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Kulturpresseschau | Beitrag vom 03.12.2017

Aus den FeuilletonsAn den eigenen Differenzen irre werden

Von Klaus Pokatzky

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Innenansicht der Kuppel des Reichstagsgebäudes in Berlin vom 19.06.2014. (picture alliance / dpa / Daniel Kalker)
Innenansicht der Kuppel des Reichstagsgebäudes in Berlin vom 19.06.2014. (picture alliance / dpa / Daniel Kalker)

Das politische System hierzulande biete ideale Voraussetzungen für eine Minderheitsregierung, schreibt die "FAZ". Ängste vor Weimarer Zuständen seien unbegründet, meint der Historiker Heinrich August Winkler in der "SZ". Und dennoch scheuten alle Parteien davor zurück.

"Was ist wichtig im Leben? Wirklich wichtig."

Das fragte der Schriftsteller Navid Kermani, als ihm am Montag der Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen wurde.

"Die Schlagzeilen vom Tag, also gerade etwa die gescheiterten Jamaika-Verhandlungen?", fragte er weiter in seiner Dankesrede, die die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG in schönster Gänze abdruckte.

"Sicher, Politik berührt unmittelbar unser Leben; aber ob wir nun in Deutschland diese oder jene Regierung bekommen, das ist – zum Glück!, weil es keine Frage mehr von Krieg und Frieden ist, keine Frage des nackten Überlebens wie in anderen Ländern der Welt, von Freiheit oder Unfreiheit."

Als es um die Nachfolge von Bundespräsident Joachim Gauck ging, war Navid Kermani von verschiedenen Medien als möglicher Kandidat ins Rennen geworfen worden.

Lockerer Nachmittag im Schloss Bellevue

"Frank-Walter Steinmeier fühlt sich seit Jahren hingezogen zur Literatur", heißt es in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG zu dem Mann, der dann als Bundespräsident in Schloss Bellevue einziehen durfte und dort nun drei Literaten empfing: Daniel Kehlmann, Eva Menasse und Salman Rushdie.

Schloss Bellevue vor grüner Wiese und unter blauem Himmel (dpa / Lukas Schulze)Schloss Bellevue, der Amtssitz von Bundespräsident Steinmeier (dpa / Lukas Schulze)

"Im lockeren Gespräch mit Steinmeier hat Rushdie schnell die Lacher auf seiner Seite", stand in der Tageszeitung TAZ, "als er (der immer noch von islamistischen Fanatikern mit dem Tode bedroht wird) den Unterschied zwischen Deutschland und den USA damit erklärt, wie wenig vorstellbar im Vergleich zu hier eine Begegnung mit ihm und Trump im Weißen Haus sei."

Das schrieb Andreas Fanizadeh über einen lockeren Nachmittag.

"Es war der Nachmittag jenes Donnerstags, an dem er abends als präsidialer Vermittler Bundeskanzlerin Angela Merkel, Martin Schulz und Horst Seehofer empfangen würde, um die Chancen für eine abermalige große Koalition auszuloten", so die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG.

"Frank-Walter Steinmeier war immer Funktionär und Amtspolitiker durch und durch – und hat sich seit jeher zugleich fürs Feuilleton zuständig gefühlt", meint Julia Encke. "Bisher war das keine überzeugende Mischung. Jetzt aber gewinnt er genau dadurch in einer einzigartigen politischen Situation an Größe. Wahrscheinlich kennt niemand so gut wie er alle handelnden Personen, auf die es jetzt ankommt, ihre Eitelkeiten und Ängste genau so wie ihre Interessen und Fähigkeiten."

Und so einer wird jetzt dringend gebraucht, damit wir endlich wieder eine Regierung kriegen, die nicht nur geschäftsführend ist.

Ängste vor einer instabilen Republik

"Einmal ging eine Regierungsbildung schief, und sofort flackerten Ängste vor einer instabilen Republik umher", tönte die Wochenzeitung DIE ZEIT düster. "Ein wohlhabendes, globalisiertes Land mitten in Europa droht an seinen Differenzen irrezuwerden, die lange Jahre als Beweis von Vielfalt und Freiheit galten", schrieb Thomas E. Schmidt, der an alldem vielleicht selber schon etwas irre geworden ist: "Der bundesdeutsche Pluralismus ist heute kein Multikulturalismus mehr, sondern fühlt sich inzwischen an wie eine Krankheit zum Tode der Demokratie."

Da rufen wir doch lieber ganz schnell nach einem nüchtern-fachkundigen Arzt. "Kaum ein Staat bietet für eine Minderheitsregierung so gute Voraussetzungen wie Deutschland", war in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN zu lesen.

"Gefragt nach den Möglichkeiten einer Minderheitsregierung, antworten die meisten Experten, das könne im Allgemeinen gut funktionieren, aber nicht in Deutschland", schrieb der Politikwissenschaftler Roland Czada. "Sie beziehen sich auf Länder, die häufig bis nahezu ausschließlich von Minderheitskabinetten regiert wurden, kennen aber anscheinend das deutsche Regierungssystem nur oberflächlich. Es bietet mit Blick auf das Grundgesetz, den kooperativen Föderalismus, seine vielgelobte und oft gescholtene Konsenskultur und die Funktionsweise des Parteienwettbewerbs im Bundesstaat die besten Voraussetzungen für eine Minderheitsregierung."

Aber die Republik von Weimar, wir manch einer da rufen, mit ihren gefährlich instabilen Minderheitsregierungen?

"Eine Minderheitsregierung ist heute etwas völlig anderes als in der Weimarer Republik", meinte der Historiker Heinrich August Winkler in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Heute gibt es nicht nur einen breiten Verfassungskonsens, sondern auch ein hohes Maß an außenpolitischer Übereinstimmung zwischen allen Parteien mit Ausnahme der AfD und der Partei Die Linke."

Tausende von Menschen stehen am 30.06.1931 vor dem Berliner Postscheckamt, um ihr Guthaben abzuheben. | (picture-alliance / dpa / dpa - Fotoreport)Geldknappheit im Berlin der Weimarer Republik (picture-alliance / dpa / dpa - Fotoreport)

Die wirklich wichtigen Dinge im Leben

Und damit kehren wir jetzt doch mal wieder zu unserer Eingangsfrage zurück: Was ist nun wirklich wichtig im Leben, Navid Kermani?

"Die Antwort ist so banal, zugleich so evident, dass man sie kaum aussprechen mag. Denn sie läuft auf die üblichen Wünsche hinaus: Gesundheit, Familie, Arbeit, einen Partner, der verlässlich ist und einen zurückliebt."

So sagt der Literat noch in seiner Rede, die in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN nachzulesen war.

"Manche würden noch Gott anführen, der ihnen näher als die eigene Herzschlagader sei, die jenseitige Existenz; andere oder dieselben Menschen auch Musik oder Literatur."

Bleiben wir bei Gott – mit dem sind wir bei Weihnachten.

"Advent. Eine Zeit, in der wir unterwegs sind nach Weihnachten. Natürlich gemeinsam." So stimmte uns CHRIST UND WELT ein – die Beilage der ZEIT.

"Führt einen der Weg nach Weihnachten doch tatsächlich mal nach draußen, dann in die Schlange am Glühweinstand oder in die letzten analogen Kaufhäuser, in denen an den Samstagen vor Heiligabend mehr Schieben als Gehen möglich ist", warnte uns schon einmal Vikarin Hanna Jacobs. "Manchmal, gerade im Advent, ist alles, was ich will, ein Sofa. Einfach mal sitzen bleiben."

Viel Spaß dabei am Ersten Advent.

Mehr zum Thema

Salman Rushdie - "Eine Zeit, die seltsamer ist als jede Fiktion"
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 30.10.2017)

NRW-Staatspreis für Navid Kermani - Ein Prediger der Liebe
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 27.11.2017)

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