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Kulturpresseschau | Beitrag vom 10.06.2018

Aus den FeuilletonsDarauf ein kräftiges "Hu!"

Von Ulrike Timm

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Islands Fans feiern bei der Fußball-WM ihre Nationalmannschaft. (Peter Kneffel, dpa picture-alliance)
"Hu!" - der Schlachtruf isländischer Fans bei der Fußball-WM. (Peter Kneffel, dpa picture-alliance)

Asylpolitik, Neue Musik, Ballett und Hymnen – die Feuilletons haben diesmal eine besonders große Themenbreite. Und auch die isländische Künstlerin Björk hat einen Auftritt, als imaginierte Retterin der isländischen Nationalhymne.

"Der Staat sollte kontrollieren, wer ins Land kommt und bleiben darf. Seit Jahrzehnten aber kennzeichnen die Schwierigkeiten, das durchzusetzen, die Migrationspolitik", meint der Politikwissenschaftler Stefan Luft in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG.

Seit Jahrzehnten ist das so, also nicht erst seit Herbst 2015, so das Fazit des Artikels. "Allein die Allgemeine Verwaltungsvorschrift des Bundes zum Aufenthaltsgesetz umfasst 390 Seiten", lesen wir, und weiter: seit 2015 "im Schnellverfahren" gewonnene und blitz-qualifizierte Entscheider eingesetzt würden, genügten Verfahren "zu erheblichen Teilen immer weniger den Standards".

Am Rande des Systeminfarkts

2013 bereits hielt ein leitender Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums die Lage dadurch gekennzeichnet, "dass man sich mit der Anwendung des überkomplexen Aufenthaltsrechts in einem ausgefeilten rechtsstaatlichen Verfahren mit personell unterbesetzten Verwaltungen, endlosen Gerichtsverfahren und einem schwindenden Vollzugswillen am Rande des Systeminfarkts bewegt." Dass sich daran Grundlegendes ändert, sei nicht zu erwarten, so die FAZ achselzuckend.

Schwenken wir um auf die Künste, die nicht seit Jahrzehnten, sondern seit Jahrhunderten von Migration und kulturellem Austausch mitgeprägt sind: Tanz und Musik. Klar, da muss man nicht so viel reden, das macht einiges auch einfacher.

Beide, Tanz und Musik, sind ausgesprochen körpergeprägt bis sportlich, was sich auch in Titelzeilen widerspiegelt: "Acht Hörner bei dialektischen Klimmzügen" hat Max Nyffeler bei den Musica viva Tagen in München erlebt, sehr zur Freude des Rezensenten, der ja nicht mitturnen musste.

Kratzen, Schaben, Atmen, Provozieren

Die Klimmzüge - oder wenigsten instrumentalen Schwierigkeiten - hat Helmut Lachenmann für die acht Hornisten komponiert, früher wurde er böse als der "Großmeister des Kratzens, Schabens, Atmens und Provozierens" tituliert, so die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, inzwischen ist Lachenmann einer der erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart.

Das Publikum kam zuhauf, und es bestand nicht nur aus durchgeistigt-theoriegesättigten Jüngern der Neuen Musik, das betont die FAZ. Und Reinhard Brembeck, ebenfalls begeistert vom zehntägigen musica-viva Festival in München, das ja sonst nicht als allzu avantgardesüchtig gilt, schreibt in der SÜDDEUTSCHEN:

"München leistet sich ein Musikfestival, das sich grundlegend und unverkennbar von allen anderen unterschiedet. Ich werde nie wieder am Starnberger See oder im Biergarten sitzen können, ohne an Lachenmann zu denken." Das mag nicht allen so gehen, ist aber ein veritables Kompliment für jedweden Hornisten-Klimmzug, ob dialektisch oder nicht.

Verkeilte Tänzer in "Schwanensee"

"Düsseldorfer Hängung" überschreibt die SÜDDEUTSCHE ihre Rezension von Martin Schläpfers neuer Schwanensee-Choreographie, und sieht man dazu das Foto zweier schwer ineinander verkeilter Tänzer, mag man da nix Gutes vermuten.

Dem ist aber nicht so. Anders als die Kollegin der FAZ, die die Aufführung als "tiefste Provinz, Provinz mit Geld" verreißt, ist Dorion Weickmann von der Süddeutschen vom "Schwanensee 2.0" schwer begeistert und hält den neu gedachten Ballettklassiker schlicht für "eine Offenbarung".

Selten zwei so fundamental unterschiedliche Rezensionen gelesen. Tanzbegeisterte müssen also nach Düsseldorf und selber gucken – und können da gleich die "Düsseldorfer Hängung" auf ihren Sinngehalt mit überprüfen.

Andere haben vielleicht mehr Vergnügen an all den Hymnen, die Manuel Brug in der WELT im Vorfeld der WM in seiner "Ode an die Hymne" schon mal abklopft. Im Selbsttest des DauerHymnenHörens, um den wir den Kollegen nicht beneiden, hat er festgestellt: "Trommelwirbel, Piccoloflöte und bluttriefende Verse" sind fast immer dabei, Islands Hymne aber beispielsweise sei dunkel und fad, "nicht sehr typisch, da müsste Björk ran."

Aber erinnern Sie sich noch an den Schlachtruf, der den Fans der Isländer bei der letzten EM jede Menge Sympathien einbrachte? Vielleicht ersetzen sie den Singsang ja einfach durch ein kräftiges "Hu"…

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