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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 01.11.2008

Atome, Raketen und Heisenbergs "Weltformel"

Die Lange Nacht von 1958

Von Paul Stänner

Auf der Weltausstellung in Brüssel wurde 1958  ein Gebäude in der Gestalt eines Atoms aufgestellt. (AP)
Auf der Weltausstellung in Brüssel wurde 1958 ein Gebäude in der Gestalt eines Atoms aufgestellt. (AP)

"Der Nierentisch ist tot" - verkündete die Süddeutsche Zeitung im Februar 1958. Der aktuelle Trend der Inneneinrichtung wandte sich wieder klaren Linien und rechten Ecken zu, als solle hier eine neue Ordnung gefeiert werden. Man kaufte großformatige Phonomöbel, denn man konnte es sich leisten. Und man wollte es sich leisten, doch nur 45 Prozent der gut beschallten Wohnungen hatten damals eine Dusche.

Das Atom avancierte zum kontroversen Wahrzeichen des Jahres: Auf der Weltausstellung in Brüssel wurde ein riesiges, silberglänzendes Gebäude in der Gestalt eines Atoms aufgestellt, um den unerschöpflich erscheinenden Energieträger zu feiern. Im selben Jahr fanden aber auch die ersten Ostermärsche statt, die vor den Gefahren eines drohenden Atomkrieges warnten.

De Gaulle gründet die V. Republik, im Nahen Osten werden alte Dynastien von Revolutionen weggefegt, im Süden wird die Antarktis zu Fuß durchquert und im Norden der Pol von einem U-Boot unterschwommen. Elvis Presley kommt als amerikanischer Soldat nach Bremerhaven, und die Bundesrepublik schüttelt es im Rock'n'Roll-Fieber. Chruschtschow bedroht wieder einmal West-Berlin und die DDR verkündet, sie wolle binnen drei Jahren auf demselben Wohlstandsniveau wie West-Deutschland stehen, die Lange Nacht über das Jahr 1958 lebt von Kontrasten.

Chronik des Jahres 1958 - Deutsches Historisches Museum

Das Jahr 1958 im Internet-Lexikon

Deutsches Rundfunkarchiv

In unserer Audiothek der Zeitgeschichte ist die folgende CD erschienen: Weltausstellung, Ostermarsch und Nabokovs "Lolita" … - Geschichte zum Hören 1958
Sie können Sie im audire-Shop des Deutschlandradios bestellen.

Auszug aus dem Manuskript:

Der Bundesbürger hat einen neuen Feind - es ist sein eigener Magen. Da sich Wohlstand und Versorgungslage in den letzten Jahren zunehmend verbessert haben, gilt jetzt auf breiter Front der Kampf - nicht mehr dem Mangel, sondern dem Überfluss. Weil es alles gibt, verschieben sich die Ernährungsgewohnheiten - weg von Kartoffeln und Getreideprodukten hin zu Fleisch in Mengen, Wurst ohne Ende und Eier, was die Hühner legen.

Der Verbrauch von Bier ist innerhalb von drei Jahren um mehr als das Vierfache gestiegen und liegt bei 85,24 Litern pro Jahr und Leber. Der Kaffeeverbrauch hat sich ebenfalls vervierfacht.

Der fette Bürger redet sich ein, dass dicke Menschen gemütlich seien und gewissermaßen ihre persönliche Erfolgsgeschichte auf der Hüfte tragen. Damit will er sich beruhigen, aber dann schrecken Horrormeldungen den satten Michel aus der Ruhe:

Fleischer mischen hochgiftiges Natriumnitrit in die Wurst, damit sie länger hübsch aussieht. "Lebensmittelskandal" ist ein Wort, an das man sich schon in den 50er Jahren gewöhnt.

Und eine neue Diagnose wird fällig: "Wohlstandskrankheiten" machen die Runde - Malaisen, die man nur bekommt, wenn man schon alles hat. Herz- und Kreislaufkrankheiten bedrohen den Wirtschaftswundermenschen, zur Freude der pharmazeutischen Industrie, die nun für ihre Gegenmittel Reklame macht.

"Was ist ein Herz-Infakt? Was können Sie tun, um der gefürchteten Arterienverkalkung vorzubeugen? "Flasche 12" verbindet den Vollwert von Frischknoblauch mit dem der Mistel, Rauwolfia und anderem in wohlabgewogener Kombination. "Flasche 12" enthält zartgrüne Dragees."

Auszug aus dem Manuskript:

Das Verhältnis der Geschlechter untereinander wurde in der Bundesrepublik neu geregelt. Noch 1948 war bei den Debatten um das Grundgesetz in der ersten Lesung ein Verfassungsvorschlag gescheitert, der die völlige Gleichberechtigung von Männern und Frauen vorsah. Erst nach heftigen Protesten der Frauen, die kriegsbedingt in der Überzahl waren, wurde 1949 in das Grundgesetz die gewichtige Formulierung aufgenommen:
"Männer und Frauen sind gleichberechtigt."

Da lag sie nun. Im Grundgesetz. Ansonsten befand sich die Gleichberichtigung in etwas, was die Juristen einen "gesetzlosen Zustand" nennen. Denn trotz Fristsetzung und Rechtsauftrag sah sich das Parlament nicht in der Lage, das Grundgesetz mit rechtlichem Normen in den Alltag zu überführen und überließ es den Gerichten, bei ihren Urteilen zu entscheiden, wie das Grundgesetz es wohl gemeint haben könnte.

Mitte 1957 wurde dann ein Gleichberechtigungsgesetz verabschiedet.

Damit sich in dieser heiklen Angelegenheit aber nichts überstürze, sollte es erst elf Monate später in Kraft treten, also am 1.Juli 1958. Damit war das Parlament knapp dem Vorwurf entkommen, es brauche zehn Jahre, um dem Grundgesetz Genüge zu tun.

Das neue Gesetz erlaubt es der Frau, Vermögen, das sie selbst in die Ehe eingebracht hatte, auch selbst zu verwalten. Im Falle einer Scheidung wird die Ehe als Zugewinngemeinschaft angesehen, die Frau hat Anspruch auf ihren Anteil am gemeinsam erworbenen Gewinn. Die Frau darf jetzt auch ohne ausdrückliche Zustimmung des Mannes einer Arbeit nachgehen, aber nur, wenn dadurch ihre Pflichten in der Familie nicht beeinträchtigt werden.

Vorsichtshalber behielten von Gesetz wegen die Männer das endgültige Wort in Erziehungsfragen. So mochten sie wohl zu verhindern suchen, dass sich das gesetzestreue, aber irgendwie herr-schaftsfeindliche Gedankengut von der Mutter auf die Tochter übertrug.

Die rechtlich gut ausgestatteten Gegner der Verfassung waren fast durchgängig der Meinung, die Gleichberechtigung von Ehefrauen und Mütter brächten die Familie in Gefahr und überhaupt verstieße die ganze Sache gegen die natürliche Ordnung.

Gerade einmal fünfzig Jahre gibt es in der Bundesrepublik die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Man muss sich das immer wieder in Erinnerung rufen, wenn gerade von konservativer Seite aus penetrant gefordert wird, ein EU-Aspirant wie die Türkei müsse sofort Verhältnisse schaffen, wie sie im christlichen Abendland immer schon gang und gäbe waren.
Seit gerade einmal fünfzig Jahren.

Beilage von "Das Parlament: 50 Jahre Gleichberechtigung

Lange Nacht

Eine Lange Nacht über Wolken"Sehr weiß und ungeheuer oben"
Himmel (picture alliance/dpa/Foto: Maximilian Schönherr)

Für Bertolt Brecht symbolisiert das Bild der Wolke die verblassende Erinnerung an seine Jugendliebe Marie A., bei anderen Schriftstellern steht es für das Fremde und Rätselhafte oder das Vergehen von Zeit. Im Alten Testament stehen Wolken für die Allmacht Gottes. Mehr

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