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Im Gespräch | Beitrag vom 24.04.2018

Angelika Beer"Politik steckt an"

Moderation: Annette Riedel

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Angelika Beer (Piraten), spricht am 22.08.2012 im schleswig-holsteinischen Landtag. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Angelika Beer (Piraten), spricht am 22.08.2012 im schleswig-holsteinischen Landtag. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Ob Demonstrantin, Plakatekleberin oder Grünen-Bundesvorsitzende – Angelika Beer führt seit Jahrzehnten ein politisches Leben durch und durch. "Im Gespräch" erklärt die heute 60-Jährige, wie der Kosovo-Krieg für sie zur Zerreißprobe wurde und warum sie die Partei gewechselt hat.

Schon früh engagierte sich die heute 60-jährige Angelika Beer in der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung und war Gründungsmitglied der Grünen. Später stand sie an der Spitze der Partei und saß als Abgeordnete im Europaparlament. Bis heute verbindet man ihren Namen mit dem Nato-Einsatz im Kosovo-Krieg 1999, als sie – lange als überzeugte Anti-Militaristin bekannt – den Kurs der rot-grünen Bundesregierung mittrug. Wer glaubte, mit ihrem unerwarteten Parteiaustritt 2009 würde Angelika Beer die politische Bühne verlassen, hatte sich getäuscht. Nur Monate später folgte ein Neuanfang: Angelika Beer trat der Partei "Die Piraten" in ihrer Heimat Schleswig-Holstein bei und war bis zum vergangenen Jahr Abgeordnete im Kieler Landtag.

Sie sei mit harten Worten und Prügeln erzogen worden, sagt Angelika Beer. Dies habe in ihr Widerstand gegen die ideologische Ausrichtung ihres Vaters erzeugt, der Mitglied der CDU war und sich auch in der Gründungsphase der NPD engagierte. "Ich habe mich an meiner Erziehung gerieben. Man duckt sich weg oder man steht irgendwann dagegen auf. Ich glaube, das prägt das Leben schon, dass man einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit bekommt und auch merkt: Ich mach' das jetzt selber - denn da ist keiner, der dir hilft und du schaffst das und du willst das schaffen und dann schaffst Du das auch."

Die Gründung der Partei "Die Grünen" sei eigentlich taktisch gewesen, sagt Angelika Beer. "Wir haben auch Rechte mit reingenommen, zum Beispiel Öko-Faschisten wie Baldur Springmann. Das war damals nicht die 68er-Bewegung, aber die Aufbruchsstimmung war da. Ökologie war nie mein Herzensthema, sondern die Frage, wie man gesellschaftliche Konflikte löst."  

"Für mich als Anti-Militaristin eine Zerreißprobe"

Nachdem sie 1987 zum ersten Mal in den Bundestag gewählt worden war, fuhr Angelika Beer zunächst mit Freunden nach Frankreich, um sich zu überlegen, was sie in Bonn eigentlich machen wollte. "Da ich die Bundeswehr abschaffen wollte und Deutschland entmilitarisieren wollte und nie wieder Krieg wollte, war klar, dass ich in den Verteidigungsausschuss gehen muss." Ihre wichtigste Erfahrung schon am ersten Tag als Bundestagsabgeordnete war die Entdämonisierung ihrer Feindbilder: "Da saßen diese ganzen Männer in ihrer Unvollkommenheit und Kleinheit - und mir wurde klar, dass sie zwar eine große Klappe hatten, aber dass ich viel zu viel Respekt vor Ihnen gehabt hatte. Ich erkannte, dass sie ja auch nur Menschen sind. Und mir wurde klar, ich will Euch jetzt angreifen."  

Als elf Jahre später "Bündnis 90/Die Grünen" Mitglied der Bundesregierung wurden, sei das letztlich ein Alptraum gewesen. "Denn bevor wir überhaupt Regierung waren, waren wir schon erpressbar. Das war damals die Krise im ehemaligen Jugoslawien und die Amerikaner wollten angreifen ohne UNO-Mandat, völkerrechtswidrig. Das fing an mit dem internen Junktim von Gerhard Schröder, der Joschka Fischer zu Madeleine Albright in die USA schicken wollte und von ihm forderte, seine Partei zu überzeugen, das mitzumachen. Schröder sagte, entweder ihr Grünen macht das jetzt mit oder es gibt kein Rot-Grün.

Das habe ich im Nachhinein erst registriert. Das war für mich als Anti-Militaristin eine Zerreißprobe. Damals habe ich aus Überzeugung gesagt: Ich trage das mit, weil die Situation im Kosovo wirklich dramatisch war. Nur die moralische Rechtfertigung dieses völkerrechtswidrigen Krieges, durchaus auch mit Lügen, das war eine politische Erpressung, die humanitär erst einmal gerechtfertigt schien. Aber letztlich waren die Argumente überhaupt nicht stichhaltig. Deutschland hat Glück gehabt, dass es nicht in einen Bodenkrieg mit hineingezogen worden ist. Später habe ich gesehen, das war der größte Fehler, den ich gemacht habe. Ich habe später erlebt, in Mazedonien, im Kosovo, dass sich die Generäle der Bundeswehr von der Politik im Stich gelassen gefühlt haben. Das war ein Prozess, der hat sehr wehgetan."

Freiheit bei der Piraten-Partei gefunden

Joschka Fischer argumentierte 1999 mit dem Satz "Nie wieder Auschwitz" für den NATO-Einsatz. Angelika Beer sagt, dieser Satz tue ihr noch heute weh. "Auschwitz ist einmalig prägend, die historische Schuld Deutschlands. Diesen Satz Serbien mit auf den Weg zu geben, dass man völkerrechtswidrig einen Krieg führt, das ist nicht zu entschuldigen."

Sie sei nie Pazifistin gewesen, sondern Anti-Militaristin. "Ich habe mich mit der Realität auseinandergesetzt. Ich habe selbst Wehrübungen bei der Bundeswehr gemacht. Ich würde niemals Gewalt anwenden gegen Menschen, aber ich kann für mich nicht in Anspruch nehmen, Pazifistin zu sein. Diese Stärke habe ich nicht."

Im Frühjahr 2009 habe sie die Partei "Bündnis 90/Die Grünen" verlassen, weil sie mit den deutschen Grünen keine Schnittmenge mehr hatte. "Es ging nicht mehr. Es gab Unvereinbarkeiten. Unter anderem, dass ich entschieden habe, mit meinem Mann zusammenzuleben, dem früheren Militärattaché in Mazedonien, das haben viele bei den Grünen verurteilt."

Bei der Partei "Die Piraten", der Angelika Beer seit 2009 angehört, müsse sie sich nie inhaltlich verbiegen. Während ihrer Zeit als Landtagsabgeordnete der Piraten-Partei in Schleswig-Holstein, habe sie immer die Freiheit gehabt, jede Entscheidung für sich treffen zu können. "Mein Vater war NSDAP-Mitglied, wir hatten zuhause keine Freiheit zu denken. Diese Freiheit hatte ich dann bei den Grünen auch nicht mehr, aber ich habe sie dann bei den Piraten gefunden und das ist bis heute so."

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(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 13.06.2017)

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