• facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
 
 

Interview | Beitrag vom 03.04.2017

ARD-Projekt FaktenfinderMit journalistischem Handwerk gegen Fake News

Patrick Gensing im Gespräch mit Dieter Kassel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Fake News-Schriftzug auf einem Smartphone (imago)
Gegen die Invasion der Fake News will das Portal faktenfinder.de kämpfen. (imago)

Heute geht das neue Anti-Fake News-Portal faktenfinder.tagesschau.de online. Über die Möglichkeiten, mit gutem Journalismus schlechten zu bekämpfen und über die Gefahr, Fake News dadurch erst recht Verbreitung zu verschaffen, haben wir mit Projektleiter Patrick Gensing gesprochen.

ARD startet heute das Projekt "Faktenfinder" (faktenfinder.tagesschau.de), um Fake News oder Verleumdungen im Netz zu kennzeichnen. Projektleiter und Tagesschau-Autor Patrick Gensing ist sich durchaus bewusst, dass die neue Plattform und ihre Aktivitäten ein zweischneidiges Schwert sind. Denn: Wertet man am Ende nicht sogar Falschmeldungen auf - und verbreitet sie erst recht -, wenn man ihrer ernsthaft annimmt? Gensing meint: 

"Das ist tatsächlich eine Gratwanderung. Also, wir beobachten natürlich sehr genau, was im Netz passiert, denn dort verbreiten sich die meisten gezielten Falschmeldungen nun mal. Und wir müssen dann überlegen, wenn wir da jetzt mit der Marke faktenfinder.tagesschau.de das Ganze thematisieren, ob wir es dadurch dann nicht erst viel, viel weiter verbreiten, als es jemals sonst Verbreitung gefunden hätte."

Viele Falschmeldungen haben einen wahren Kern

Und: Der Umgang mit Fake News sei alles andere als simpel und plakativ. Man könne nicht einfach "stimmt nicht" darunterschreiben, weil "die meisten gezielten Falschmeldungen (...) einen wahren Kern" hätten.

"Und drum herum werden dann irgendwelche Details hinzugefügt oder es wird was weggelassen oder man reißt die ganze Geschichte aus dem Kontext, damit man sie in eine bestimmte, meistens politische Richtung instrumentalisieren kann. Und deswegen ist uns mehr ein Anliegen zu erklären: Woran kann ich Fake News erklären?" 

An welche Zielgruppe richten Gensing und ihr Team ihre Arbeit? Jene Menschen, die ohnehin jeden Glauben an irgendwelche Instiutionen - die Medien eingeschlossen - verloren hätten, könnten sie nicht erreichen.  Wohl aber jene "die mit Fake News konfrontiert sind auch im Netz, die vielleicht in ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis Leute haben, die anfangen, das alles zu glauben."

Die Bekämpfung von Fake News sei jedenfalls nicht Aufgabe des Gesetzes, sondern eine Aufgabe des Journalismus.

Das Portal wird am 3. April 2017, 12 Uhr, freigeschaltet: faktenfinder.tagesschau.de


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Früher gab es Zeitungsenten, das waren auch schon Falschmeldungen, die waren aber relativ selten und auch vergleichsweise harmlos. Heute gibt es Fake News, das sind auch Falschmeldungen, allerdings ist das sowohl von der Qualität als auch von der Quantität her ein ganz anderes Kaliber. Ein Kaliber, dem die ARD ab heute mit einem neuen Portal, mit einem neuen Angebot begegnen will, ab zwölf Uhr mittags geht das Projekt Faktenfinder an den Start und Projektleiter ist der Journalist, Buchautor und tagesschau.de-Mitarbeiter Patrick Gensing. Schönen guten Morgen, Herr Gensing!

Patrick Gensing: Hallo, schönen guten Morgen!

Dieter Kassel: Was werde ich denn unter der Faktenfinder-Adresse, die ich nachher auch noch mal nennen werde, ab heute Mittag finden? Stehen da dann quasi Fake News und darunter steht "Stimmt nicht"?

Gensing: Nein, wir wollen es nicht ganz so plakativ machen, weil die meisten Meldungen, die meisten gezielten Falschmeldungen – davon sprechen wir ja, von gezielten Falschmeldungen –, die meisten haben einen wahren Kern. Und drum herum werden dann irgendwelche Details hinzugefügt oder es wird was weggelassen oder man reißt die ganze Geschichte aus dem Kontext, damit man sie in eine bestimmte, meistens politische Richtung instrumentalisieren kann. Und deswegen ist uns mehr ein Anliegen zu erklären: Woran kann ich Fake News erklären?

Wenn wir Fake News identifiziert haben und sie auch für relevant halten, dann möchten wir erklären, warum sie falsch sind, sodass die Leute es auch transparent nachvollziehen können und nicht einfach nur einen Stempel draufhauen und sagen, das ist falsch und das ist richtig. Denn so leicht, so einfach ist die Welt nicht, sie ist komplexer und sogar die Welt der Fake News ist komplexer, als einfach immer nur "richtig" und "falsch" draufzuschreiben.

Dieter Kassel: Sie haben, wie ich finde, gerade ein wichtiges Stichwort genannt: Wenn Sie es für relevant genug halten … Man kann ja erstens nicht jeden Blödsinn kommentieren, der im Internet steht, und man muss ja zweitens auch immer die Entscheidung treffen: Leiste ich sinnvolle Aufklärungsarbeit oder werte ich Fake News nur auf, indem ich sie so ernst nehme? Wie wollen Sie sich da entscheiden?

Hat das Thema Potenzial?

Gensing: Das ist tatsächlich eine Gratwanderung. Also, wir beobachten natürlich sehr genau, was im Netz passiert, denn dort verbreiten sich die meisten gezielten Falschmeldungen nun mal. Und wir müssen dann überlegen, wenn wir da jetzt mit der Marke faktenfinder.tagesschau.de das Ganze thematisieren, ob wir es dadurch dann nicht erst viel, viel weiter verbreiten, als es jemals sonst Verbreitung gefunden hätte. Das heißt, wir überlegen … Und wir wollen ja auch, das kommt noch dazu, frühzeitig Fake News erkennen. Also, das heißt, wir schauen darauf, welche Nachricht fängt gerade an, sich in kurzer Zeit sehr schnell zu verbreiten, also, entwickelt eine Dynamik?

Dann stellen wir uns die Relevanzfrage: Hat das Thema das Potenzial, ist es so brisant politisch, dass es wirklich auch eine große Relevanz erreichen wird? Das wäre ein Kriterium beispielsweise, damit wir es dann tatsächlich thematisieren. Oder ist steht es pars pro toto, ist es ein gute Beispiel, um zu erklären, wie Fake News funktionieren? Oder, es gibt ein weiteres Kriterium, das für uns zählt, wir suchen mehrere Fälle, konkrete Fälle – so habe ich es zum Beispiel heute gemacht auf der Seite –, mehrere Fälle zu einem Thema und fassen die zusammen, um zu erklären, wie die Mechanismen hinter den Fake News aussehen.

Dieter Kassel: Lastet da nicht auf Ihnen ganz persönlich, aber auch auf Ihrem Team, eine riesige Last? Weil, man erwartet ja von Ihnen, dass Sie immer ganz klar sagen können: Das stimmt und das nicht!

Fake News mit journalistischem Handwerk bekämpfen

Gensing: Also, zum einen ist es natürlich journalistisches Grundhandwerk, dass wir recherchieren, dass wir Relevanz überprüfen. Das ist nichts Neues. Was neu ist, ist zum einen, dass wir uns Themen suchen, die wir sonst eben gerade zur Seite legen, weil sie sich als falsch erwiesen haben. Und was neu ist, ist die mediale Umgebung, mit der wir es zu tun haben. Also, es ist ja so, dass die Frage auch, warum Fake News, warum Verschwörungstheorien überhaupt so populär sind, damit müssen wir uns auch beschäftigen und auch erklären, warum in einer Zeit, in der es so viel Information gibt wie noch nie, warum einige Leute anschließend das große Bedürfnis haben, möglichst wenig Information oder nur Information zu sich heranzulassen, die ihrer Meinung entsprechen. Das sind halt so die Fragen, mit denen wir uns auch beschäftigen müssen.

Dieter Kassel: Sie haben sich ja selber sehr mit der rechten Szene beschäftigt, da recherchiert, Bücher darüber geschrieben. Frage deshalb am Schluss: Kann man mit einem Portal wie dem Faktenfinder wirklich noch jeden erreichen oder gibt es gerade in dieser Szene auch Menschen, die schon so sehr den Glauben an normale Medien verloren haben, dass man sie gar nicht mehr erreicht?

Gensing: Sie haben nicht nur den Glauben an Medien verloren, sondern sie tun auch jede Angabe von Institutionen, von öffentlichen Institutionen pauschal als Lügen ab. Da reden wir geradezu von einer religiösen Frage des Glaubens, die wollen nur das glauben, was sie glauben wollen. Diese Leute sind nicht unsere Zielgruppe. Es gibt einen harten Kern von Menschen, die wir nicht erreichen werden, aber das ist auch nicht unser Ziel. Sondern wir wollen den Menschen, die mit Fake News konfrontiert sind auch im Netz, die vielleicht in ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis Leute haben, die anfangen, das alles zu glauben, die Freunde haben, diesen Leuten wollen wir helfen. Und wir glauben, dass der Kampf gegen gezielte Falschmeldung auf keinen Fall eine Aufgabe ist für Gesetze, sondern dass das vielmehr Aufgabe des Journalismus ist, dagegen vorzugehen. Und da wollen wir unseren Beitrag leisten.

Dieter Kassel: Und diesen Beitrag kann man ab heute Mittag gegen zwölf Uhr unter der Adresse faktenfinder.tagesschau.de finden, Link dazu auch auf unserer Seite. Zusammengestellt das, was man dann da finden kann, von Patrick Gensing und seinem Team, Herr Gensing, vielen Dank fürs Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Mehr zum Thema

Trumps Ablenkungsmanöver - Twittern gegen die Russland-Ermittlungen
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 03.04.2017)

Lichter Filmfest - Angemessene Begriffe in Zeiten von "Fake News"
(Deutschlandfunk, Information und Musik, 02.04.2017)

Aprilscherze - Wenn die Glaubwürdigkeit auf den Hund kommt
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 01.04.2017)

Interview

Sanktionen"Schon die Drohung kann Wirkung zeigen"
Der türkische Präsident Erdogan bei einem Treffen mit Putin in Hamburg (picture alliance/dpa - Mikhail Klimentyev/TASS/dpa)

Nordkorea, Russland, der Iran und vielleicht bald die Türkei? Bei Sanktionen kann manchmal schon die Drohung Wirkung zeigen. Harte Wirtschaftssanktionen sind jedoch nicht der einzige Weg, sagt der Politikwissenschaftler Peter Rudolf.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur