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Tonart | Beitrag vom 23.10.2015

Arien von Francesco CavalliWiederentdeckung eines Barock-Stars

Von Ulrike Henningsen

Die österreichische Lautenistin und Harfenistin Christina Pluhar vom Ensemble L'Arpeggiata während der Dresdner Musikfestspiele in der Dresdner Frauenkirche, 2012.  (picture alliance / dpa / Oliver Killig)
Die österreichische Lautenistin und Harfenistin Christina Pluhar vom Ensemble L'Arpeggiata während der Dresdner Musikfestspiele in der Dresdner Frauenkirche, 2012. (picture alliance / dpa / Oliver Killig)

Zu Lebzeiten war der italienische Opernkomponist Francesco Cavalli eine Art Star. Heute kennen ihn nur wenige Barockliebhaber. Das Ensemble L'Arpeggiata hat nun einige seiner Arien neu aufgenommen.

Christina Pluhar: "Ich kenn jetzt seine Musik auch schon wirklich sehr, sehr lange. Das ist ein Herzenswunsch von mir auch gewesen, diese Musik einzuspielen. Ich hab das Gefühl ich lebe schon mein ganzes Leben mit der Musik von Cavalli und Monteverdi. Das war schon ein bewusster Schritt, diese CD wieder an die Anfänge anzuknüpfen, denn meine erste musikalische Liebe ist und bleibt natürlich die Musik des 17. Jahrhunderts."

Die Bedeutung Claudio Monteverdis ist heute unumstritten. Francesco Cavalli dagegen kennen nur wenige Musikliebhaber. Zu Unrecht findet Christina Pluhar.

Ein Sänger der wirklich für die Stimme schrieb

"Cavalli war vielleicht der wichtigste Opernkomponist des 17. Jahrhunderts und sehr eng mit Monteverdi auch vertraut. Cavalli selbst war Sänger und hat in seinen jungen Jahren im Chor unter der Leitung von Monteverdi mitgesungen. Also er hat die Musik vom Meister gelernt und das spürt man sehr, sehr stark. Cavalli geht fast schon ins Belcanto manchmal mit seinen Melodien. Man spürt, dass es ein Sänger ist, der wirklich für die Stimme schreibt. Er ist sehr, sehr bedacht, dass er die Stimme in den Mittelpunkt stellt und die Gesanglichkeit."
 
Francesco Cavalli hat betörend schöne Arien komponiert, und er war einer der ersten  Komponisten, die Opern für ein zahlendes Publikum schrieben. Bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts kamen hauptsächlich Adlige in den Genuss von Musiktheaterwerken. Erst 1637 entstand in Venedig nach Jahren, die von historischen Katastrophen geprägt waren, das erste öffentliche Opernhaus. Findige Kulturmanager entdeckten das Potential dieser Gattung – und den wirtschaftlichen Gewinn, den es der Lagunenstadt bringen würde. Nach dramatischen Jahren mit Pest und militärischen Niederlagen sollten Musik und Theater den Menschen dabei helfen, sich abzulenken und die Erlebnisse zu verarbeiten. Damit begann die Erfolgsgeschichte der kommerziellen Oper. 

Eigener, leicht wiederzuerkennender Stil

Nur vier Jahrzehnte später gab es in Venedig schon sieben Opernhäuser. Francesco Cavallis Werke gehörten zu den beliebtesten ihrer Zeit. Zweiunddreißig Musiktheaterwerke werden dem Komponisten heute zugeschrieben, fünf gelten als verschollen.  Cavalli hatte einen eigenen, leicht wiederzuerkennenden Stil. 

Ohne Brüche wechselt Cavalli geschmeidig von rezitativischen Passagen in den ariosen Teil, tragische und komische Momente liegen in der Musik eng beieinander. Aus seinem reichen Werk suchte Christina Pluhar Arien und Instrumentalstücke aus:

"Diese Stücke sind in sich kleine Spektakel"

Pluhar: "Die Stücke, die wir aufgenommen haben, sind alle für Opern geschrieben. Das heißt, die haben eine gewisse Funktion an einer bestimmten Stelle der Handlung, aber das ist das Genie von Cavalli auch, dass eigentlich diese Stücke in sich kleine Spektakel sind."
 
 
Bei der Auswahl der Stücke und der Planung einer neuen Einspielung geht Christina Pluhar immer gleich vor:

"Ich habe zuerst einen Künstler im Kopf. Ich habe zuerst das Bedürfnis, mit gewissen Künstlern ein Projekt zu machen und dann suche ich sehr, sehr lange nach geeigneten Stücken für diese Stimme und diese Persönlichkeiten."

Wenn die dann gefunden sind, beginnt die dramaturgische Arbeit. 
 
"Die Programmgestaltung einer CD hat bei mir auch immer einen völlig anderen Bogen als ein Konzert. Ich konzipiere die CDs auch irgendwie wie eine Mini-Oper, eine Oper, die Sie nicht live in einem Raum hören, sondern die Sie irgendwo hören können. Das ist nicht so einfach, finde ich."

Sie ist gelungen, denn die Abfolge wirkt wie aus einem Guss. Auch die typischen Qualitäten des Ensembles L'Arpeggiata kommen bei der Einspielung zur Geltung: Munter ändern die Musiker von Stück zu Stück die Besetzung, improvisieren lustvoll und spielen mit souveräner Kenntnis der Klangsprache frühbarocker Musik. Die Sopranistinnen Nuria Rial und Hana Blazikova gestalten klug und differenziert die unterschiedlichen Arien,  dosieren ihr Vibrato wohltuend fein und singen beseelt und natürlich. 

Auch zum Jubiläum präsentieren Christina Pluhar und ihr Ensemble damit wieder eine absolut hörenswerte CD.

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