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Interview | Beitrag vom 15.05.2017

Armut im Ruhrgebiet"Da muss auf jeden Fall etwas passieren"

Olaf Kröck im Gespräch mit Dieter Kassel

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NRW, Ruhrgebiet, Dortmund, Nordstadt, Der Stadtbezirk Innenstadt-Nord gilt mit 53.000 Einwohnern und einer Bevölkerungsdichte von 36,7 Einwohnern pro Hektar als größtes und dicht besiedelstes, zusammenhängendes Altbaugebietes im Ruhrgebiet. (imago/Ralph Lueger)
NRW, Ruhrgebiet, Dortmund, Nordstadt, Der Stadtbezirk Innenstadt-Nord gilt mit 53.000 Einwohnern und einer Bevölkerungsdichte von 36,7 Einwohnern pro Hektar als größtes und dicht besiedelstes, zusammenhängendes Altbaugebietes im Ruhrgebiet. (imago/Ralph Lueger)

Im übrigen Deutschland könnten sich viele das Ausmaß von Armut und Verfall im Norden des Ruhrgebiets nicht vorstellen, sagt der Chefdramaturg des Schauspiels Bochum. In der NRW-Wahl sieht er ein Signal, diese Probleme mehr in den Blick zu nehmen.

Der Chefdramaturg und Interimsintendant des Bochumer Schauspiels, Olaf Kröck, sieht in der NRW-Wahl einen Anlass, sich mehr mit sozialen Problemen, mit Armut und Ausgrenzung zu beschäftigen.

"Diese Wahl hat sicher auch das Signal, noch mal lauter zu formulieren: Leute, ihr müsst in diese Regionen dieses Bundeslandes gucken, in denen es nicht gut läuft", sagte Kröck im Deutschlandfunk Kultur.

Gescheitertes Projekt: "Kein Kind bleibt zurück"

Gerade im Norden des Ruhrgebiets gebe es Städte, "in denen es wirklich auch Verfall gibt und in denen Armut und fehlender Wohlstand wirklich auch im Stadtbild deutlich sichtbar wird". Im übrigen Deutschland gebe es viele, die sich diese Drastik gar nicht vorstellen könnten.

Die Gründe für die Wahlniederlage von Rot-Grün sieht Kröck auch darin, dass einige Projekte der Landesregierung einfach nicht funktioniert hätten, vor allem in der Bildung. Zum Beispiel das Projekt "Kein Kind bleibt zurück": "Obwohl da sehr viel Geld zur Verfügung gestellt worden ist. Vielleicht waren die Hebel, die benutzt worden sind, nicht direkt genug oder nicht leicht genug in den Zugängen, und da muss auf jeden Fall etwas passieren, egal, welche Farbe diese Landesregierung hat."

(uko)


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Eine Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen sei eine Art kleine Bundestagswahl – das hat man gerade in diesem Jahr wieder oft gehört. Das ist nicht völlig falsch. Alleine wenn man sieht, dass mehr als ein Fünftel aller Deutschen ja in Nordrhein-Westfalen wohnt, ist da schon was dran, und doch ist das natürlich auch ein Bundesland mit ziemlich vielen Eigenarten, die auch Auswirkungen auf die Politik haben.

Olaf Kröck, Chefdramaturg und Interimsintendant am Schauspielhaus Bochum  (Schauspielhaus Bochum / Knotan)Olaf Kröck, Chefdramaturg und Interimsintendant am Schauspielhaus Bochum (Schauspielhaus Bochum / Knotan)

Wir wollen über die Landtagswahlen gestern in NRW jetzt reden und zwar mit Olaf Kröcke. Er wurde 1971 in Viersen am Niederrhein geboren, ist seit vielen Jahren im westfälischen Teil des Ruhrgebiets beruflich tätig, er ist Chefdramaturg des Schauspielhauses Bochum und zurzeit dort auch Interimsintendant. Schönen guten Morgen, Herr Kröck!

Olaf Kröck: Ja, guten Morgen!

Überraschend deutlicher Wechsel

Kassel: Was hat Sie an dem Wahlergebnis gestern am meisten überrascht?

Kröck: Na ja, es hat mich schon erst mal der Wechsel überhaupt überrascht. Ich war mir nicht ganz sicher, ob das klappt, dass da ein Wechsel stattfindet. So deutlich fand ich die Stimmung nicht, und dass es dann noch so ein deutlicher Wechsel ist, das fand ich doch wirklich signifikant.

Kassel: 14 Prozentpunkte haben beide zusammen, die SPD und die Grünen, verloren. Da müssen die Menschen in NRW schon den Eindruck gehabt haben, die Landesregierung hat wirklich einiges falsch gemacht, oder?

Kröck: Ja, man hat schon gemerkt, dass die Sympathien für die Ministerpräsidentin so in den letzten Jahren niedriger geworden sind, die Kritik wurde lauter. Am Anfang war doch eine relativ große Euphorie da, und man spürte so in vielen Gesprächen, dass eine Reihe von Themen hier sehr besetzt waren. Also es ging viel um infrastrukturelle Fragen, Verkehr, Wirtschaft, aber natürlich auch die Bildungsfragen: wie ist die Schulpolitik dieser Landesregierung. Da waren die Leute meinem Eindruck nach doch zunehmend unzufrieden.

Bildungspolitisches Experimentierfeld

Kassel: Ich komme selber aus Nordrhein-Westfalen und bin danach unmittelbar nach Baden-Württemberg gegangen, und da musste ich mir natürlich ständig anhören: Abitur in Duisburg ist ungefähr so wie Hauptschule in Baden-Württemberg oder Bayern. Diese Kritik an der Bildungspolitik in NRW ist ja uralt. Warum scheinen die Leute gerade jetzt eigentlich wirklich die Schnauze voll davon zu haben?

Kröck: Ich glaube, dass schon auch das oft was mit Vermittlung zu tun hat. Dieses Bundesland – ich bin ja eben hier auch groß geworden, wie Sie gesagt haben – ist ja gern mal so ein bildungspolitisches Experimentierfeld gewesen, und das ist ja dann aus der Familienperspektive, dass die Kinder sozusagen die Experimentiermäuschen sind in Anführungsstrichen –, kommt das nicht gut an. Vor allem, wenn dann solche Dinge wie G8 nicht funktionieren, dieses Inklusionsthema zu mehr Unruhe führt. Ich habe oft erlebt, dass Leute dieses Thema eigentlich gut finden und denken, das ist sinnvoll, darüber nachzudenken, aber die Ausführung schien nicht so glücklich anzukommen.

Kassel: Ein Thema bei diesen Landtagswahlen war ja auch die berühmte innere Sicherheit, damit direkt und indirekt auch das Zusammenleben zwischen sozusagen Leuten, die immer schon in Nordrhein-Westfalen waren und denen, die jetzt neu dazugekommen sind. Sie werden sich am Schauspielhaus Bochum konkret damit beschäftigen im Juni, in einer Themenwoche mit dem Titel "Wir und die". Ganz konkret in Bochum und im Ruhrgebiet: Wie funktioniert denn das mit dem Zusammenleben der verschiedenen Menschen, der verschiedenen Kulturen bei Ihnen?

Abendlicher Blick über die Stadt Gelsenkirchen.  (Imago / Jochen Tack )Ein Blick über die Stadt Gelsenkirchen. (Imago / Jochen Tack )

Kröck: Also, ich finde das schon bemerkenswert. Ich bin eine Zeit lang nicht im Ruhrgebiet und in Nordrhein-Westfalen gewesen, da habe ich im Ausland gelebt, und ich finde schon, erstens, dass man im Stadtbild sehr deutlich sieht, dass das hier eine Einwanderungsgesellschaft ist und dass das Miteinander eigentlich im Alltag sehr, sehr, sehr gut funktioniert. Das ist ein harmonisches und normales Miteinander.

"Armut ist ein großes Thema des Ruhrgebiets"

Jedes Kind geht in die Schule und ist selbst, egal in welcher Schulform, egal in welcher sozialen Schicht oder in Stadtteilen, die sind alle damit in Berührung, dass Kinder und andere Menschen dort sind, die eine Migrationsgeschichte haben. Das ist ein normaler Zustand hier in Nordrhein-Westfalen, vor allem im Ruhrgebiet. Und ich glaube aber, dass bestimmte populistische Kräfte es durchaus auch schaffen, hier Keile reinzuschlagen, weil andere Themen das überlagern, weil wir haben hier ein großes Problem mit sozialen Situationen, mit Abstiegssituationen, mit Armut.

Armut ist ein großes Thema des Ruhrgebiets, vor allem die Kinderarmut, und ich glaube, dass es eine Reihe von Menschen gibt, die zunehmend sich polarisieren lassen und sagen, dass "die da" irgendwie offensichtlich eine Aushilfs… so einen Ausweg signalisiert, und die Kölner Silvesternacht hat sozusagen von daher so eine große Schockwirkung gehabt, weil man damit überhaupt nicht gerechnet hatte, weil man bisher sich sozusagen als eine tolerante, offene Region empfunden hat, und plötzlich war gerade in einer der tolerantesten Städte überhaupt, in Köln, plötzlich sowas möglich.

"Hier gibt es keine Pegida"

Kassel: Nun kann man aber … Wir müssen, glaube ich, jetzt nach dem, was Sie gerade erzählt haben – ich war mir gar nicht sicher, ob wir es tun müssen, und ich finde, jetzt müssen wir auch mal kurz auf die AfD schauen bei den gestrigen Landtagswahlen. Nun kann man aber natürlich auch sagen, 7,4 Prozent – das ist das vorläufige amtliche Endergebnis –, 7,4 Prozent für die AfD: wenn wir da mal in andere Bundesländer schauen, ist ja eigentlich gar nicht so dolle. Da kann man ja auch eigentlich sagen, pah, so richtig erfolgreich sind die in NRW nicht.

Kröck: Das sind sie auch nicht, und das hat was mit dem zu tun, was ich vorher gesagt habe, und ich finde trotzdem diese Zahl eigentlich für dieses Bundesland schon zu hoch. Ich hätte sogar mir gewünscht, dass diese Kräfte hier gar keine Chance haben, weil doch noch das Miteinander so gut, meinem Eindruck nach, funktioniert, dass da doch eher so ein demokratisch orientierter … dass die dann vielleicht zwar in konservative Bereiche oder eher in die Bereiche der Linke abwandern, also sozusagen ein bisschen weg von dem Stammbereich der SPD, denn das ist hier einfach ein SPD-Kernland.

Und da war ich dann doch überrascht, dass es doch noch so viele sind, die sich schon zu den radikaleren Positionen hinreißen lassen. Denn hier gibt es keine Pegida, hier gibt es diese Sonntags…, Montagsaufmärsche, die gibt es bisher hier überhaupt nicht.

Kassel: Sie haben die Armut erwähnt. War übrigens jetzt auch schon sogar – Sie haben da mitgearbeitet – 2013, glaube ich, ein Thema bei Ihnen am Schauspielhaus. Ich erwähne das, um zu sagen, dass Sie mit den Leuten da wirklich arbeiten und nicht sagen, wir machen euch einen Shakespeare, guckt es euch an oder nicht. 2013 haben Sie das Detroit-Projekt gemacht, wo zusammen mit, glaube, drei anderen Städten in Europa, wo es auch Opel-Werke gibt beziehungsweise damals noch gab –,

Kröck: Genau.

Im Stadtbild deutlich sichtbar: Armut im Ruhrgebiet

Kassel: – Sie sich mit dieser Frage industrieller Wandel, was bedeutet das, beschäftigt haben, aber wenn ich mir jetzt so das Ruhrgebiet angucke, Duisburg kenne ich mich halt aus, Bochum, Dortmund: Gibt es wirklich ein Mittel gegen diese Armut und gegen diesen industriellen Abbau? Ich meine, richtig gut geht es den Leuten nicht, und das wird sich doch wahrscheinlich unter einer neuen Regierung in Düsseldorf nicht grundsätzlich ändern, oder?

Kröck: Ich glaube, Sie haben im Eingang schon gesagt: Also das ist schon auch wirklich explizit eine Landtagswahl gewesen. Hier sind sehr landesspezifische Themen wichtig gewesen. Die Leute wissen schon, dass es ein Unterschied ist, ob sie sich mit ihrem Landtagsparlament zu beschäftigen haben oder mit dem Bund. Denn diese Wahl hat sicher auch das Signal, noch mal lauter zu formulieren: Leute, ihr müsst in diese Regionen dieses Bundeslandes gucken, in denen es nicht gut läuft.

Zwei Arbeiter heben ein großes Wahlplakat von Hannelore Kraft (SPD) auf einen Laster.  (dpa/Roland Weihrauch)Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen (dpa/Roland Weihrauch)

Wir haben dieses Detroit-Projekt so ein bisschen provokant auch in die Welt gesetzt. Wir haben gesagt: "This is not Detroit" und wollten damit sagen, dass wir hier durchaus schon Tendenzen haben, die an diese Stadt in den USA erinnert, in denen es wirklich auch Verfall gibt und in denen Armut und fehlender Wohlstand wirklich auch im Stadtbild deutlich sichtbar wird, und es gibt viele, auch in ganz Deutschland, die sich diese Drastik zum Teil gar nicht vorstellen können, die sie hier in bestimmten Städten des Nordens des Ruhrgebiets finden können.

Projekte der Landesregierung haben nicht funktioniert

Deswegen ist es schon wichtig, zunehmend stark darauf zu gucken. Sie haben ja eben erwähnt, dass auch Sachen nicht funktioniert haben. Das Projekt der Ministerpräsidentin "Kein Kind bleibt zurück" scheint ja einfach nicht funktioniert zu haben, obwohl da sehr viel Geld zur Verfügung gestellt worden ist. Vielleicht waren die Hebel, die benutzt worden sind, nicht direkt genug oder nicht leicht genug in den Zugängen, und da muss auf jeden Fall etwas passieren, egal, welche Farbe diese Landesregierung hat.

Kassel: Dann warten wir mal ab, welche Farbe sie haben wird und was die Farben dann zusammen hinkriegen oder auch nicht. Olaf Kröck war das. Er ist Chefdramaturg und im Moment auch Übergangsintendant des Schauspiel Bochum. Herr Kröck, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und wünsche Ihnen einen schönen Montag!

Kröck: Ich danke Ihnen! Wiederhören!

Kassel: Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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