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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.07.2010

Angstfach Mathe?

Warum Logik es in unserem Bildungssystem schwer hat

Von Michael Felten

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Mathematik gilt auch als beliebteste Disziplin. (AP)
Mathematik gilt auch als beliebteste Disziplin. (AP)

Zyniker meinen, Matheangst sei kein Wunder: In Englischstunden rede man ja nur miteinander, Deutschtexte würden oftmals zerredet, in Philosophie rede man mehr oder weniger gescheit drum herum - in Mathematik aber gelte es zu denken. Und das sei nun einmal nicht einfach. Kurzsichtige Kinderfreunde hingegen nehmen die Angstbilanz zum Anlass, auch beim Rechnen für eine Pädagogik der Ermäßigung zu plädieren: die Klassenarbeiten leichter machen, die Stoffmenge reduzieren.

Nun wäre der Ehrlichkeit halber zu ergänzen, dass die eingangs zitierte Umfrage nur die halbe Wahrheit darstellt: Denn Mathematik ist nicht nur das Schulfach, das die größten Befürchtungen auslöst - es gilt gleichzeitig auch als beliebteste Disziplin. Der Widerspruch ist nur ein scheinbarer: Mathematik ist nämlich für Schüler schwierige, aber auch attraktive Tüftelarbeit: ein überschaubares Problem - nicht etwa Geschichtsdaten, die sinnvoll einzuordnen einem der Horizont fehlt. Und eindeutige Lösungen - mithin weitaus wägbarer als eine Gedichtinterpretation.

Die Schulmathematik genießt also bei Jugendlichen einen veritablen Anfangskredit. Der wird allerdings nicht selten vonseiten der Mathelehrer belastet oder gar verspielt: durch zu geringen Alltagsbezug der Aufgaben; durch unnötig abstrakte Formulierungen und Beweise; durch ein Unterrichtsklima, das alles andere als fehlerfreundlich ist; durch zu wenig Eingehen auf individuelle Schwierigkeiten der Schüler. Viel Lehrerweiterbildung wäre also vonnöten - nicht eine, die die Ansprüche nivelliert, sondern die den Anlauf optimiert.

Aber - und das sei betont - andere Beteiligte schaden der Mathemotivation mindestens ebenso wie die gern gescholtenen Pauker. Das beginnt bei Kultusbehörden, die mehr Stoffvermittlung in kürzerer Zeit in volleren Klassen erwarten. Dann die Verlage, deren neue Mathebücher oft schwieriger statt klärender sind, weil sie unkritisch den Schalmeienklängen vom selbstständigen Lernen folgen - dabei gibt es gerade in Mathematik oft keine Klärung ohne eine Erklärung durch den Lehrer, zumal beim leistungsschwächeren Schüler oder dem mit sprachlichen Defiziten.

Und last not least tragen auch die Eltern ein erhebliches Scherflein zur Matheangst bei. Mit so fremdartigen Dingen wie Funktionen und Gleichungen zu hantieren, dazu brauchen junge Menschen innere Sicherheit ebenso wie Hartnäckigkeit. Wo aber die familiäre Erziehung von Verwöhnung, Verunsicherung oder Vernachlässigung geprägt ist, da fällt vielen Kindern schon das ABC des Lernens schwer: sich anstrengen, genügend büffeln, sich konzentrieren. Und dann kann der Lehrer natürlich noch so viele Register ziehen ...

Seit einem Jahrzehnt ist Bildung nun ein Dauerthema in Deutschland - aber keine der großen Parteien hat bislang eine konsistente Perspektive vorgelegt. Das konservative Lager pocht auf schulische Qualität, hat aber außer häufigeren Tests und vergleichbareren Noten wenig zu bieten. Das angeblich progressive Gegenlager mahnt vor allem Chancengerechtigkeit an, verliert sich aber in Gesamtschuldebatten oder setzt auf das Wunder der Individualisierung.

Vielleicht müsste man in Bildungsfragen einen neuen Ton anschlagen. Kommt es nicht vor allem auf die Lehrer an? Ob sie selbstbewusst und zugleich sensibel genug sind, stabile und gangbare Brücken zu schlagen, von Kinderzimmer und Jugendwelt zum Wissen von Gegenwart und Zukunft?

Gerade Mathelehrern würde zweierlei gut tun: Zum einen mehr gesellschaftliche Wertschätzung – denn an ihnen liegt, dass es irgendwann nicht mehr cool ist zu sagen "in Mathe war ich immer ‘ne Niete". Und zum anderen mehr emotionale Weiterbildung – sie arbeiten nämlich nicht primär mit Zahlen, sondern mit Menschen. Und denen könnten sie durchaus ein Stück Matheangst nehmen.


Michael Felten, geboren 1951, arbeitet seit drei Jahrzehnten als Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln. Er ist Autor von Unterrichtsmaterialien und Präventionsmedien, Erziehungsratgebern und pädagogischen Essays. Dabei geht es ihm darum, den Praxiserfahrungen der Lehrer in der öffentlichen Bildungsdebatte mehr Gehör zu verschaffen. Frühere Veröffentlichungen: "Kinder wollen etwas leisten" (2000), "Neue Mythen in der Pädagogik" (2001), "Schule besser meistern" (2006), "Auf die Lehrer kommt es an!" (2009). Eigene Website zu pädagogischen Themen: www.eltern-lehrer-fragen.de

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