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Buchkritik | Beitrag vom 21.03.2017

Amistead Maupin: "Die Tage der Anna Madrigal"Abschied von der Barbary Lane

Von Dirk Fuhrig

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Zwei Männer küssen sich zwischen einer Regenbogen-Flagge und einem herzförmigen Plakat. (AFP/Josh Edelson)
Amistead Maupins "Stadtgeschichten" erzählen aus dem Leben der Gay- und Transgendercommunity. (AFP/Josh Edelson)

Armistead Maupins legendären "Stadtgeschichten" aus San Francisco kommen nun mit dem Roman "Die Tage der Anne Madrigal" zu ihrem Ende. Im Mittelpunkt des letzten Bandes steht Anna Madrigal, die legendäre Transgender-Lady und Hausherrin in der Barbery Lane.

Als die "Stadtgeschichten" zu Beginn der 1990er-Jahre auf Deutsch erschienen, waren sie das, was man einen "page turner" nennt. Die Leser und Leserinnen verschlangen die so leicht, treffend und eingängig geschriebenen Episoden aus dem Alltag einer Wohngemeinschaft in San Francisco geradezu. Heute sind es die beliebten TV-Serien aus den USA, die eine ähnliche Sucht nach "Mehr" auslösen.

Geschichten aus der Gay-Metropole

Der Journalist Armistead Maupin hatte die "Tales of the City" im Original zunächst als Fortsetzungsroman in einer lokalen Zeitung veröffentlicht. Er nahm den Mikrokosmos einer mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelten Hausgemeinschaft, um daran den freiheitlichen Geist der Flower-Power-Metropole San Francisco festzumachen:

In der Barbary Lane 28 - der fiktiven Roman-Adresse - gingen lauter Menschen ein und aus, die den konventionellen Gesellschaftsbildern nicht entsprachen: Schwule, Lesben, Transsexuelle, Prostituierte, Alternative und Unkonventionelle jeder Couleur, egal ob jung oder alt. Die Stadtgeschichten feierten ein links-alternatives Lebensgefühl, geprägt von Toleranz, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Anderssein - ein Gegenentwurf zu den restriktiven "family values" des Mainstream-Amerikas.

Sexuelle Befreiung, AIDS-Krise, Kampf für Homo-Ehe

Armistead Maupin, mittlerweile 72 Jahre alt und mit einem Mann verheiratet , hat die "Stadtgeschichten" über vier Jahrzehnte hinweg immer weiter geschrieben und damit auch die Entwicklung der Gesellschaft dokumentiert: von der sexuellen Befreiung in den 70ern über die AIDS-Krise und deren Überwindung bis hin zum Kampf um die Homo-Ehe. Nie direkt politisch, aber immer prall aus dem Leben.

Das machte und macht den Erfolg dieser Serie aus; die Bücher wurden auch verfilmt und als Musical bearbeitet.

"Die Tage der Anna Madrigal", das ist, so heißt es, die letzte Episode der "Stadtgeschichten". Anna, die Patriarchin der Barbary Lane - als Mann geboren, nämlich als Sohn einer Bordellbesitzerin in einem Kaff in der Wüste von Nevada - , ist sich treu geblieben: Mit über 90 gönnt sie sich noch regelmäßig einen Zug aus einem der Joints, die in einer Gebäckschale in ihrem Wohnzimmer ausliegen.

Hipster statt Hippies

Die Welt um sie herum hat sich jedoch extrem verändert. In San Francisco sind mittlerweile die "Dotcommer" an der Macht; die Digitals von Apple, Google und Co. haben die Mieten in astronomische Höhen getrieben. Die Mittelschicht steht vor der Auflösung, die Mitglieder der einst so fröhlichen Hausgemeinschaft können sich kaum mehr über Wasser halten. Der Hippie-Sehnsuchts-Ort ist zum Hipster-Dorado geworden - Analogien etwa zu Berlin-Kreuzberg drängen sich auf.

Auch wenn die neuen Episoden nicht mehr ganz so prägnant erzählt sind wie die früheren (was teilweise wohl auch an der etwas lustlosen Übersetzung liegt). Armistead Maupin zeigt sich in "Die Tage der Anna Madrigal" noch einmal als sehr genauer, seismographischer Beobachter der kalifornischen Gesellschaft. Maupin hatte die "Stadtgeschichten" zwar beendet, längst bevor Donald Trump die politische Szenerie betrat - der Wandel des gesellschaftlichen Klimas und der sozialen Lage in den USA ist zwischen den Zeilen jedoch deutlich zu spüren.

Armistead Maupin: "Die Tage der Anna Madrigal"
Roman. Aus dem Amerikanischen von Michael Kellner
Rowohlt Verlag, Hamburg 2017.
334 Seiten, 10,99 Euro

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(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 11.04.2008)

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