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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.02.2017

Arbeit mit Musik-StudentenAuf der Suche nach der Melodie für Ton und Wort

Von Andi Hörmann

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Die Lyrikerin Ulrike Almut Sandig (Deutschlandradio / Andi Hörmann)
Die Lyrikerin Ulrike Almut Sandig (Deutschlandradio / Andi Hörmann)

Die Lyrikerin Ulrike Almut Sandig ist eine Grenzgängerin zwischen Wort und Ton. Sie ist derzeit die erste "Poetin in Residence" an der "Hochschule für Musik und Tanz Köln". "Werkstatt für neue Lieder" lautet ihr Projekt mit den Studenten. Ein Besuch.

"Vergiss die Geschichten, vergiss Bilder.
Das hier ist echt und taumelt uns beiden entgegen…" 

Eine Wortakrobatin auf dem Text-Trapez. Der freie Fall in der Manege: Die große Kunst im Zirkus der Sprache. Doch bei der eigenen Vorstellung verhaspelt sie sich erst mal:

"Mein Name ist blkdjlfajl… Ich bin Ulrike, Ulrike Almut Sandig und ich schreibe Erzählungen und Gedichte und manchmal Hörspiele. Und ich performe."

Texte zu performen ist für Ulrike Almut Sandig auch ein Spiel mit dem Scheitern, und eine Gratwanderung der Genres.

"Mich interessieren genau diese Unsicherheiten: Spricht sie noch oder singt sie schon?"

Die Flügelglastüren der "Hochschule für Musik und Tanz Köln" knarzen, ein Student rollt einen Kontrabass über den Flur, Studierende huschen durch die Gänge. Im Kammermusiksaal spielt jemand Klavier: Es laufen die Proben für den Auftritt am Abend, der Auftaktveranstaltung zum Workshop "Wort trifft Ton - Werkstatt für neue Lieder".

"Ich spiele heute Abend in dem Eröffnungskonzert zwei 'Lieder ohne Worte' von Mendelssohn Bartholdy und die probiere ich jetzt ein bisschen aus", sagt Hendrik Schöll-Naderer.

Sich selber einbringen, eine neue Rolle finden

"Später, wenn die fertig sind mit ihrem Studium, geht es immer auf irgendwelche Ergebnisse zu. Der Plan ist, sozusagen, den ganzen Wahnsinn eines Entstehungsprozesses mit allen Enttäuschungen und Aufgabenverschiebungen wirklich erst mal zuzulassen", sagt Ulrike Almut Sandig.

Die Lyrikerin trifft im Workshop "Wort trifft Ton" auf Studierende aus den Bereichen Komposition und Interpretation - von Gesang über Klavier, von Orchester bis Laptop. Klavier-Student Hendrik Schöll-Naderer, 9. Semester, 1993 geboren, ist einer von ihnen:

"Für mich persönlich ist es ziemlich aufregend, weil ich normalerweise eben mit dem Spielen von Klavierliteratur mich befasse, die schon vor vielen Jahren geschrieben wurde - also Mozart, Beethoven, Chopin. Und jetzt gerade haben wir die Möglichkeit, selber uns einzubringen in das Erschaffen von neuen Liedern. Da betrete ich zum Beispiel Gebiete, die ich sonst nie betrete und komme in eine Rolle, wo ich selber gucken kann: Worauf habe ich Lust, was spricht mich an, was kann ich hier selber einbringen? Was viel schwieriger ist und eine ganz andere Sache ist, als wenn ich mich mit Werken beschäftige, die es schon lange gibt."

"..Wenn es gelingt, bin ich ein Feld voller Raps,
verstecke die Rehe
und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt…"

"Jetzt in diesem Workshop können alle von Anfang an sich mit dem Text, mit der Dichterin selbst auseinandersetzten, gegenseitig Ideen entwickeln wie man einen Text in Musik setzt. Was braucht ein Sänger zum Beispiel dazu, was möchte er für einen Text singen, wie kann er diesen Text am besten umsetzten, was stellt sich ein Pianist vor? Dass sozusagen alle zusammen von Anfang an in so einen kreativen Prozess hinein gehen", sagt Stefan Irmer. Er ist Professor im Fach Liedgestaltung und hat diese "Werkstatt für neue Lieder" initiiert. 

Ein sachtes Zueinanderfinden

Bis kommenden September erarbeitet Ulrike Almut Sandig zusammen mit einem Dutzend Teilnehmern neue Lieder. Doch zunächst ist da das sachte Zueinanderfinden, das Ping-Pong künstlerischer Positionen: hier die Poetin, da die Musiker. "Wort trifft Ton" eben:

"Also idealerweise, wenn es richtig gut funktioniert, dann ist der Ton nicht die Begleitung, sondern dann steht der Ton dem Text auf Augenhöhe gegenüber", sagt Ulrike Almut Sandig.

"Wir werden mindestens zwei sein, wenn es beginnt.
Der Prozess ist eingeleitet.
Wir befinden uns kurz vor dem Durchbruch,
den Anbruch eines Mittags,
der die Nacht nicht mehr kennt…"

"Ich bin keine Musikerin. Ich kann nur rudimentär Noten lesen. Und wenn ich singe, dann weiß ich eigentlich nicht, in welcher Tonlage ich singe. Aber es funktioniert, weil es von der natürlichen Sprechmelodie und natürlich vom Text, der so da ist wie ich ihn geschrieben habe, erst mal aus geht."

"Sie hat uns vorhin auch ein paar Texte vorgelesen." - Auch Esther Valentin, Anfang 20 und Mezzosopran, nimmt am Workshop "Wort trifft Ton" teil - eine professionelle Vokal-Interpretin, die von Ulrike Almut Sandigs Text-Performance ganz begeistert ist.

"Es ist unglaublich toll, sie sprechen zu hören. Dann bekommt man auch natürlich noch mal einen ganz anderen Blick auf ihre Texte: Ich habe vorher einen gelesen, den sie später gesprochen hat, und habe ihn dann wirklich verstanden. Sie geht manchmal ins Singen beim Sprechen, was ich total beeindruckend finde, weil es einen überrascht. Und trotzdem ist es total natürlich."

Und dann steht Ulrike Almut Sandig an diesem Abend auf der Bühne. Schon ihr Äußeres ist unkonventionell: blau gefärbter Pony, ein bordeauxfarbiges Abendkleid umgenäht aus einer Bomberjacke, Kopfhörer um den Hals. Image trifft Können. Es ist ein wahres Vergnügen, ihr zuzuhören. Sprach-Performance trifft schauspielerische Qualität.

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