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Samstag, 20.01.2018

Buchkritik | Beitrag vom 06.01.2018

Arno Geiger: "Unter der Drachenwand" Fronturlaub am Mondsee

Von Jörg Magenau

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Cover von Arno Geigers Roman "Unter der Drachenwand". Im Hintergrund ist der Mondsee in Österreich zu sehen.  (dpa / picture-alliance / Hanserverlag)
(dpa / picture-alliance / Hanserverlag)

1944 reist der junge Veit an den Mondsee, um sich von den Schrecken des Krieges zu erholen. Hier findet er Liebe. Doch auch die Dorfidylle vor Ort hat ihre Abgründe. Der Roman sei außerordentlich schön und ein grandioser literarischer Jahresauftakt, findet Jörg Magenau.

Es ist ein Jahr des Wartens, eine Zwischenzeit mitten im Krieg, das Jahr 1944. Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger hat sich für seinen neuen Roman einen abgeschiedenen Ort mit dramatischer Kulisse ausgesucht: das Örtchen Mondsee am Mondsee im Salzkammergut, das von dem schroffen Fels der Drachenwand überragt wird. Hierher zieht sich der Soldat Veit Kolbe zurück, um seine Verwundungen zu kurieren. Bald fünf Jahre war er an der Ostfront, er ist müde an Leib und Seele, aber er weiß, es ist nur eine Atempause, die ihm gegönnt ist, bevor er wieder einrücken muss.

Doch auch die Idylle hat Risse

In diesen Monaten spielt "Unter der Drachenwand", und es entfaltet sich eine wunderschöne, zärtliche Liebesgeschichte zwischen Veit und der jungen Frau im Zimmer nebenan, die zunächst nur "die Darmstädterin" heißt und nur Augen für ihren kleinen Säugling zu haben scheint. Aber dann wird aus ihr Margot und aus der Fremden der Mensch, mit dem Veit den Rest seines Lebens verbringen möchte. Dass er nach all dem, was er im Osten erlebt hat, überhaupt noch zur Liebe fähig ist, ist wundervoll genug. Doch mehr noch: Allmählich überwindet er sogar seine Angstzustände, die ihn immer wieder in die Knie zwingen.

Dass er bei allem, was sich im Ort ereignet, menschlich und solidarisch bleibt und immer auf der Suche nach Schönheit ist, macht diesen Roman zu einer Kostbarkeit. Dabei gibt es auch in der Idylle im Lauf des Jahres zwei Tote, Denunziationen und Verhaftungen. Ein Mädchen aus dem Lager der Landverschickten verschwindet spurlos, und Veit muss sich mit seinem Onkel, dem Dorfpolizisten arrangieren, einem Kettenraucher, der seine Pflicht erfüllt und darin an den Dorfpolizisten in Siegfried Lenz' "Deutschstunde" erinnert.

Explosionsartige Erinnerungen

Die Außenwelt des Krieges dringt nicht nur über Veits explosionsartige Erinnerungsbilder herein, sondern auch über zwischengeschaltete Briefe von Margots Mutter, die von der Zerstörung Darmstadts im Bombenhagel berichtet, von Kurt, dem Freund eines der landverschickten Mädchen, und von Oskar Meyer, einem Wiener Juden, der vergeblich versucht, den Nazis zu entkommen. Dessen Briefe sind mit dem Handlungsverlauf kaum verbunden und in einem allzu gefassten Tonfall verfasst – selbst dann noch, wenn er aus dem Güterwaggon heraus und vom Fußmarsch ins KZ erzählt. Sie fallen als erratische Blöcke aus dem Romangeschehen heraus und unterbrechen den Lesefluss unnötig. Das wirkt ein wenig beflissen, als habe Arno Geiger die vorgeschriebenen Themen abarbeiten wollen. Dabei sind doch alle gesellschaftlichen Gräben auch in der kleinen Dorfwelt erkennbar.

Das Jahr in Mondsee entsteht in einer verhaltenen, stillen Genauigkeit. Die Figuren werden in all ihrer Ambivalenz lebendig, und Veit bewährt sich als ein suggestiver Beobachter und feinfühliger Erzähler. Er ist es, der alles aufschreibt, um sich über das Schreiben zu stabilisieren und ins Leben zurückzufinden. So wird das Schreiben zur zivilisatorischen Kraft, stark genug, um auch die Traumata zu bearbeiten. Und auch die Liebe ist ein Geschehen, das erst im Erzählen und in der Reflexion mit aller Kraft wirklich wird. "Unter der Drachenwand" ist ein außerordentlich schöner und eindrücklicher Roman – ein grandioser literarischer Jahresauftakt.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand
Hanser, München 2018
480 Seiten, 26 Euro

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