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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 25.08.2015

Aqua Farming in der NordseeFischzucht unterm Windrad

Von Lutz Reidt

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Wolfsbarsch (imago/Thomas Holtrup)
Wolfsbarsche sollen einmal in Aquakultur-Käfigen in der Nordsee gezüchtet werden. (imago/Thomas Holtrup)

Dort, wo heute Windparks vor der norddeutschen Küste stehen, sollen eines Tages auch im großen Stil Fischarten wie Wolfsbarsch und Steinbutt gezüchtet werden. Noch sind das Zukunftsphantasien. Forscher vom Thünen-Institut in Ahrensburg arbeiten aber daran.

Fast einen halben Meter sind sie groß, der Rücken dunkelgrau, die Bauchseiten fast weiß: Wolfsbarsche zappeln in rundlichen Aquakultur-Käfigen umher, die größer sind als Mehrfamilienhäuser. Zu Tausenden werden die Edelfische großgezogen im Schatten rotierender Windräder, inmitten der Windpark-Anlagen, fernab der Küste in den Weiten der Nordsee. Noch ist dieser Gedanke Fiktion, doch hat der Fischereibiologe Ulfert Focken vom Thünen-Institut für Fischereiökologie in Ahrensburg konkrete Vorstellungen, wie diese Aquakultur-Käfige einmal aussehen könnten.

"Bei der Kugel hätten wir einen Durchmesser von maximal 20 Metern; wenn wir jetzt in andere, von der Kugel abgeleitete Formen gehen, elliptisch mehr, dann könnten wir eben eine Dimension deutlich verlängern, kämen dann zu einem Mittelding zwischen Ellipse und Walze; aber der Durchmesser darf nicht größer werden, weil wir sonst die Anlage bei 40 Metern Wassertiefe nicht mehr weit genug absenken können."

Kugel- und ellipsenförmige Riesenkäfige in der Nordsee, mit Wolfsbarsch, Steinbutt oder anderen kostbaren Edelfischen. So ist es angedacht in dem Projekt zur marinen Aquakultur. Der Trend geht weg von den Flachwasserbereichen vor der Küste, hinaus aufs offene Meer – in den Offshore-Bereich. Warum, erläuterte der Projektleiter Bela Buck in einem Interview mit Radio Bremen: 

"Der größte Teil unserer der Küste – an der Nordsee zumindest – ist Nationalpark und erlaubt relativ wenig Nutzungsmöglichkeiten; es gibt zwar die Besatzmuschelfischerei, aber in neue Aquakultur könnte da nicht stattfinden; der Trend ist, in den Offshore-Bereich, also weiter weg von der Küste, entfernt von der Küste etwas aufzubauen. Das ist im Kommen und da wir dort Windparks haben, ist die Idee entstanden: Kann man nicht diese Windparkflächen nutzen gleichzeitig für eine weitere Nutzung, nämlich Aquakultur."

Ohne Windparkbetreiber geht es nicht

Der Fischereibiologe Bela Buck vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven hat für sein Projekt auch Windparkbetreiber ins Boot geholt. Ohne die geht´s nicht, denn eigentlich sind Windparks aus Sicherheitsgründen für den externen Schiffsverkehr gesperrt. Wenn aber dort Aquakulturen zu betreuen wären, müssten die Züchter regelmäßig in die Sperrzonen rein. Fraglich ist jedoch, ob dann die Käfige direkt an den Fundamenten der Windräder verankert sein werden:

"Man muss wissen, dass durch diese Käfige, die dann in dieser Windenergieanlage  an den Boden herabgelassen werden können, trotzdem eine zusätzliche Last ausmachen, die auf diese Windenergieanlage wirken; deswegen gibt es noch ein weiteres Szenario, dass man nicht direkt an die Windenergieanlage geht, sondern in die Nähe, dass man zumindest den Park noch mit nutzt."

Eine Alternative wäre es, die Käfige in größerem Abstand von den Windrädern zu verankern – wobei die Windpark-Betreiber sehr darauf achten dürften, dass die Verkabelung am Grund keinen Schaden nehmen darf:

"Wenn die Windmühlen im Abstand von ein mal zwei Kilometer stehen, haben wir jeweils etwa zwei Quadratkilometer Fläche dazwischen, die wir nutzen könnten, ohne in die unmittelbare Nähe der Windmühlen zu kommen. Natürlich liegen dort Anker und Versorgungsleitungen und ähnliches, die man aussparen müsste, aber es gäbe noch genügend freie Fläche."

Richtlinie der Europäischen Union

Auch für die Offshore-Aquakultur gilt die Meeresschutzrahmenrichtlinie der Europäischen Union. Demnach darf von einer neuen Nutzung keine schädliche Wirkung auf die Meeresumwelt ausgehen.

Deswegen werden "Multitrophische Aquakultursysteme" entwickelt, wo biologische Kläranlagen angedockt sind. Und zwar in Form von Algen und Muscheln. Miesmuscheln zum Beispiel sind sehr effiziente Filtrierer. Sie nehmen Trübstoffe auf und machen das Meerwasser klar:

"Und die Algen würden die im Wasser gelösten Nährstoffe aufnehmen. Die Algen würden den Stickstoff zunächst mal binden und wenn wir die Algen ernten, aus dem Meer entfernen und einer weiteren Verwendung zuführen, dann hätten wir den Stickstoff wirklich eingefangen und damit aus dem System wieder entnommen."

Mit diesen Algen ließe sich zum Beispiel Strom in Biogasanlagen erzeugen. 

Die Forscher setzen bei ihrer Offshore-Aquakultur auf hochpreisige heimische Edelfische, die sich bereits in Zuchten bewährt haben. Dazu zählt der Steinbutt. Aber auch ein traditioneller Sommergast in der Nordsee. 

"Der Wolfsbarsch ist eine Warmwasserart, die wir nur über sechs Monate im Jahr dort im Offshore-Bereich kultivieren können. In den Wintermonaten ist das den Wolfsbarschen dort eindeutig zu kalt. Dann ziehen sich ja auch die natürlichen Bestände aus der Nordsee in den Ärmelkanal und weiter westlich zurück; Richtung Golfstrom; entsprechend können wir keine ganzjährige Produktion unter Nordsee-Verhältnissen dort etablieren."

Und das hieße dann: Junge Wolfsbarsche den Winter über in geschlossenen Anlagen an Land großziehen. Und dann im Frühjahr in die Windparks bringen. Ob sich das Ganze wirklich rechnet, wollen die Forscher jetzt herausfinden.

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