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Länderreport | Beitrag vom 10.10.2017

Asiatische Firma investiert in ostdeutsche WerftenDer größte Luxusdampfer der Welt – bald aus Ostdeutschland?

Von Silke Hasselmann

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Am 4. Juni 2016 sticht das Kreuzfahrtschiff "Harmony of Seas" in See, das bislang größte Kreuzfahrtschiff der Welt. (imago stock&people )
2016 stach die "Harmony of Seas" in See, das bislang größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Bis 2020 soll in Ostdeutschland ein noch größerer Luxusdampfer gebaut werden. (imago stock&people )

Ostdeutschland verfügt über eine lange Tradition im Schiffbau. Und trotz einiger Krisen haben die fünf größten DDR-Seeschiffahrtswerften die Wende überstanden. Die Investition einer asiatischen Firma könnte der Branche nun zu einem unverhofften Aufschwung verhelfen.

Zu Gast bei HanseYachts in Greifswald: Mit Florian Nierich in einem Caddy auf dem Weg über das weite Werftgelände hin zu den neuen Produktionshallen. 

"Dort hinten, wo Sie diesen Mast sehen, das ist eine 'Hanse 588', die zweitgrößte 'Hanse', die wir hier bauen. Der Mast wurde gerade gestellt. Jedes dritte Schiff, das wir hier bauen, wird hier unten ins Wasser gelegt und wird auch von den Kunden abgeholt. Wir haben auch Kunden aus Australien. Die kommen dann mit der Familie her, nehmen zwei Jahre frei und segeln das Schiff dann über den Seeweg zurück nach Hause nach Australien." 

Das dürften Yachten der Marke "Moody" sein: ozeantauglich, geräumig und mit einem Decksalon, der auf Wunsch nach allen Seiten mit bodentiefen Fenstern versehen werden kann, sagt Geschäftsführer Jens Gerhardt. 

"Einige Kunden verkaufen ihr Haus, ziehen auf die 'Moody' und bleiben da für immer. Und da haben wir dann fünf von diesen großen 'Moodys' in Tasmanien. Das gibt´s auch im Wettbewerb. Aber die Wettbewerber, die so was bauen, sind meistens viel, viel kleiner als wir, kaufen schlechter ein, sind schlechter ausgelastet. Dadurch sind die Produkte deutlich teurer."

Blick in eine kleinere "Hanse"-Segelyacht mit bereits eingebautem Küchenmodul. (Silke Hasselmann / Deutschlandfunk)Blick in eine kleinere "Hanse"-Segelyacht mit bereits eingebautem Küchenmodul. (Silke Hasselmann / Deutschlandfunk)

Woher der Preisvorteil rührt, den die kleine, aber feine Serienwerft auch an Käufer der Hausmarke "Hanse" oder eines "Dehler"-Seglers weitergibt, zeigt sich unter anderem in der betriebseigenen Tischlerei. Untergebracht in zwei riesigen Hallen ist sie die größte in Mecklenburg-Vorpommern. Hier werden auch computergestützt alle Möbel für die Schiffe hergestellt sowie standardisierte Bad- und Küchenmodule zusammengesetzt, bevor sie in die Schiffsrümpfe kommen. Auch das könne eben nicht jeder, erklärt Jens Gerhardt:

"Wir konkurrieren auf dem Weltmarkt. Dieser Markt ist total global. Die Boote sind ja gemacht, um die ganze Welt zu fahren. Entsprechend haben wir unsere Wettbewerber auch überall sitzen. Der größte in unserem Markt ist in Frankreich, und wir sind bei Segelyachten Nummer Zwei weltweit."

Denn "HanseYachts" ist eine kleine, aber feine Serienwerft, die ohne präzise Handarbeit nicht auskommt. Doch viele einzelne Komponenten sind typübergreifend einsetzbar. Dazu kommen effektive Arbeitsabläufe wie hier in der betriebseigenen, computergestützt arbeitenden Tischlerei.

HanseYachts ging 2006 an die Börse

Während die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 viele Konkurrenten zum Aufgeben zwang, blieben der vorpommerschen Spezialwerft für Segelyachten und Sportmotorboote genügend Kunden treu.

Nun, da wieder extrem viel Geld im Umlauf ist, zahlt sich aus, dass die Greifswalder 2006 an die Börse gegangen sind und mit dem Kapital die Werftanlagen auf Top-Niveau modernisiert haben. Voriges Jahr konnte die Greifswalder "HanseYachts AG" knapp 600 Yachten verkaufen, die meisten ins Ausland.

Die Auftragsbücher seien aber auch deshalb voll und die insgesamt rund 1.300 Mitarbeiter gut ausgelastet, weil der Standort eine lange Schiffbautradition hat, sagt Geschäftsführer Jens Gerhardt. 

"Also zum einen hat man hier Boote gebaut seit 800 Jahren. Entsprechend sind auch alle unsere Leute am Band maritim affin. Da gibt es welche, die haben ein kleines Angelboot oder der Vater hat ein Schiff oder irgendwie. Die wissen, was sie bauen. Das ist hier Schiffbau."

Eine asiatische Firma kaufte drei deutsche Werften

Das sagen sie auch in Stralsund, Rostock-Warnemünde und Wismar. Diese drei größten Schiffbaustandorte der DDR erlebten nach der Wende besonders häufig Entlassungen und Eigentümerwechsel, Staatshilfen und Pleiten. Nun ist dort mit Genting ein malaysischer Mischkonzern am Ruder, der dringend neue, große Schiffe für seine beiden in Asien aktiven Kreuzfahrt-Reedereien braucht und die nun kurzerhand selbst bauen will. 

Dafür kauften die Asiaten voriges Jahr die ehemalige Mathias-Thesen-Werft Wismar, die Ex-Warnow-Werft Rostock-Warnemünde und die einstige Volkswerft Stralsund. Sie bildeten die "MV Werften GmbH" und ertüchtigen sie momentan mit 200 Millionen Euro für die neuen Aufgaben. Das lässt inzwischen auch die skeptischsten Werftarbeiter glauben: 

"Also es geht weiter. Wir behalten alle unseren Job. Das ist die schönste Nachricht daran."

"Wir haben ´ne Perspektive wieder. Und wir bauen auch wieder Schiffe."

Vorigen Monat übergaben sie jedenfalls mit der 135 Meter langen "Crystal Mahler" das zweite von vier Flusskreuzfahrtschiffen der Rhein-Klasse. Die beiden anderen werden bereits parallel gebaut. Fingerübungen für die eisbrechenden Megayachten und die Luxuskreuzfahrtliner, die gerade in Planung sind. Doch mehr noch.

Platz für über 5000 Passagiere 

2020 sollen die "MV Werften" das erste der gemeinsam zu bauenden "Global Class"-Schiffe ausliefern. 340 Meter lang, 20 Decks, Herberge für über 5.000 Passagiere und 2.000 Crew-Mitglieder – die dann weltgrößten Ozean-Touristendampfer.

Dafür produziert die neue "MV Werften Fertigmodule GmbH" seit diesem September bereits die komplett möblierten Schiffskabinen. Auch dies übrigens eine große Chance für nord- und ostdeutsche Firmen, Komponenten zuzuliefern, meint Projektmanager Christoph Elbers.

"Diese Kreuzfahrtschiffe sind sehr groß. Es gibt 2.800 Kabinen Pi mal Daumen. Da sind also mindestens 2.800 Betten drin, mindestens 2.800 Nasszellen mit Waschbecken, Duschtrennbecken et cetera. Da ist halt ein großer Bedarf da, und in relativ kurzer Zeit wird das eingebaut. Deswegen wollen ja gern regional einkaufen um zu sehen, dass man das mehr oder weniger direkt vor der Tür hat. Weil: Wenn man das aus China oder irgendwoher importiert, hat man immer das Problem, das ist erst mal ein sehr langer Transportweg. Die Risiken auf den Transport sind relativ hoch, und das wollen wir natürlich umgehen." 

Apropos Risiken: Bislang kamen die Asiaten ohne Staatshilfen aus. Doch für den Bau der milliardenteuren Global-Class-Riesen sondieren sie derzeit bei Bund und Land die Chance, Kreditausfallbürgschaften von bis zu 800 Millionen Euro zugesagt zu bekommen. 

Noch sei kein offizieller Antrag eingegangen, sagt der Schweriner Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU). Doch die rot-schwarze Landesregierung sei grundsätzlich aufgeschlossen, denn die Eigner hätten bislang alle Investitions-, Ausbildungs- und Jobversprechen eingehalten. 

Die Investition der Asiaten bringt Jobs

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Auch sonst geht die Suche nach Fachleuten aus der Umgebung sowie überregional weiter. Denn die die Belegschaft soll von derzeit rund 1.500 Mitarbeitern auf bald 3.200 Leute steigen. Wann die deutsche Schiffbaubranche zuletzt von solchen Dimensionen gehört? Schließlich beachte man aber auch das Wohl der 160 Zulieferbetriebe, so Minister Glawe mit Blick auf eine mögliche Kreditausfallbürgschaft. 

"Das Gute ist, dass wir im August und September mit dem Bund uns grundsätzlich darauf verständigt haben, dass der Bund sich zu denselben Teilen beteiligen wird wie das Land. Das ist die Grundaussage, die wir mit dem Wirtschaftsministerium des Bundes vereinbart haben. Das haben wir auch schriftlich bekommen und ich glaube, wir kommen zu einer Entscheidung im ersten Quartal 2018."

Das noch recht junge Werftenfinanzierungsgesetz von Mecklenburg-Vorpommern bestimmt übrigens, dass das Land für maximal 400 Millionen Euro bürgen darf – nach gründlicher Prüfung und wenn der Bund mitzieht.

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