eher inhaltlich hat Jörg Häntzschel von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG das Werk gelesen, auf Kunst und Kultur bezogen und verglichen mit dem Vertrag von 2013:

"Damals war fast ausschließlich von Kulturinstitutionen die Rede, jetzt ist nicht nur die Kreativwirtschaft ins Kulturkapitel gewandert, auch gesellschaftliche Fragen werden dort verhandelt. Geschlechterkrieg, Integration oder Rechtsruck sind nun Angelegenheit der Kultur und sollen mit kulturellen Mitteln gelöst werden."

Die Games-Branche ist erfreut

Ganz konkret freuen darf sich, laut Häntzschel, eine ganze Branche, die bisher nicht unbedingt in der Kulturecke stand:

"Wir wollen seitens des Bundes eine Förderung von Games zur Entwicklung hochwertiger digitaler Spiele einführen, um den Entwicklerstandort Deutschland zu stärken.",

Das steht jetzt so im ENAFE-ENDFD-DNZFUL, also im Koalitionsvertrag. Was für Computerspiele damit gemeint sein könnten, erklärt Axel Weidemann von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG:

"Die Frage, ob das Videospiel 'Shadow of the Colossus' hohe Kunst ist, erregt die Gemüter. Kritiker bewundern, was sie nicht verstehen. Spieler sind aus demselben Grund frustriert. Man kann sich jedenfalls nicht sattsehen."

Gespielt wird "Shadow oft the Colossus" auf der Playstation und es kostet immerhin zwischen 40 und 50 Euro. Für die, die Computerspiele eher über die Schultern ihrer Kinder betrachten, geht Weidemann ins Detail:

"Eine tote Maid namens Mono, ein junger Mann (Wander), sein Pferd, sein Schwert, sein Bogen, sechzehn ziemlich beeindruckende Kolosse und eine gehörige Portion Landschaft. Durch diese – also durch Steppen, Wälder, Schluchten, über Hänge, Ufer, Strände und hinein in uralte Ruinen – reitet Wander, um die Kolosse zu finden und zu besiegen. Und reitet und reitet und reitet. Denn erst wenn er die sechzehn erlegt hat, soll dem toten Mädchen wieder Leben eingehaucht werden."

Wenn Sie jetzt nicht sofort verstehen, was daran so toll ist, dann fragen sie einfach noch mal im Kinderzimmer nach oder beim Nerd ihres Vertrauens.

"Is Merkel gonna be kicked out?"

Und wer denkt das Zustandekommen der Großen Koalition bewegt nur die deutschen Künstler, den belehrt Jan Paersch von der TAZ eines Besseren. Er hat Joan As A Police Woman zum Interview gebeten. Die amerikanische Sängerin, die bürgerlich Joan Wasser heißt, sollte eigentlich ihr neues Album erklären, aber

"Sie hatte davon gehört, wie schwer es der bundesdeutschen Kanzlerin Angela Merkel bei den Koalitionsverhandlungen gemacht wird. 'Is Merkel gonna be kicked out?', fragt Wasser gleich zu Beginn des Interviews und gibt sich empört. Ob man die Politikerin loswerden wolle? Offensichtlich genießt Angela Merkel auf der anderen Seite des Atlantiks bei engagierten Linken Kultstatus."

Vielleicht gilt ja für die Kanzlerin und für die neue Regierung, wenn sie denn tatsächlich zustande kommt, und überhaupt für uns alle eine Überschrift aus der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG:

"In deinen Mängeln liegt die Kraft."

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