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Tonart | Beitrag vom 08.03.2018

Anelis Assumpção - "Taurina"Ein Sound voller Poesie

Von Thorsten Bednarz

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Die brasilianische Sängerin Anelis Assumpção (imago/Fotoarena)
Anelis Assumpção hat mit "Taurina" ihr drittes Album vorgelegt. (imago/Fotoarena)

Sie ist einer der spannendsten Stimmen Brasiliens, sie mischt Pop, Hip-Hop und Musica Popular Brasilieria: In ihrem neuen Album thematisiert Anelis Assumpção das Frauenbild und die instabile politische Lage in ihrer Heimat.

"Ich bin in einem ganz normalen Haus aufgewachsen. Natürlich war überall die Musik von meinem Vater, doch meine Mutter hatte nichts mit Musik zu tun. Aber ich habe schon sehr früh gelernt, dass Musik nur ein Beruf ist, ein Beruf der die Rechnungen bezahlt, der auch meine Schule bezahlt hat. Es ist ein Job wie jeder andere."

So erzählt Anelis Assumpção. Obwohl sie inzwischen längst den Fußstapfen ihres Vaters entwachsen ist, ist er doch in ihrem Leben und ihren Gedanken noch immer sehr präsent. Auch ihre eigene Karriere scheint sie so zu betrachten. Obwohl sie lange Zeit versuchte, ein ganz andres Leben zu führen als ihr Vater. Sie arbeitete im Fernsehen, präsentierte dort ein Bildungsprogramm und kam doch zurück zur Musik.

Bezungspunkt Sao Paulo

"Diese Stadt, in der ich lebe, hat viel damit zu tun, wie ich mich als Künstlerin sehe. Es wäre eine fürchterliche Verschwendung, nicht alles zu nutzen, was die Stadt mir bietet. Hier leben auch viele Immigranten und auch Familien aus Bahia. Das ist ein unglaublicher Reichtum. Allein in meiner Straße leben vier sehr bekannte Graffiti-Künstler. Einer von ihnen machte das Cover für mein zweites Album. Aber man darf das nicht als Bewegung sehen wollen. Wir haben ja keine klaren Ziele so wie damals die Tropicalia-Bewegung. So etwas gibt es heute nicht. Wir sind einfach nur Künstler, die zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt leben und sich in ganz verschiedenen Formen ausdrücken."

Aber irgendwie scheint es doch immer wieder einen Bezugspunkt für sie und ihre Musik zu geben – die Musica Popular Brasilieira. Selbst wenn ihr zweites Album sehr von Soul und R&B geprägt war – es war doch immer eine sehr brasilianische Auslegung davon, mit fließenden Grenzen. Und als sie mit ihrer Schwester Serena an deren Album arbeitete, musste auch sie sich zwangsläufig viel mit afrobrasilianischer Religion und der dazu gehörenden Musik beschäftigen. Das floss nun unterschwellig wohl auch in das dritte Album ein, das wie seine beiden Vorgänger auch schon, einen ganz eigenen Sound, wenn nicht gar einen eigenen Stil, entwickelt hat.

"Das erste Album war kein Erfolg. Also musste ich mir um das berühmte zweite Album keine Sorgen machen. Gut, wir haben damit auch Konzerte gespielt usw. Aber das zweite Album war viel erfolgreicher und der Druck bestand wohl eher jetzt beim dritten Album. Dafür habe ich mir mehr Zeit genommen. Ich habe gewartet, bis die Musik zu mir kam und mich nicht unter diesen Marketingdruck gesetzt, unbedingt in einem bestimmten Rahmen Musik aufnehmen zu müssen. Wenn Du dich wirklich neu erfinden willst, dann kann das zwei, sechs oder auch zwölf Jahre dauern. Ich bin ganz froh, wie ich damit umgehen kann. Ich entwickle immer wieder neue Musik, aber ohne Druck, dass daraus ein Album werden muss. Alles hat seine Zeit."

Assumpção ist das neue Aushängeschild

Für die brasilianische Presse ist Anelis Assumpção das Aushängeschild der neuen Szene von Sao Paulo, eine hart arbeitende Frau, deren Kunst einem Prozess folgt, den man von vorn bis hinten verschlingen sollte. Und für den brasilianischen Rolling Stone steht fest: Je mehr man ihre Musik hört desto klarer ist, mit welch unvergleichlicher Poesie sie zusätzlich zur Musik daher kommt.

Sie hat die fast vier Jahre zwischen ihrem zweiten und dritten Album gut genutzt, ihre Stimme hat noch den Soul und die Kraft früherer R&B-Songs. Dabei klingt ihr Album "Taurina" viel akustischer und hat auch immer wieder mal einen Hauch von Jazz. Das hat sie mit den Größen der Musica Popular Brasilieria gemein. Eine Spielfreude, die vor Genregrenzen nicht Halt macht und der Musica Popular Brasilieria durchaus neue Farben hinzufügen kann.

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