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Samstag, 18.11.2017

Thema / Archiv | Beitrag vom 19.02.2009

Astronaut Reiter: Wir wissen mehr über den Mars als über den Mond

Thomas Reiter im Gespräch mit Matthias Hanselmann

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Die Astronauten Neil Armstrong and Edwin E. "Buzz" Aldrin errichten 1969 auf dem Mond die US-amerikanische Flagge (AP/NASA)
Die Astronauten Neil Armstrong and Edwin E. "Buzz" Aldrin errichten 1969 auf dem Mond die US-amerikanische Flagge (AP/NASA)

Auch gut 40 Jahre nach der ersten Mondlandung wissen wir nach Ansicht von Ex-Astronaut Thomas Reiter nicht sehr viel über den Erdtrabanten. "Es gibt für die Wissenschaftler noch viele Fragen, die zu beantworten sind, denn der Mond ist sozusagen ein Geschichtsbuch der Erde", sagte Reiter.

Matthias Hanselmann: Zu den vielen Ereignissen aus der Geschichte, die es in diesem Jahr zu feiern oder zu begehen gilt, gehört auch ein besonders spektakuläres aus dem Jahr 1969. Am 20. Juli landeten die ersten beiden Menschen auf dem Mond. Neil Armstrong und Edwin "Buzz" Aldrin. Gerade wurde im Berliner Naturkundemuseum das Buch "Der Mond. Entstehung, Erforschung, Raumfahrt" vorgestellt. Einer der Autoren ist Deutschlands bekanntester Astronaut Thomas Reiter, der für dieses Buch mit seinem Kollegen Buzz Aldrin ein sehr persönliches Gespräch geführt hat und der uns jetzt aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt zugeschaltet ist. Guten Tag, Herr Reiter!

Thomas Reiter: Hallo, Herr Hanselmann!

Hanselmann: Herr Reiter, wir wissen doch eigentlich schon fast alles über unseren geliebten Erdtrabanten. Was finden Sie denn am Mond heutzutage noch faszinierend?

Reiter: Eigentlich wissen wir noch gar nicht mal so viel darüber. Es ist vielleicht etwas verblüffend, dass wir eigentlich heute über den Mars mehr wissen als über den Mond, und das, obwohl Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre Menschen dort waren. Es gibt für die Wissenschaftler noch viele Fragen, die zu beantworten sind, denn der Mond ist sozusagen ein Geschichtsbuch der Erde. Und deshalb gibt es auch viele Vorstellungen, dorthin zurückzukehren, mit Sonden, Ende des nächsten Jahrzehnts möglicherweise mit Menschen – von der NASA ist Entsprechendes geplant –, um eben diese Fragen zu beantworten.

Hanselmann: Was haben denn die inzwischen doch relativ zahlreichen Mondbesuche der Menschen so alles gebracht – an Erkenntnissen, an Fortschritt?

Reiter: Es ist zunächst mal auf die Art und Weise ja etwa 400 Kilogramm an Mondgestein zurückgebracht worden. Dieses Gestein hat den Geologen Aufschluss darüber gegeben, aus welchen Mineralien der Mond grundsätzlich besteht. Es konnte immerhin Übereinkunft bei der Frage erzielt werden, woher der Mond stammt. Es gab verschiedene Hypothesen: zum einen, dass er sozusagen von der Erde, von der Anziehungskraft der Erde eingefangen wurde. Die Eintritttheorie besagte, dass er eigentlich aus der Erde herausgeschlagen wurde durch einen großen Meteoriten, der in die Erde einschlug und dann sozusagen einen Teil dort herausgelöst hat, der sich jetzt als Mond um die Erde bewegt. Und diese Hypothese scheint zumindest nach den Mondmissionen bestätigt worden zu sein.

Hanselmann: Ihr Beitrag zu dem Buch, das ich eben angesprochen habe, "Der Mond", besteht unter anderem in einem Gespräch, das Sie als Jungastronaut, sag ich mal, mit einem der beiden allerersten Moonwalker geführt haben, nämlich Edwin "Buzz" Aldrin. Sie selbst waren bei der ersten Mondlandung gerade mal elf Jahre alt. Durften Sie sie im Fernsehen sehen?

Reiter: Ja, und zwar hatten mir meine Eltern erlaubt, das bei Nachbarn zu sehen. Das fand ja mitten in der Nacht statt. Unsere Nachbarn hatten seinerzeit als Erste einen Farbfernseher, wenngleich die Übertragung vom Mond noch schwarz-weiß war, aber die ganze Dokumentation dazu war natürlich schon in Farbe. Und das habe ich mit sehr, sehr großer Begeisterung, mit bleiernen Augenlidern dann verfolgt.

Hanselmann: Wie ich gehört habe, haben Sie dann selber zu Hause im Garten Raketen gebastelt.

Reiter: Ja, das ist richtig. Das war natürlich ein Hobby seinerzeit. Ich habe mich zusammen mit meinen Freunden da unheimlich dafür interessiert. Wir haben die Aktivitäten der amerikanischen Seite, die Gemini-Flüge dann natürlich, die Apollo-Flüge verfolgt, haben selbst Raketenmodelle gebaut, später dann auch versucht, die Dinger zum Fliegen zu bekommen. Das war dann nicht immer zur Freude der Nachbarn.

Hanselmann: Passiert ist aber nichts Ernsthaftes?

Reiter: Nein, Gott sei Dank nicht.

Hanselmann: Herr Reiter, mit welchen Gefühlen sind Sie denn in dieses dokumentierte Gespräch mit Buzz Aldrin gegangen?

Reiter: Ja, das muss man sich nun so vorstellen: Buzz Aldrin und Neil Armstrong waren ja nun wirklich die Helden meiner Jugend, kann man sagen, die zuerst auf dem Mond standen. Ich kann mich auch heute noch sehr gut an dieses Gefühl erinnern, das ich damals schon hatte: Was muss das wohl für ein Eindruck sein, wenn man mit eigenen Füßen auf der Oberfläche eines fremden Planeten stehen kann. Und dann nach so vielen Jahren tatsächlich mal einem dieser Menschen persönlich gegenüberzustehen und mit ihm darüber zu sprechen. Er hat mich da wirklich mit auf die Reise genommen, das war überwältigend.

Hanselmann: Ist denn seine Begeisterung für die Raumfahrt ungebrochen, oder haben sich bei ihm inzwischen auch kritische Töne eingeschlichen?

Reiter: Ja, wissen Sie, das ist verschieden. Grundsätzlich, seine Begeisterung für die Raumfahrt ist nach wie vor da. Er hatte ja vor Kurzem auch hier in Deutschland einen Film vorgestellt, wo neue Aufnahmen von den Mondmissionen vorgestellt wurden, und ich glaube, da war auch ganz offensichtlich, dass er nach wie vor ein großer begeisterter Fan der Raumfahrt ist. Aber es gibt auch Aspekte, die mich etwas überrascht haben, nämlich ich hatte ihn gefragt, wenn er denn heute so zum Mond schaut, ob er dann immer noch so davon begeistert ist und sagt, Mensch, das ist eigentlich fast nicht vorstellbar, dass ich mal dort oben war. Und da sagte er, "been there, done that" – also ich war dort, ich habe das getan – und hat das abgehakt. Und das hat mich dann auf der anderen Seite wieder etwas überrascht.

Hanselmann: Also er träumt jetzt nicht mehr davon, noch mal eines Tages auf den Mars zu fliegen?

Reiter: Nein, den Eindruck habe ich nicht. Wenngleich er sagt, dass das eigentlich der logische Weg ist für die Menschheit.

Hanselmann: Damals, 1969, waren die USA und die Sowjetunion im harten Konkurrenzkampf, was die Raumfahrt betrifft. Was, glauben Sie, Herr Reiter, hat seinerzeit überwogen, der Konkurrenzkampf mit der UdSSR oder das Ringen um neue Erkenntnisse aus dem Weltraum, um wissenschaftliche Erkenntnisse?

Reiter: Ehrlicherweise denke ich, hat damals tatsächlich der Konkurrenzkampf überwogen. Die Wissenschaft war so ein bisschen ein angenehmes Nebenprodukt, hat dann aber Gott sei Dank auch gegen Ende dieser Apollo-Missionen immer stärker an Bedeutung, an Gewicht gewonnen. Und heute ist es ja Gott sei Dank so, dass es zwar im Bereich der Raumfahrt immer noch Konkurrenz gibt, aber eine gesunde Konkurrenz, die alle dazu anspornt. Ansonsten ist die Raumfahrt eigentlich sehr stark auch von internationaler Kooperation geprägt, was ja letztendlich auch durch die internationale Raumstation eindrucksvoll demonstriert wird.

Hanselmann: Genau. Gerade ging mir eine Frage durch den Kopf: Können Sie mir eigentlich sagen, wem der Mond gehört?

Reiter: Ich denke, der gehört keinem, der gehört allen und niemandem.

Hanselmann: Also wer zuerst kommt, buddelt zuerst?

Reiter: Das sehe ich anders. Ich weiß, es gibt natürlich Firmen, die heute da schon so Angebote machen, dass man auf den Mond für ein paar Dollar oder Euro irgendwelche Grundstücke kaufen kann, aber ich halte das mehr für so einen kleinen Gag. In Wirklichkeit kann man nicht hergehen und sagen, das gehört jetzt irgendjemandem auf der Erde.

Hanselmann: Wir haben ja heutzutage dringende Themen – die Klimaveränderung oder die Überbevölkerung der Erde: Wie wichtig ist dabei Raumfahrt? Es wird ja immer wieder diskutiert, dass vielleicht zu viel Geld in die Raumfahrt gepumpt wird, was woanders hinfließen sollte. Kann denn Raumfahrt in irgendeiner Weise behilflich sein, Lösungen zu finden, oder war sie es vielleicht sogar schon?

Reiter: Absolut. Raumfahrt ist ja nicht nur die Exploration, die Erkundung von Planeten in unserem Sonnensystem, die Forschung nach irgendwelchen physikalischen Grundlagen oder nach konkreten Anwendungen, sondern Raumfahrt umfasst eben auch die Erdbeobachtung. Und das, was wir heute über unser Klima wissen, über die Veränderung des Klimas, über ganz globale Zusammenhänge, die unsere Umwelt betreffen, das wissen wir im Wesentlichen dank der Raumfahrt. Denn nur mithilfe von Satelliten, die auf unseren Planeten schauen, können wir globale Zusammenhänge erfassen, auswerten und dann auch verstehen. Und vor allen Dingen stellt sich ja heute die Frage: Diese Maßnahmen, die wir nun treffen müssen, nachdem wir verstanden haben, dass der Mensch bei der Klimaveränderung ja doch einen Einfluss hat, müssen wir ja auch in der Lage sein, zu überwachen, ob die Maßnahmen, die wir treffen, auch wirklich Erfolg zeigen. Und das lässt sich eben nur mithilfe der Raumfahrt machen, mithilfe solcher Satelliten, die permanent den Planeten als Ganzes betrachten, abtasten und analysieren können.

Hanselmann: Das sind natürlich starke Argumente, gebe ich zu. "That is one small step for a man, one giant leap for mankind", das ist der legendäre Satz, den Aldrins Kollege Neil Armstrong damals gesagt hat. Da gibt es nun verschiedenste Verschwörungstheorien. Glauben Sie, dass sich das Ganze wirklich auf dem Mond abgespielt hat?

Reiter: Davon bin ich fest überzeugt. Es ist für mich überhaupt nicht vorstellbar, dass in einer Zeit des Kalten Krieges, in der jede Seite ja sehr genau versucht hat zu verfolgen, was die andere Seite tut, es möglich gewesen wäre, so etwas nur zu spielen. Alleine die Frage, woher diese Funksignale gekommen sind, die hätte man oder die kann man mit Radioteleskopen sehr genau anmessen und entscheiden, kommen die jetzt tatsächlich von der Mondoberfläche, von irgendwo sonst, zum einen. Zum anderen, es haben so viele Menschen an diesem Programm mitgearbeitet, und ich halte es für ausgeschlossen, die alle so, sagen wir mal, zu vergattern, dass die danach nichts mehr sagen, wenn es tatsächlich nur Hollywood gewesen wäre.

Hanselmann: Also Ihnen glaube ich das. Herr Reiter, letzte Frage: Wie fühlen Sie sich eigentlich bei Vollmond?

Reiter: Sehr gut. Ich habe bisher bei mir noch nicht festgestellt, ob Vollmond oder was damit zusammenhängt, auf mein Wohlbefinden, auf Schlaf Einfluss hat. Ich schlafe da genauso gut wie sonst. Ich finde das faszinierend, in den Sternenhimmel zu schauen, auch an den Mond zu schauen. Und lassen Sie mich vielleicht noch eine Anmerkung machen, nachdem Sie vorhin nach dem Nutzen gefragt haben: Die Faszination, die davon ausgeht, in den Weltraum hineinzugehen, neue Welten zu erkunden, sei es der Mond, sei es vielleicht irgendwann mal der Mars, ist eine menschliche Eigenschaft. Und wir sollten nicht immer nur rein nach utilitaristischen Aspekten das betrachten, sondern es einfach auch als Bestandteil unserer Kultur sehen. Die Neugierde, Unbekanntes zu entdecken, so wie das Wissenschaftler in abstrakter Weise tun, so tun es eben heute Raumfahrer, in dem sie zu anderen Welten fliegen.

Hanselmann: Thomas Reiter, europäischer Astronaut der Gegenwart und im Vorstand des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums, Mitautor des Buches "Der Mond. Entstehung, Erforschung, Raumfahrt", ein wirklich prachtvoller Band mit wunderbaren Fotos und dem eben angesprochenen Interview mit Herrn Aldrin und natürlich auch sehr schönen Texte, erschienen im Fackelträger-Verlag. Vielen Dank, Thomas Reiter, nach Berlin!

Reiter: Sehr gerne!

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