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Montag, 20.11.2017

Kulturpresseschau | Beitrag vom 13.11.2017

Aus den FeuilletonsAnti-Nazi-Ballerspiel ohne Shoa

Von Hans von Trotha

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Ein Screenshot aus dem Ego-Shooter "Wolfenstein II" zeigt den sogenannten Super-Soldier (Bethesda 2017)
Ein Screenshot aus dem Ego-Shooter "Wolfenstein II" zeigt den sogenannten Super-Soldier (Bethesda 2017)

Im Ego-Shooter "Wolfenstein II" fehlt der historische Kontext: Keine Hakenkreuze, keine Shoa - und Hitler heißt dort Heiler. Die "TAZ" kritisiert, dass so der antifaschistische Charakter des Spiels verloren gehe.

Was man so guckt, liest oder spielt, ist alles andere als unschuldig.

"Was guckst du? ", fragt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. "In den USA", meint Kathrin Werner, "hat das Fernsehen seinen Anspruch als Kulturstifter für die Massen aufgegeben … Es gibt überhaupt nur drei aktuelle Sendungen", zitiert Werner die Marktforschungsfirma Fizziology, die links und rechts vereinen: der Reality-TV-Tanzwettbewerb Dancing with the Stars, Star Trek:Discovery und die Weltall-Comedy-Serie The Orville." Statt einer Massenkultur", wie es das Fernsehen der Vergangenheit war, "entwickelt sich eine `Masse der Nischen´."

Das, zitiert Werner, "prognostizierte Chris Anderson, der ehemalige Chefredakteur des Magazins Wired, schon … 2006 … Wir würden das Zeitalter verlassen, in dem sich die Menschen in der Kaffeeküche im Büro treffen und darüber sprechen, was sie hören, schauen und lesen."

Lieblingslektüre einer Zehnjährigen: Speers Memoiren

Dabei lohnt sich das. Wie sehr, das zeigt ein Text der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie in der WELT. Sie hat gerade das Buch wiedergelesen, das als Zehnjährige ihre Lieblingslektüre war: "die Memoiren des Hitler-Architekten Albert Speer". - "Was war es", fragt sie, "das mich mit zehn an den Memoiren eines Nazis, de facto Hitlers zweiter Mann, so sehr gefesselt hat?"

Sie erkennt in dem Buch "eine aalglatte Ehrlichkeit, deren Ziel es ist, zu entwaffnen. Falls mich das als Kind entwaffnet hat – als Erwachsene stößt es mich ab. … Als Kind erkannte ich nicht, dass dieses Buch ein eloquentes Projekt der Exkulpation war, noch bemerkte ich, wie sehr es von Speers gesellschaftlichen Privilegien begünstigt wurde. Speers Klassendünkel sind immer subtil präsent … Er verachtet Bormann", gibt sie ein Beispiel.

"Er hat nicht so viel gegen das, was Bormann tut, eher gegen die Grobheit, mit der er es tut – als wäre Bormanns Mordlust weniger anstößig, wäre er ihr mit etwas Finesse nachgegangen."

Warum die Gewalt in Afrika eine andere ist

Es ist faszinierend, wenn durch den Schleier dieser Wiederlektüre Ngozi Adichies eigene Existenz schimmert: "In meiner Abschlussklasse in Yale", schreibt sie, "sagte einmal ein Kommilitone, der sich mit dem Krieg in Sierra Leone beschäftigte, zu mir: `In Afrika ist Gewalt anders.´ In diesem Wort, `anders´, steckte ein unterdrückter Schauder. Er meinte: dem Zerhacken von Menschen mit Macheten fehlte etwas, das es erträglicher hätte machen können – eine kaltblütige Eleganz, Effizienz, Distanziertheit."

"Ich werde", schreibt Ngozi Adichies, "mich immer an diesen Studenten erinnern, weil er mir die westliche Idee erhellte, dass Verderbtheit, wenn sie denn nur von einer bestimmten Art von Mensch und auf eine bestimme Weise begangen wird, etwas ist, mit dem zu beschäftigen sich lohnen kann."

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG behandelt Esther Widmann passenderweise unter dem Titel: "Massaker und ein paar schöne Souvenirs" das "Verhalten deutscher Archäologen während der Besatzung Griechenlands".

Sie zitiert einen gewissen Ulf Jantzen, der für den Kunstschutz nach Kreta geschickt wurde und seine Erinnerungen für das Deutsche Archäologische Institut aufschrieb – "wohlgemerkt", wie Widmann betont, "im Jahr 1995. …  In jovialem Plauderton berichtet da Jantzen … , von einer `brauchbaren Dienstanweisung´ und seiner sofortigen Bereitschaft, nach Kreta zu gehen, `da ich Kreta noch nicht kannte´ – als habe er den Krieg als Reisekatalog wahrgenommen, in dem man die schönsten Ziele abhakte."

So faszinierend aufschlussreich Chimamanda Ngozi Adichies Wiederlektüre von Speers Selbstexkulpationsepos, so gruselig unreflektiert erscheinen diese Erinnerungen eines Besatzers.  

Shoah? Hitler? Was war das nochmal?

Inzwischen hat das Thema Nationalsozialismus auch die Spielewelt erreicht. In der TAZ berichtet Matthias Kreienbrink, wie "aus dem Videospiel `Wolfenstein 2 ´ … in Deutschland sämtliche Bezüge zum Nationalsozialismus und zur Shoah entfernt (wurden). … Hitler gibt es hier nicht, der heißt `Herr Heiler´ – freilich ohne den markanten Schnauzbart."

Jedoch: "Aus `Wolfenstein 2´ wurden nicht nur Hakenkreuze oder SS-Runen entfernt. Hier fehlt auch die Shoah komplett – obwohl sie in der englischen Version ausführlich vorkommt." Kreienbrink moniert, "dass damit dem Spiel sein antifaschistischer Charakter genommen wird."

Und was sagen amtliche Spieleprüfer? "Hitler hätte natürlich drinbleiben können." Von der Shoah ganz zu schweigen.

Man mag gar nicht so recht zuende denken, welche Vorsicht da gewaltet hat.

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