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Buchkritik | Beitrag vom 09.04.2018

Arthur Isarin: "Blasse Helden"Wilde Jahre

Von Sabine Adler

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Buchcover Arthur Isarin: "Blasse Helden" (Knaus / dpa / picture-alliance)
Der Autor von "Blasse Helden" will anonym bleiben. (Knaus / dpa / picture-alliance)

Russland Anfang der 90er-Jahre: Ein junger Deutscher taucht in ein temporeiches Abenteuer ein zwischen superreichen Dreckskerlen, zynischen Freunden und immer bereiten Gespielinnen. Arthur Isarins Roman beschreibt ein Land im Umbruch und bekannte Klischees.

Blass mag der Held sein, der Roman ist es nicht. Rastlos stürmt der Autor durch das Russland Anfang der 1990er-Jahre. Eine Zeit des Um- aber nicht Aufbruchs. Der junge Deutsche, eine Art Antiheld, der sich nach dem Mauerfall nichts dringender wünscht als nach Sibirien zu gelangen, lernt Russisch in New York, wo er noch arbeitet, und nimmt einen Job in Moskau an. Bei einen postsowjetischen Generaldirektor, der den Arbeitern seines Stahlwerkes die Löhne schuldete, weder Steuern noch für Energie zahlt und keinen einzigen Rubel in die Anlagen investiert. Anton muss die maximale Rendite sichern, jedes Mittel ist erlaubt. Der Deutsche angeblich ohne politische Haltung greift aber bald selbst auf die brutalen Methoden zurück, die er anfangs mit Grausen bei seinem Chef beobachtete.

Faszination Russland

Der Autor bleibt anonym, das Pseudonym soll seine berufliche Identität schützen, die nichts mit Literatur oder Publizistik zu tun hat. Zumindest gibt Arthur Isarin von sich preis, 1965 in München geboren worden zu sein, in England, den USA, Kasachstan und Russland gearbeitet zu haben und heute in Australien zu leben. Seinen schnell von allem gelangweilten Helden lässt er auf das desolate Land los, das nach dem Zerfall der Sowjetunion am Abgrund stand. Die Schauplätze in Moskau sind zunächst die, die jeder Tourist kennt.

Antons Kontrastprogramm zu seiner einträglichen, aber höchst zwielichtigen Arbeit: Kultur-Druckbetankung. Er schließt Freundschaft mit Poeten, gelangt in Künstlerkreise. Diesen mittellosen Geistesmenschen legt Isarin russische Lebensweisheiten in den Mund, die zwischen sarkastisch und resigniert changieren. Sie erklären ihm das extrem arme und zugleich ordinär reiche Land, von dem er so fasziniert ist, das er sich als Medizin erhofft gegen die Langeweile, die ihn dauernd plagt. Spürbar ist die Bewunderung für Michail Lermontow, den Autor des russischen Klassikers "Ein Held unserer Zeit". Dessen Menschenverachtung ist der Grundton auch dieses Romans.

Die eigentlichen Helden: die russischen Frauen

Das eigentliche Thema aber sind die russischen Frauen, die der Held kollektiv verehrt. Auch weil sie es in jener Zeit sind, die Russland am Laufen halten. Vor allem aber, weil er sie dank seines Geldes leicht bekommen kann, in jeder beliebigen Zahl. So rasend sich Anton durch Moskau und bis nach Sibirien bewegt, so schnell und häufig hat er Sex. Stets mit ebenso willigen wie gebildeten Partnerinnen. In seiner Welt zwischen superreichen Dreckskerlen, zynischen Freunden und immer bereiten Gespielinnen lernt er, dass 80 Prozent der 14-jährigen russischen Mädchen als Berufswunsch Callgirl angeben.

Der temporeiche Roman liest sich süffig, ein atemberaubend schauriger Moment reiht sich an den nächsten. Was man aber über Russland erfährt, ist die Vertiefung aller bekannter Klischees, vor allem des aus männlicher westeuropäischer Sicht hartnäckigsten: Die russische Frau ist stets betörend schön, klug und sexy, aber auf sie kommt es im wilden Osten jener Jahre nicht an. Schade.

Arthur Isarin: Blasse Helden. Roman
Knaus, München 2018
320 Seiten, 22 Euro

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