Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature
 

Montag, 20.11.2017
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Kompressor | Beitrag vom 13.06.2016

Antisemitismus im InternetJüdische Journalisten im Netz mit Klammern gebrandmarkt

Von Kerstin Zilm

Podcast abonnieren
Drei Klammern (Deutschlandradio Kultur)
Drei Klammern setzen Neonazis um die Namen jüdischer Journalisten, um sie im Netz zu diskreditieren. (Deutschlandradio Kultur)

US-Neonazis setzen die Namen jüdischer Journalisten bei Tweets in drei Klammern. Wer so gekennzeichnet wird, empfängt jede Menge antisemitischer Nachrichten. Die Spur der Urheber dieser Diskriminierung führt auch zu Präsidentschaftskandidat Donald Trump.

Der erste Tweet schien harmlos: "Hello Weisman" wurde Jonathan Weisman, Journalist der "New York Times", angeschrieben, sein Name in mehreren Klammern geschrieben. "Willst du erklären, was das soll?", fragte Weisman zurück. "Es ist eine Hundepfeife, Idiot!", kam die prompte Antwort. "Um meine nichtjüdischen Brüder aufzuwecken!"

Weisman war zur prominenten Zielscheibe des sogenannten "Echos" geworden, einem Symbol der US-Neonazis, mit dem sie Juden brandmarken. Rabbi Marvin Hier, Mitbegründer des Simon Wiesenthal Zentrums in Los Angeles:

"Ich habe vor ein paar Monaten zum ersten Mal davon gehört und war schockiert. Ob man es 'Echo' nennt, Klammern oder sonst was - es ist Antisemitismus des 21. Jahrhunderts. Das ist der richtige Name dafür. Sie trauen sich nicht, ehrlich zu sagen, was sie denken, weil sie Angst haben, von der Gesellschaft ausgestoßen zu werden. Die Wahrheit ist: Es sind Judenhasser."

Kaum war Weisman mit Klammern gebrandmarkt, füllte sich sein Twitter-Konto mit antisemitischen Nachrichten: Fotos von Auschwitz, einem offenen Gasherd, Hitler, dazu Beschimpfungen und Beleidigungen.

Die Website "Mic" führt das "Echo"-Symbol zurück auf den ultrarechten Podcast "The Daily Shoah" des Blogs "The Right Stuff". Der unterlegt jüdische Namen mit "Echo"-Effekt.

"Sie wollen Juden in Verruf bringen"

Die "Right Stuff"-Redaktion erklärte "Mic", die innerste Klammer stehe für die jüdische Zerstörung von Haus und Familie durch Dominanz der Massenmedien und die mittlere für Zerstörung der Nation durch Masseneinwanderung. Die äußere Klammer repräsentiere internationalen Zionismus. Für Rabbi Hier ist es eine moderne Version von Jahrtausende altem Antisemitismus, die im Keim erstickt werden muss.  

"Wenn wir nicht reagieren und nicht aufpassen, wird das Phänomen immer größer. Antisemiten erfinden sich permanent neu. Sie haben neue Methoden und neue Ansätze. Die Botschaft bleibt gleich: Sie wollen Juden in Verruf bringen."

Das Klammer-"Echo" verbreitet sich im Internet. Jüdische Journalisten bekommen Morddrohungen via Twitter und Telefon.

"Trump war Teil ihrer Bildsprache"

Auch Julia Ioffe wurde zur Zielscheibe. Sie schrieb ein Porträt über Donald Trumps Frau Melania, das der potenziellen nächsten First Lady nicht gefiel. Nach deren öffentlicher Medienschelte wurde Ioffe überrollt von hasserfüllten Tweets. Deren Urheber setzen ihren Nachnamen oft in mehrfache Klammern. Ioffe in einem CNN-Interview:

"Viele Trolle, die mir das obszönste, antisemitischste Zeug schickten, das ich in meinem Leben je gesehen habe, trugen auf ihren Profilfotos Trump-Hüte mit dem Slogan 'Make America Great' oder hatten eine Trump-Versammlung im Hintergrund. Trump war Teil ihrer Bildsprache."

Auch die Anti-Defamation League und das Simon Wiesenthal Zentrum sehen einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg von antisemitischen Angriffen auf jüdische Journalisten und der Wahlkampagne von Donald Trump. Dieser stärke mit seinen Verbalattacken und Hasstiraden gegen soziale Gruppen Antisemitismus, sagt Rabbi Hier:

"Wir sollten uns darüber im Klaren sein, was Hass auf diesem Planeten verursacht hat: Millionen Tote und Millionen, die leiden und gelitten haben. Präsidentschaftskandidaten, egal ob demokratisch oder republikanisch, sollten sich nie der Rhetorik von Hass bedienen. Sie müssen Aufhetzern und Fanatikern klar sagen: Du bist bei mir nicht willkommen, geh woanders hin."

Als Zeichen dafür, dass er sich von den Drohungen nicht einschüchtern lässt, re-tweetete der "New York Times"-Reporter Weisman antisemitische Posts und setzte seinen Namen im Twitter-Profil in "Echo"-Klammern. Andere Journalisten solidarisierten sich mit ihm und taten dasselbe. Dann schloss Weisman sein Twitter-Konto.

"Ich überlasse Twitter den Rassisten und Antisemiten" 

Die Plattform hatte auf konkrete Beschwerden geantwortet, keiner der antisemitischen Beiträge verstoße gegen Regeln des Netzwerks. "Ich wechsle zu facebook, wo Leute zumindest Klarnamen verwenden und ihren Hass nicht hinter erfundenen Charakteren verstecken", schreibt Weisman in seinem letzten Tweet. Und weiter:

"Ich überlasse Twitter den Rassisten und Antisemiten." 

Rabbi Hier vom Simon Wiesenthal Zentrum fordert von Twitter, facebook und Co., mehr Verantwortung zu übernehmen.

"Sie müssen aggressiver vorgehen. Natürlich ist Redefreiheit wichtig, aber es gibt freie Rede, die zu weit geht. Wir alle müssen uns dagegen wehren, indem wir die Menschen dahinter bloßstellen und sie bei dem nennen, was sie sind: Hetzer und Antisemiten. Sie dürfen nicht damit davonkommen."

Mehr zum Thema

Ingrid Brodnig: "Hass im Netz" - Gegen Hass im Netz ist niemand machtlos
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 18.05.2016)

Publizistin Carolin Emcke vor ihrem Republica-Auftritt - Damit Hass nicht zum Normalzustand wird
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 02.05.2016)

Hate Speech im Netz - Die dunkle Seite der digitalen Welt
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 13.03.2016)

Hate Speech - Die schweigende Mehrheit soll antworten
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 15.12.2015)

Anonymität im Internet - Zwischen Meinungsfreiheit und Hate Speech
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 15.12.2015)

Facebook und Hate Speech - Das asoziale Netzwerk?
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 14.09.2015)

Hate Speech - Kein Platz für Menschenhass im Netz
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 24.04.2015)

Hass im Netz - Facebook als Brandbeschleuniger für rechte Hetze
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 22.01.2016)

Renate Künast über Hate Speech - "Jetzt trolle ich mal zurück"
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 14.01.2016)

Hass-Kommentare - Facebooks halbherziges Vorgehen gegen Hetze
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 18.12.2015)

Fazit

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur