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Donnerstag, 18.01.2018

Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.02.2012

Aufstehn!

"Der (kommende) Aufstand" der "andcompany" beim Holland-Festival "Go West" in Oldenburg

Von Michael Laages

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Die "andcompany" markiert einmal mehr einen Spiel-Stil, der quer und widerständig zu konventionellen Theaterformen steht. Und in den besseren Momenten entsteht sogar ein Theater aus und mit eigener, stilbildender Energie.

Natürlich steht auch das titelgebende anonyme Polit-Pamphlet mit im Zentrum, das 2007 erschien und die Debatte darüber eröffnete, ob sich die krisenhafte Zustände der Gegenwart eventuell auswachsen könnten zu vorrevolutionären Zuständen im an sich so sicheren, fest gefügten Mitteleuropa bis es soweit wäre und "Der (kommende) Aufstand" beginnt.

Seither haben immerhin Massendemonstrationen in Spanien und Frankreich, Italien und (natürlich derzeit gerade) Griechenland die politischen Eliten in Unruhe versetzt; die "occupy"-bewegung gar, vom zukünftigen Präsidenten bespöttelt, markierte nichts weniger als die Globalisierung im Protest. Die aktuelle Produktion der "andcompany", dem freien Residenz-Ensemble im Berliner Theaterkombinat "Hebbel am Ufer", versucht diese Aktualitäten nun zurück zu binden an Friedrich Schillers historische Studie "Der Abfall der Niederlande von der Regierung Spaniens" und das quasi zeitgleich entstandene Drama "Don Carlos"; entstanden ist die spielerische Motiv-Montage für "Go West", das kleine Festival, das ein Wochenende lang aktuelle Theater-Arbeiten aus den Niederlanden im nordwestlichsten Theater der Republik zeigt.

Auch "Der (kommende) Aufstand" beginnt bei den Nachbarn. Schauspieler aus den Niederlanden wirken mit, und sie imitieren jene Aufstandssituation von vor 444 Jahren, als sich die Bürger als Bettler verkleiden mussten, als "Geusen", um der spanischen Krone die eigenen Forderungen vortragen zu können. Die neuen Akteure tragen aber auch die breiten Halskrausen der Epoche - und erkunden im Chor, wer und was sie sind: Bettler? Bürger? Schauspieler? Jedenfalls, so sagen sie, haben sie dieses Haus, das Theater, besetzt, also "gekraakt", und proben nun hier Haltungen im Aufstand aus. Die holländische Theaterszene sieht sich derzeit ja einem finanziellen Kahlschlag von apokalyptischen Ausmaßen ausgesetzt; und diese "Besetzungsprobe" ist darum auch ein kulturpolitischer Kommentar über die Grenzen hinweg.

Auch mit einer der großen Entdeckungen in der Geschichte globalen Welthandels wird die Geschichte vom Aufstand vermengt: mit der etwa zeitgleich zum Aufstand der Niederlande erfolgten Entdeckung von Erzen im bolivianischen Berg Potosi, der in der Folge zur wichtigsten Silbermine (und damit Kapitalquelle) der Welt wird. Der Zusammenhang von Freiheitsdrang und Kapitaltransfer zählt zu den wesentlichen Behauptungen der Material-Montage; und die Bühne, ein Theaterchen im Theater, sieht zunächst auch wie Berg ganz aus Silber aus. Und der Berg spricht sogar.

Dann treten die Darsteller tatsächlich in Schillers "Carlos"-Fabel ein; en gros (mit der Beschwörung der politischen Revolte) und en detail (mit Carlos' hier eher etwas alberner Liebe zur eigenen Mutter). Ein echter König Philipp markiert einen der (wenigen) roten Fäden im Spiel; daneben steigen die Spieler immer wieder gerne aus, stimmen Lieder zur Gitarre an (sogar das legendäre "Aufstehn!", diesen immergrünen Massenbewegungssong, von Georg Danzer gesungen Ende der 70-er Jahre, hier allerdings in der zarteren holländischen Orignal-Version der Gruppe "Bots") und entwerfen messerscharfe Text-Miniaturen.

Wie die massive Tirade vom politischen Großreinemachen: miese Manager? Weg damit, knallhart durchgreifen! Korrupte Politiker? Weg damit, knallhart durchgreifen! Arbeitsmigranten aus Afrika? Weg damit, knallhart durchgreifen; und während uns der Darsteller mit diesen immer radikaler und immer populistischer gehaltenen Parolen immer näher auf den Leib rückt, ist er untenrum nackt, also eher peinlich. Was ist uns nun aber peinlicher: die nackten Gedanken oder der indezente Auftritt? Das sind starke Momente, die natürlich nichts mit Schiller und "Don Carlos" zu tun haben - aber sich im Performance-Humus des szenischen Drumherum gut entwickeln können.

Da ist der Abend denn auch weitaus stärker als in der historischen Beglaubigung durch Schiller, die Geusen und den Berg Potosi - und die "andcompany" markiert einmal mehr einen Spiel-Stil, der quer und widerständig zu konventionellen Theaterformen steht. Und in den besseren Momenten entsteht sogar ein Theater aus und mit eigener, stilbildender Energie.

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