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Profil / Archiv | Beitrag vom 12.03.2013

Anders denken lernen

Die Philosophin Natalie Knapp denkt immer nach - außer wenn Cello-Musik erklingt

Von Anke Schaefer

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Martin Heidegger inspirierte Natalie Knapp zur Philosophie. (AP)
Martin Heidegger inspirierte Natalie Knapp zur Philosophie. (AP)

Unsere Welt wird immer komplexer und unübersichtlicher. Das lineare Denken scheint ausgedient zu haben. Es hilft nicht dabei, mit Unvorhergesehenem und Ungewissheit umzugehen. Aber wie müssten wir denn dann denken? Das ist das Thema der Philosophin Natalie Knapp.

"Über alles, was ich sehe, denke ich auch nach, ich kann gar nicht anders."

Natalie Knapp sitzt an einem sehr kleinen halbrunden Holztisch in einem recht großen Zimmer in einer stillen Hinterhaus-Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg. Sie schenkt uns aus einer Silberkanne Brennnesseltee ein. Philosophin wollte Natalie Knapp nie werden - sie wollte an der Uni Freiburg Literaturwissenschaft studieren. Aber dann las sie die Bücher, die auf der Literaturliste standen:

"Da war auch Heidegger, dieser Vortrag vom Wesen der Sprache, dabei – und ich habe angefangen, das zu lesen und bekam Herzklopfen, und ich habe eigentlich kein Wort verstanden von dem was da stand, aber ich hab’s doch irgendwie verstanden und dieses Zwischenspiel zwischen Nicht-Verstehen und doch irgendwie verstehen, worum es da geht – hat mich gereizt."

Heute ist Natalie Knapp 42 Jahre alt, hält Vorträge und schreibt Bücher über Philosophie. Nicht, um den Lesern die Ideen und Begriffe der großen Denker zu erklären, sondern um diese Ideen in einer unübersichtlichen Welt zu nutzen. Natalie Knapp möchte, dass wir "anders denken lernen" - so heißt auch ihre Homepage.

"Ich kann die Welt so betrachten, wie Hegel sie gesehen hat oder wie Kant sie gesehen hat oder eben wie mein Mann sie sieht oder wie ich sie sehe. Und diese Fähigkeit, den eigenen Blick zu verschieben und die eigene Meinung nicht absolut zu setzen, sondern sich immer wieder die Freiheit zu nehmen, neu auf die Dinge zuzugehen, das ist für mich dieses 'anders' und diese Flexibilität im Denken und in der Wahrnehmung zu erreichen, darum geht es mir."

"Ich komme aus einem sehr politischen Haushalt"

Natalie Knapp schenkt uns vom Tee aus der Silberkanne nach und hört Peter Licht zu, der von den Fragen singt, die draußen vor der Türe in den Straßen liegen....

"Dieses Lied benutze ich manchmal, wenn ich philosophische Vorträge halte, weil man da viele Dinge dran zeigen kann. Die Texte sind sehr tiefsinnig und verändern auch ständig die Denkrichtung, so dass man nie versteht, was er meint. Das sind sehr poetische und sehr philosophische Texte."

Sehr selbstbewusst wirkt Natalie Knapp. Sehr klar, in dem was sie sagt. Als Tochter zweier Lehrer wuchs sie in dem kleinen Ort Malsch auf, zwischen Baden-Baden und Karlsruhe.

"Es wurde viel geredet bei uns zuhause. Ich komme aus einem sehr politischen Haushalt, es wurde selten etwas nur so hingenommen, sondern es wurde bei allen Mittag- und Abendessen geredet über Themen und Inhalte – ...und als Kind habe ich natürlich immer schon ganz viele Fragen gestellt – ich habe alles hinterfragt, vielleicht mehr als andere Kinder das machen."

Trotzdem musste sie ihr heutiges Selbstbewusstsein erst entwickeln. Viele Freunde hatte sie in ihrer Schulzeit nicht. Während sie lieber nachdenken, diskutieren oder lesen wollte, wollten die anderen Party machen, was erleben:

"Insofern war ich einfach sehr viel zuhause und sehr viel allein – wenn die anderen feiern gegangen sind. Das war so."

Erst an der Uni in Freiburg stellte Natalie Knapp erleichtert fest, wie viele Gleichgesinnte es gab. Sie promovierte über Heidegger, Derrida und Rilke, arbeitete beim Rundfunk, wollte aber noch etwas anderes tun. Doch was? Was kann man eigentlich als Philosophin? – Man kann mit Nichtwissen umgehen:

"Man ist ständig mit diesen Texten konfrontiert, von denen man kein Wort versteht. Man muss manchmal Jahre Geduld haben, bis sich das ändert. Und viele Menschen können das nicht, so einen vertrauten Umgang mit etwas pflegen, was immer noch geheimnisvoll bleibt."

"Mein Zaubertrank sind menschliche Beziehungen"

Wer aber mit dem Unbekannten und dem Nichtwissen auf Du und Du stehen will, der braucht eine gewisse Gelassenheit. Auch das entnahm die Philosophin den Schriften von Heidegger, Hegel und Platon - fand aber das schönste Bild für diese Gelassenheit bei Asterix und Obelix.

"Weil sie immer Angst haben, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte – und weil sie trotzdem genau unter diesen Umständen ihre Feste feiern und ihr Leben genießen. Und das ist für mich so ein wesentlicher Aspekt von Gelassenheit, dass ich immer weiß, dass mir der Himmel auf den Kopf fallen könnte, aber dass ich trotzdem noch die Kraft habe, unter diesen Bedingungen im Augenblick mein Leben zu genießen. Das ist wesentlicher, als jeden Schritt zu kontrollieren und am Ende das Ergebnis haben zu wollen, was man sich so ausgedacht hat."

Leichter lässt sich diese Gelassenheit leben, sagt Natalie Knapp, wenn man einen Zaubertrank zur Hand hat:

"Mein Zaubertrank sind menschliche Beziehungen, Freundschaften, die sehr lange tragen und wo ich einfach weiß, dass ich mich darauf verlassen kann. Wenn irgendwo was weg bricht, dann ist immer noch was da."

Doch Natalie Knapp pflegt nicht nur alte Freundschaften, auch im weiteren Sinne arbeitet sie an tragenden Beziehungen zu Menschen, Tieren und Pflanzen. Sie isst vegetarisch, kauft nur in Läden, in denen die Produkte fair gehandelt werden und in denen ihr der Umgangston behagt, die Möbel in ihrer Wohnung sind alle geerbt oder secondhand gekauft – und auch wenn sie das Internet grundsätzlich als Informationsquelle und Mittel zur Vernetzung positiv sieht, ist es ihr noch nie in den Sinn gekommen, eines ihrer vielen Bücher bei Amazon zu bestellen.

Wir legen noch mal Pablo Casals und die Cello Suiten von Bach auf und Natalie Knapp wird jetzt ganz still. Wenn sie sagt, sie denke immer nach, dann ist das nicht ganz richtig:

"Cello ist für mich so das Instrument, das mir vom Klang her am nächsten ist (..) und wenn er das spielt, dann setze ich mich hin und mache die Augen zu und existiere dann gar nicht mehr, weil das Cello für mich steht dann in diesem Augenblick. Das ist gut für mich in Situationen, in denen ich zu denken aufhören möchte."

Natalie Knapp: Kompass neues Denken – Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können
rororo Verlag, Berlin 2013
336 Seiten, 9,99 Euro

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