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Lesart | Beitrag vom 10.05.2017

Anke Stelling: "Fürsorge"Sexuelle Obsession zwischen Mutter und Sohn

Von Manuela Reichart

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Collage - Cover des Romans "Fürsorge" von Anke Stelling und zwei Balletttänzer auf der Bühne (Verbrecher Verlag / imago/stock&people/drama-berlin.de / Collage: Deutschlandradio)
Collage - Cover des Romans "Fürsorge" von Anke Stelling und zwei Balletttänzer auf der Bühne (Verbrecher Verlag / imago/stock&people/drama-berlin.de / Collage: Deutschlandradio)

Die Frau ist schön und durchtrainiert, Tänzerin im Ruhestand, erfolgreiche Ballettlehrerin – und sie schläft mit ihrem 16-jährigen Sohn. Anke Stelling erzählt in "Fürsorge" von dieser verstörenden Beziehung, verweigert jedoch jede psychologische Begründung.

Als 19-Jährige hatte sie das Baby bei ihrer Mutter in Leipzig zurückgelassen. Das Kind war ein Betriebsunfall, Ergebnis einer überflüssigen Nacht. Ihre Karriere wollte sie dafür auf keinen Fall zur Disposition stellen. Sie ging in die Welt, wurde eine erfolgreiche Ballettsolistin und ist nun – mit Mitte 30 – am Ende ihrer Laufbahn angelangt.

Sie unterrichtet an einer angesehenen Ballettschule, quält die Novizen dort so wie sie einst abgerichtet wurde und weiß nichts mehr mit sich und dem früh abgenutzten Körper anzufangen. Der Mann an ihrer Seite ist jedenfalls weder Hilfe noch Lebensinhalt. Aus Langeweile beschließt diese gefühlskalte Frau zu ihrer Mutter zu fahren, in die alte Heimat zurückzukehren – und ihren inzwischen 16-jährigen Sohn kennenzulernen.

Wortlos und amoralisch

Anke Stelling erzählt von dieser Begegnung und den verstörenden Folgen. Es geht nicht um späte Mutterliebe oder langsame Annäherung. Der Sohn ist wie die Mutter auf seinen Körper fixiert, er stählt ihn, arbeitet neben der Schule in einem Fitnessstudio. Zwischen diesen beiden Menschen, die weder miteinander reden, noch über ihre Handlungen nachdenken, die im wahren Sinn des Wortes amoralisch gezeichnet werden, entwickelt sich eine sexuelle Obsession, die ein grundlegendes Tabu zwischen Mutter und Sohn sprengt. Und niemand scheint zu sehen, was da geschieht, niemand greift ein. Die Großmutter ist ebenso wortlos gefangen in einer selbstbezüglichen Einsamkeit wie Mutter und Sohn.

Bei der Lektüre ist man hin und her gerissen zwischen Bewunderung für die Berliner Autorin, die sich wagt, ein Mutter-Sohn-Verhältnis auf die Spitze der körperlichen Vereinigung zu treiben und Ratlosigkeit angesichts einer Geschichte, die jede psychologische Begründung oder nachvollziehbare Haltung verweigert, die mit großer Intensität Körperfunktionen und Körperobsessionen beschreibt.

Eher erstaunt als empört

Allein die nicht ins Geschehen involvierte Erzählerin – selbst gerade schwanger mit ihrem dritten Kind und oft genug ratlos angesichts der alltäglichen Herausforderungen, die Elternschaft bedeutet – beobachtet eher erstaunt als empört, was vor sich geht.

Schon in ihrem letzten Roman "Bodentiefe Fenster" hatte sich Anke Stelling mit den Abgründen des Mutterseins beschäftigt und von den Überanstrengungen erzählt, die durch einen allzu ambitionierten Erziehungsstil entstehen. In "Für­sorge" treffen Mutter und Sohn nur noch als körperliche Wesen aufeinander. Wo es keine Liebe mehr gibt, hilft Sex allerdings auch nicht weiter.

Anke Stelling: Fürsorge
Verbrecher Verlag, Berlin 2017
176 Seiten, 19,00 Euro

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