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Kulturpresseschau | Beitrag vom 13.02.2018

Aus den FeuilletonsDarf ein Künstler kriminell sein?

Von Tobias Wenzel

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Das Gemälde "Hylas und die Nymphen" (1896) des britischen Malers John William Waterhouse. Das Ölgemälde zeigt eine Szene aus der antiken Mythologie, in der ein junger Mann von mehreren nackten Nymphen in einen Teich in den Tod gelockt wird.  (imago)
"Hylas und die Nymphen" - die Manchester Art Gallery hatte ein Bild mit nackten Nymphen abgehangen. (imago)

Warum man nicht erwarten darf, dass ein großes Werk auch von einem moralisch integren Künstler erschaffen wurde, erläutert die "FAZ" und beklagt einen Opportunismus gegenüber dem Zeitgeist bei der Forderung, die Werke solcher Künstler nicht mehr zu zeigen.

"Ich kenne keine Epoche außer den Zeiten des Totalitarismus, in denen vorausgesetzt wurde, dass einem bedeutenden Werk ein moralisch makelloser Künstler entsprechen müsste", sagt der Kunsthistoriker Horst Bredekamp und Autor des Buchs "Der Künstler als Verbrecher" im Interview mit Stefan Trinks von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG.

Die Abgründe des Lebens kennen

"Für alle nichttotalitären Zeiten galt das Gegenteil: Wer die Sphäre unvergänglicher Werke ausfüllte, der musste auch die Abgründe des Lebens kennen oder gar verkörpern." Anlass für das Interview ist unter anderem die #MeToo-Debatte und die darin erhobene Forderung, nicht mehr die Werke von Künstlern zu zeigen, die sich frauenfeindlich oder sogar kriminell verhalten haben sollen.

Das sei ein "peinlicher Opportunismus" gegenüber dem "Zeitgeist", kritisiert Bredekamp. Früher sei es zum Beispiel zu Recht undenkbar gewesen, die Werke des Bildhauers Benvenuto Cellini "zu verbergen oder gar zu zerstören", weil der ein Mörder gewesen war.

Allerdings hatte die Verehrung der Künstler aus heutiger Sicht, die von der Gleichheit aller vor dem Gesetz ausgeht, einen extremen Auswuchs: Damals, im 16. Jahrhundert, erläutert Bredekamp in der FAZ, sei Cellini für einen seiner Morde sogar von Papst Paul III. von jeder Art der Strafe befreit worden, weil der Künstler – so die damalige Vorstellung – "gottgleich […] ‚aus dem Nichts‘" Werke erschaffen habe.

Das Muster der Hexenjagd

"Heute ist die Situation um 180 Grad gedreht: Der Künstler wird nicht strafbefreiend herausgehoben oder gleichbehandelt, sondern von Presse und Medien als Exempel ausgeleuchtet. Er wird zum Paradebeispiel von Verurteilungen, ohne dass diese gerichtlich geprüft wären. Es kommt kaum über die Lippen, aber es entspricht dem Muster der Hexenjagd."  

Apropos um "180 Grad gedreht":  "Die Idee ist absolut genial", schreibt Claudia Tieschky in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG über den Spielfilm "Aufbruch ins Ungewisse", der am Mittwochabend im Ersten läuft, aber schon vorab in der Mediathek zu sehen ist:

Blonde Europäer wollen Asyl in Afrika

"Ein Film, der die Verhältnisse auf der Welt so krass ins Gegenteil verkehrt, dass man als Zuschauer zwangsläufig die Perspektive wechseln muss. Das heißt […], dass Europäer als unerwünschte Asylbewerber an den Küsten Afrikas landen, dass sie Schleppern ausgeliefert sind, dass blonde Kinder im Meer ertrinken und die Überlebenden in einem Staat festsitzen, der sie zurückschicken will."

Klingt vielversprechend. Aber dann verreißt Claudia Tieschky den Film genauso wie fast alle Kollegen in den Feuilletons. "Furchtbar gut gemeint" heißt es voller Mitleid in der TAZ.

Tobias Sedlmaier hält den Film für eine "plumpe Schwarz-Weiss-Umdrehung" und schreibt in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG: "Und für die Argumentation derjenigen Schreihälse, die der ARD wutentbrannt Staatspropaganda vorwerfen, ist ‚Aufbruch ins Ungewisse‘ Wasser auf die Mühlen."

Rechtsextremismus als geringste Gefahr

Offenbar auch Wasser auf die Mühlen von Henryk M. Broder. Anstatt den Film einer Kritik zu unterziehen, nutzt ihn der für seine islamkritischen bis islamophoben Ausführungen bekannte Publizist in seinem Artikel für die WELT nur als Anlass, um sein Gedankengut zu verbreiten.

Mit Sätzen wie: "Die Utopie der offenen Grenze ist zu einem Albtraum geworden." "Der Willkommenskultur geht die Puste aus." Und: "Von allen Gefahren, die Europa drohen, dürfte der Rechtsextremismus derzeit die geringste sein." Da weiß man gar nicht, was unangenehmer ist: Broders rechter Populismus oder der missglückte Film gegen den Populismus von rechts.

Drum zum Schluss noch schnell etwas Angenehmes: warme Pullover. Anja Maier nennt in der TAZ "sechseinhalb Gründe, warum Sigmar Gabriel noch einmal Außenminister werden sollte". Grund Nummer drei: "Sigmar Gabriel hat schöne Strickpullis."

                 

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