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Sein und Streit | Beitrag vom 13.08.2017

Angebot und NachfrageNeymars Wert

Von Andrea Rödig

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Neymar während des Trainings in Saint-Germain-en-Laye. (dpa / picture alliance / Robert Ghement)
Stehen Gebrauchswert und Tauschwert im Fußball noch im Verhältnis? (dpa / picture alliance / Robert Ghement)

Statt dem Gigantismus der Rekorde hinterher zu eilen, sollten wir uns zumindest an die Marxsche "objektive Wertlehre" erinnern. Es gilt andere Modelle dessen zu entwickeln, was Wert ist und Wert schafft.

Das kennen wir alle vom Monopoly: Am Anfang kratzt die Spielerin einige Hunderter zusammen für den Kauf eines Häuschens auf der Badstraße und zwei Stunden später treibt die fällige Miete auf der Schlossallee sie doch in den Ruin. Die zu Beginn noch rar gesäten 10.000er-Spielscheine kursieren zum Schluss bündelweise im Monopoly, denn Geld hat – wie Waren – die ungute Eigenschaft, weniger wert zu werden, wenn mehr davon im Umlauf ist. Wer es nicht schnell genug scheffeln und investieren kann, hat das Nachsehen.

Monopoly: Häuser auf der Badstrasse, Hotels auf der Schlossallee. (imago / Travel-Stock-Image)Monopoly: Häuser auf der Badstrasse, Hotels auf der Schlossallee. (imago / Travel-Stock-Image)

Dass Werte entstehen und vergehen liegt am Gesetz von Angebot und Nachfrage, so lehrt es die Ökonomie. Gemäß der magischen Formel von der "unsichtbaren Hand des Marktes", gleichen sich Angebot und Nachfrage im Preis aus. Ist eine Ware knapp, die Nachfrage groß, steigt ihr Preis. Dabei hat der Marktpreis mit dem objektiven Wert einer Sache nicht viel zu tun. Dieses oft als "Wertparadox" beschriebene Phänomen ist lange bekannt.

Objektive Wertelehre

Auch hängen Tauschwert und Gebrauchswert nur sehr bedingt miteinander zusammen. Der Gebrauchswert von Neymar ist zwar derzeit noch erheblich, aber sein Tauschwert scheint, daran gemessen, doch etwas überzogen; ganz zu schweigen von Picassos Bild Les femmes d’Alger, das für spektakuläre 179 Millionen Dollar versteigert wurde, obwohl es definitiv keinen Gebrauchswert aufweist.

Nichts scheint heute plausibler als die Logik, der zufolge der Wert einer Sache sich vornehmlich an der Nachfrage orientiert: den Klicks, den Followern, den Börsennotierungen. Diese so genannte "subjektive Wertlehre" dominiert heute unsere Weltsicht. Sie ist aber nicht der einzige Bewertungsstandpunkt, den man einnehmen kann. Es gibt andere Modelle, zum Beispiel die "objektive Wertlehre", die mit dem Namen Karl Marx verbunden ist.

Porträt des deutsches Philosophen, Schriftstellers und Politikers Karl Marx.  (picture-alliance / dpa / Bifab)Porträt des deutsches Philosophen, Schriftstellers und Politikers Karl Marx. (picture-alliance / dpa / Bifab)

Marx bestimmte den Wert einer Ware unter anderem durch die in sie investierte menschliche Arbeitszeit. Diese Arbeitswertlehre gilt heute als komplett überholt. Warum aber? Mir als Nicht-Ökonomin will das nicht einleuchten. Mir will auch nicht einleuchten, warum sich Preise von objektiveren Kriterien wie Material, Sorgfalt und gesellschaftlichem Nutzen immer weiter entkoppeln oder warum ein Häuschen auf der Badstraße so viel weniger einbringen soll als das auf der Schlossallee. Es ist immerhin exakt dasselbe grüne Plastikhäuschen.

Dumm ist ...

"It’s the economy, stupid", wird man entgegenhalten. Aber wer ist hier eigentlich dumm? In den öffentlichen Reaktionen auf den Neymar-Deal zeigte sich eine Mischung aus Grusel und leicht verschreckter Faszination. Man verdammt moralisch die Logik des Mammons, gibt sich ökonomisch hilflos und ist zugleich ästhetisch berauscht vom Gigantismus der Rekorde. Diese Mischung ist fatal. Wenn das Monopoly – zu Recht – unheimlich wird, müssen wir aufhören mit der kollektiven Faszination der großen Zahl, dem Beeindrucktsein von Millionen und Milliarden, dem Kotau vor den Hütchenspielern des Kapitals.

Wir sind der Markt. Sicher gibt es gute Gründe, das Marktgeschehen heute nicht mehr mit den Kategorien von Marx zu berechnen. Aber es gilt, andere Modelle dessen zu entwickeln, was Wert ist und Wert schafft, es gilt, an die "objektive Wertlehre" zumindest zu erinnern. Oder an Aristoteles, für den der höchste Wert der Philosophie gerade darin bestand, unverwertbar zu sein.

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