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Kompressor | Beitrag vom 07.05.2018

Architekt über Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt "Kein relevantes Projekt für den Alltag"

Philipp Oswalt im Gespräch mit Gesa Ufer

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30.04.2018, Hessen, Frankfurt am Main: Blick vom Frankfurter Dom auf die rekonstruierten Häuserzeilen der neuen Altstadt (im Vordergrund) und die Hochhäuser (Aufnahme mit Fisheye-Objektiv). Mit einem dreitägigen großen Fest soll das Quartier Ende September eröffnet werden. Am 9. Mai fallen schon mal die Bauzäune (dpa / picture alliance / Arne Dedert )
15 neu gebaute Häuser bilden nun den Kern der neuen Altstadt – in Frankfurt am Main. Nachvollziehbar finden das nicht alle Bürger. (dpa / picture alliance / Arne Dedert )

Originalgetreu sind 15 Häuser aus dem Mittelalter in Frankfurt am Main rekonstruiert worden. Sie wurden teurer als geplant und kaum erschwinglich für Normalbürger. Der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt kritisiert das Projekt noch aus anderen Gründen.

Um die Rekonstruktion von 15 Häusern in der Frankfurter Altstadt ist ein Streit entbrannt. Der Architekturtheoretiker Stefan Trüby hatte in einem Beitrag für die FAS darauf hingewiesen, dass der Anstoß zum Projekt aus der rechten Ecke kam – von dem der Neuen Rechten zugeordneten Autor Claus Wolfschlag und seinem Weggefährten Wolfgang Hübner.

Nach dem Krieg gab es an vielen Orten in Deutschland Rekonstruktionen. Doch nun gehe es um eine neue Welle an Rekonstruktionen seit der Wiedervereinigung, sagt Architekturtheoretiker Philipp Oswalt, Professor an der Universität Kassel, bei der man Bauten der Nachkriegszeit durch historische Rückgriffe ersetze – wie auch in Berlin, wo der Palast der Republik dem Stadtschloss weichen musste, einem Schloss, das im 15. Jahrhundert gebaut worden war, zu DDR-Zeiten abgerissen wurde und 2013 dann schließlich die Grundsteinlegung des neuen alten Schlosses erfolgte.

"Das ist immer sehr stark Identitätspolitik", meint Philipp Oswalt. 

"Es ist oft ein Projekt der politischen Eliten"

Das Frankfurter Projekt sei kein Beitrag zur Wohnungsnot, die auch in Frankfurt sehr drängend sei, so Oswalt. "Man muss sich einfach fragen: Warum gibt eine Stadt für so ein Projekt 200 Millionen Euro aus? Wenn ein Privater etwas rekonstruieren will, kann er das ja gern machen. Das ist für mich nach wie vor schwer begreifbar." Es sei ein wichtiger Ort, aber "man hätte es nicht so historisch getreu nachbilden müssen". 

"Es ist oft ein Projekt der politischen Eliten", schätzt er ein, "um ein Identitätsangebot zu schaffen." Weder beim Berliner Schloss noch bei der Potsdamer Garnisonkirche hätten die Befürworter die Mehrheiten hinter sich. Auch gäbe es wichtigere Projekte für Frankfurt, wie die Wiedergewinnung des Main-Ufers, sagt Philipp Oswalt.

"Das ist für den städtischen Alltag kein wirklich relevantes Projekt." Vielmehr sei da der Königsweg der deutschen Könige und Kaiser im Mittelalter rekonstruiert worden – auf Luxusniveau. Die Politik hoffe, damit einen Gegenpol zur Globalisierung anbieten zu können. Jedoch: "Ich glaube nicht, dass es die richtigen Probleme adressiert", sagt Oswalt.  

(inh)

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