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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.06.2011

"Aufständische befinden sich auf der Vorfahrtstraße"

"Kinderhilfe"-Aktivist zur Zukunft von Afghanistan

Reinhard Erös im Gespräch mit Britta Bürger

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Reinhard Erös (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)
Reinhard Erös (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)

Er hat unzählige Projekte in Afghanistan realisiert: Mädchenschulen, Waisenhäuser und Krankenstationen. Reinhard Erös hat daher einen anderen Blick als Politiker und Militärs auf die Präsenz des Westens am Hindukusch. Er fordert eine realistische Einschätzung der Lage: Die Gespräche mit den Taliban würden der Not gehorchen.

Britta Bürger: Nichts Genaues weiß man nicht, nur soviel: Es gibt wohl erste Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban in Afghanistan. Das Wort Friedensgespräche ist aber noch viel zu groß. Derzeit sind es wohl eher Gespräche über Gespräche, denn dass man diesen Krieg militärisch lösen kann, daran glaubt mittlerweile niemand mehr. Doch wie spricht man mit dem Erzfeind? Wie lässt sich herausfinden, ob die Verhandlungspartner vertrauenswürdig sind?

Über die Chancen und Risiken solcher Friedensgespräche möchte ich jetzt mit Reinhard Erös sprechen. Der ehemalige Truppenarzt der Bundeswehr hat in den vergangenen 20 Jahren unzählige Projekte in Afghanistan realisiert: Mädchenschulen, Waisenhäuser und Krankenstationen. Noch immer pendelt er zwischen Afghanistan und Deutschland, weshalb ich ihn heute in Regensburg begrüße. Schönen guten Tag, Herr Erös.

Reinhard Erös: Grüß Gott nach Berlin!

Bürger: Was muss man sich denn genau darunter vorstellen, wenn das heißt, es gäbe Gespräche über Gespräche?

Erös: Das weiß ich nicht, das ist ja nun eine hochpolitische Sache, die da jetzt angeblich anläuft. Ich weiß nur eines: Der Grund, weshalb man das jetzt von Washington aus wohl betreibt, erinnert mich so ein bisschen an unseren deutschen Dichter Schiller nämlich, der da mal gesagt hat: Der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe! Wenn wir uns ein paar Jahre nur zurückerinnern: 2006 noch sagte der damalige Oberbefehlshaber der Nato, hier der General James Jones, dass die Zeiten der Taliban endgültig vorbei seien, dass Afghanistan ein friedliches Land wäre und so weiter. Und innerhalb weniger Jahre hat sich das ins Gegenteil verkehrt, das heißt, die Aufständischen in Afghanistan befinden sich auf der Vorfahrtsstraße, und da hat jetzt der Westen wohl erkannt, dass es nicht mehr so weitergehen kann.

Die Anzahl der toten eigenen Soldaten, also der Nato-Soldaten – letztes Jahr waren es etwa 720, zwei Jahre zuvor waren es noch 250 –, das geht quasi exponentiell nach oben, das gleiche betrifft auch die Anzahl der toten Zivilisten in Afghanistan. Das Militärische hat versagt und es muss jetzt beendet werden. In welcher Form man mit den Taliban oder mit den Aufständischen… es ist, glaube ich, besser, wenn man den Begriff Aufständische benutzt, weil es ja nicht nur Taliban sind, also Besucher einer Religionsschule, die in Afghanistan Widerstand leisten, sondern der geht weit über die Religiösen hinaus. Da gehören kriminelle Gruppen genauso dazu wie einfache, ganz normale Paschtunen, Väter, die ihr Recht auf Blutrache – das ist 3000 Jahre im Paschtunwali fixiert – wahrnehmen, weil in den letzten Monaten, in den letzten Jahren etliche ihrer Familienangehörigen, etwa durch Nato-Bomben, getötet worden sind. Der Widerstand in Afghanistan gegen die Präsenz westlicher Soldaten geht weit über die Taliban hinaus.

Bürger: Sie selbst mussten ja immer wieder mit Angehörigen der Taliban oder Aufständischen verhandeln, um ihre Projekte zu realisieren. Welche Erfahrungen lassen sich davon auf die große Politik übertragen?

Erös: Also, wenn ich es vom Ergebnis her sehe, dann eigentlich nur gute. Wir haben von Anfang an… wir arbeiten im Osten, im Südosten des Landes, das muss ich vielleicht dazu sagen, also in dem Gebiet, in dem die Paschtunen, die Hauptbevölkerungsgruppe Afghanistans, zuhause sind; und alle Taliban rekrutieren sich aus den Paschtunen, und auch ein Großteil der anderen Aufständischen rekrutiert sich aus den Paschtunen. Dort arbeiten wir seit 2001, seit 2002, und selbstverständlich müssen wir unsere Projekte mit den Einheimischen dort besprechen, durchdiskutieren. Das sind oft tage-, oft wochenlange Diskussionen, die wir da geführt haben, und da sind selbstverständlich alle Gruppen dieser einheimischen Bevölkerung mit integriert. Da sind Säkulare dabei, da sind religiös wenig Engagierte, und es sind eben sehr stark Religiöse dabei. Und mit denen machen wir das, manchmal funktioniert das …

Bürger: Aber woran erkennen Sie, ob jemand vertrauenswürdig ist oder nicht?

Erös: Im Gespräch! Sie haben ja keine andere Möglichkeit! Ich muss mit ihnen reden! Und der deutsche Altbundeskanzler Schmidt und auch, ich glaube, Schimon Peres, der Friedensnobelpreisträger, haben das ja immer gesagt: Reden, reden ist hier mal besser als schießen, schießen! Und auf diese Politik oder auf diese Philosophie haben wir von Anfang an gesetzt. In unsere Projekte dürfen von Beginn des Projektes an – also bereits bei der Grundsteinlegung bis hin dann zur Eröffnung etwa einer Schule – ausländische Soldaten nicht hinzugezogen werden. Die haben Zugangsverbot. Wir haben der Nato – bei uns sind es ja nur die amerikanischen Truppen – von Anfang an klar gemacht: Haltet euch bitte von unseren Einrichtungen und von unserem Personal fern. Einmal ist es für euch besser und zum Zweiten ist es für unsere Projekte besser. Keines unserer bisher gebauten und auch bis zum heutigen Tag exzellent laufenden Projekte – die Schulen, Sie haben das ja angesprochen, Waisenhäuser – ist bisher von Aufständischen angegriffen oder auch nur bedroht worden. Das heißt, die Philosophie, nicht auf Militär zu setzen, sondern Militär von den Aufbauprojekten fernzuhalten, hat bei uns in den letzten acht Jahren ausgezeichnet funktioniert.

Bürger: Anscheinend gibt es aber aus der afghanischen Gesellschaft heraus doch auch große Ängste vor einer Beteiligung der Taliban jetzt bei möglichen Friedensgesprächen. Es gibt einen offenen Brief der afghanischen Zivilgesellschaft an den deutschen Bundestag, in dem ein breites Bündnis von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen mehr Transparenz bei den Verhandlungen mit den Taliban fordern und überhaupt eine stärkere Beteiligung an den nationalen Entscheidungsprozessen. Wer gehört zu diesem Bündnis, das diesen offenen Brief geschrieben hat?

Erös: Hier gilt ähnliches, was ich vorher zu den Aufständischen gesagt habe. Die Aufständischen sind sehr heterogen, da haben wir, wie gesagt, die Religiösen, da haben wir die Kriminellen, da haben wir die Blutrache Nutzenden – ich sage das mal so –, und wir haben das gleiche auf der anderen Seite bei den Gegnern der Taliban. Dort haben wir ganz normale… "Demokraten" würden wir es hier bei uns nennen – also Säkulare, für die ja der Islam keine große Rolle spielt –, wir haben dort sogenannte Altkommunisten aus den 80er-Jahren, die während der sowjetischen Besatzung mit dem damaligen kommunistischen Regime kollaboriert haben, wir haben eine bunte Mischung. Und das Papier, von dem Sie jetzt sprechen, ist ja nun, soweit ich mich da informieren konnte, entstanden im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung – also wenn man so will, der Parteizentrale der Grünen in Deutschland, und das merkt man auch an der Diktion so ein bisschen –, und dieses Papier haben dann etliche afghanische Gruppen, darunter ausgesprochen honorige, andere Gruppen, wo man in Afghanistan mehr als nur die Stirn runzelt, unterschrieben.

Ich würde es natürlich schätzen, wenn in Afghanistan sich in fünf oder zehn Jahren ein politisches System entwickeln würde, das wir mit einem rechtsstaatlich-sozialstaatlich-demokratischen System, wie wir es bei uns haben, mit einer Zivilgesellschaft, wie wir sie bei uns haben, vergleichen könnten. Aber das ist Science Fiction! Afghanistan braucht noch ein halbes Jahrhundert! Mindestens! Wenn wir das richtig machen, wenn wir das falsch machen, noch länger, um auf einen ähnlichen Weg zu gelangen, zu dem wir in Europa, zu dem wir in Deutschland ja auch Jahrhunderte gebraucht haben.

Bürger: Aber viele dieser Projekte haben vermutlich Sorge, dass sie ihre Arbeit jetzt dann einfach nicht weitermachen können, die sie in den letzten Jahren aufgebaut haben, sollten die Taliban an einer künftigen Regierung des Landes beteiligt sein. Ist diese Sorge nicht berechtigt? Insbesondere Frauen fürchten Rückschritte, was ihre persönlichen Freiheiten angeht. Sehen Sie da Ansätze dafür, dass die Taliban bereit wären, zum Beispiel mit Frauengruppen zu kooperieren?

Erös: Nochmal: Frauenpolitik, weibliche Emanzipation, wie wir uns das bei uns vorstellen, da ist Afghanistan noch Jahrzehnte entfernt, da müssen wir uns davon trennen. Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt: Je mehr wir uns dort engagiert haben in dieser Richtung, desto verhüllter, desto mehr Burka tragende Frauen sieht man in Afghanistan. Das war vor acht Jahren noch ganz anders. Je mehr wir Militär dorthin geschickt haben, je mehr wir uns im westlichen Sinne politisch engagiert haben, desto mehr mussten die Frauen zurücktreten. Wenn ich jetzt ihre Frage bezüglich meiner Projekte beantworte: Von den 29 Schulen, die wir haben, sind 17 reinrassige Mädchenschulen, das heißt, die Lehrer sind alles Frauen! Und diese Schulprojekte, und natürlich auch die Tatsache, dass dort Frauen unterrichten, ist mit den Religiösen abgesprochen worden. Und die halten sich da auch dran, weil wir keine westliche Politik, vor allen Dingen kein westliches Militär in diese Einrichtungen reinbringen.

Das heißt, wir sollten – jetzt komme ich mal sozusagen auf eine Art Quintessenz – wir sollten viel mehr auf die Afghanen selber vertrauen. Das sind ja nun keine irgendwelche Kannibalen, die wir jetzt da aus dem Urwald locken müssen und ihnen zeigen müssen, wo die Sonne aufgeht. Afghanistan war ein Land, das bis Ende der 70er-Jahre funktioniert hatte. Es hat halt afghanisch funktioniert. Und das Desaster, in dem sich das Land jetzt seit '79 befindet, ist ja verursacht worden – fast ausschließlich! – durch ausländische Interventionen. '79 durch den Einmarsch der Sowjets, dann gingen die Sowjets '79 raus, dann kam Al-Kaida rein, also Araber, mit Unterstützung Pakistans. Jetzt seit 2001, 2002 sind Nato-, also westliche, Truppen dort. Das heißt, wenn wir imstande sind, Afghanistan wieder in einen Status quo ante, in einen Zeitpunkt vor 1979, vor dem Einmarsch der Sowjets zurückzubringen – und das halte ich für möglich! –, dann wird sich Afghanistan positiv entwickeln, im afghanischen Sinne. Afghanistan… es leben aus diesen 70ern und 60ern leben ja noch genügend Menschen, die sich noch erinnern an die goldenen Zeiten etwa eines König Sahir Schahs der 60er- und 70er-Jahre.

Ich kenne Afghanistan aus dieser Zeit nicht, aber ich habe mit hunderten von deutschen Entwicklungshelfern gesprochen, die damals in Afghanistan waren. Damals war Afghanistan ein wunderbares Land, in einer Zeit, als sich ausländische Mächte aus Afghanistan rausgehalten haben. Und das ist jetzt leider vorbei, und in diesen Status müssen wir wieder zurückkehren, sonst sehe ich keine Chance, dass es in Afghanistan vorwärts geht.

Bürger: Dennoch gibt es natürlich auf beiden Seiten mittlerweile extrem verfestigte Feindbilder. Wie lassen sich die überhaupt abbauen?

Erös: Indem man miteinander spricht! Das ist ganz einfach: Sie müssen miteinander sprechen. Und ich kann nicht mit jedem sprechen. Ich halte das aus meiner Kenntnis Afghanistans und Pakistans für undenkbar, dass man dann mit führenden Al-Kaida-Leuten ein normales Gespräch spricht, also mit diesen arabischen Terroristen; das ist eine ganz andere Sache! Bei den Taliban, bei den Paschtunen-Aufständischen handelt es sich nicht um Al-Kaida-Leute, das sind keine internationalen Terroristen! Auch das müssen wir uns wieder mal vor Augen halten.

Weder am 11. September 2001 noch bei irgendeinem anderen Terroranschlag, ob nun in Madrid oder in London oder in Bali oder auch bei den versuchten Anschlägen in Deutschland – bei keinem einzigen dieser Anschläger war auch nur ein einziger Afghane, ein einziger Paschtune, ein einziger Talib beteiligt. Und trotzdem führen wir diesen Krieg mit ungeheurem Aufwand ausschließlich in Afghanistan mit inzwischen – ich sage es noch einmal – zweieinhalbtausend toten westlichen Soldaten, 10.000 toten afghanischen Zivilisten, mit einem Kostenaufwand von bisher über 700 Milliarden Dollar; das müssen Sie sich mal vorstellen! Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde in einer so kurzen Zeit, nämlich in zehn Jahren, weniger als zehn Jahren, in ein so kleines Land wie Afghanistan – weniger als 30 Millionen Einwohner – ein Betrag von 700 Milliarden Dollar militärisch investiert, um es da zum Besseren zu bringen, und es hat sich eben nicht zum Besseren entwickelt, es hat sich bestenfalls den Status von 2002 erhalten.

Wenn Sie sich den Bericht der UNO oder genaugenommen von UNDP, dem United Nations Developement Program, vom letzten Jahr anschauen, der beschreibt die soziale und humanitäre Situation in Afghanistan. Und in diesem Bericht steht am Ende in der Zusammenfassung wörtlich: "Die humanitäre Situation der afghanischen Bevölkerung hat sich seit dem Sturz der Taliban nicht verbessert. Weiterhin haben über 90 Prozent der Menschen zum Beispiel keinen Zugang zu Trinkwasser." Und das noch mal aus dem letzten Jahr, in einem Jahr also, in dem allein die Bundeswehr für ihre 4.500 Soldaten 1,4 Millionen Liter Alkohol nach Afghanistan transportiert hat – also in ein Land, in dem Alkohol per Gesetz verboten ist –, das sind alles solche Dinge, die werden bei der Diskussion, die wir heute führen und die wir generell führen, überhaupt nicht berücksichtigt.

Bürger: Reinhard Erös von der Kinderhilfe Afghanistan. Er sieht die Chancen des Dialogs in Afghanistan als einzigen Lösungsweg. Ich danke Ihnen fürs Gespräch, Herr Erös!

Erös: Ich bedanke mich!

Informationen der Kinderhilfe Afghanistan

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