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Sonntag, 19.11.2017

Fazit | Beitrag vom 27.09.2017

"Amerika" am Deutschen Theater BerlinRettung gibt’s nur im Theater

Von André Mumot

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Szene aus "Amerika" am Deutschen Theater  (imago/Martin Müller)
Die Schauspieler Ulrich Matthes (l), Frank Seppeler und Regine Zimmermann in der Inszenierung "Amerika" am DT Berlin. (imago/Martin Müller)

Regisseur Dušan David Pařízek hat "Amerika" nach dem Roman "Der Verschollene" von Franz Kafka am Deutschen Theater inszeniert. Ein unfreiwilliger Auswanderer auf der Suche nach Erlösung. Wer bis zum Ende des Stückes durchhält, den erwartet ein großes Spektakel.

Weil er ein Dienstmädchen geschwängert hat, schicken ihn seine Eltern nach Amerika: der 16-jährige Karl Roßmann ist Auswanderer wider Willen und Protagonist von Franz Kafkas Romanfragment "Der Verschollene" – ursprünglich von Max Brod veröffentlicht als "Amerika" und unter diesem Titel jetzt auch am Deutschen Theater Berlin zu sehen.

Regisseur Dušan David Pařízek hat eine eigene Adaption erstellt, ein ehrerbietiges, sehr gediegenes Abarbeiten an den wichtigsten Episoden des Romans, die sich nun abspielen vor Holzparkettwänden, die, wenn sie einstürzen, nur immer neue Wände auftauchen lassen. So ist das bei Kafka, alles ist Irrgarten, das Leben ein Labyrinth, und eine andauernde Aneinanderreihung von schrecklichen Peinlichkeiten, die dem armen Helden zustoßen. Aktualisiert wird dabei nichts, von Bezügen zu aktuellen Krisen oder dem Amerika der Gegenwart keine Spur, alles bleibt, wie im Roman auch, im ungefähren Raum, ist holzgetäfelte Seelenwelt.

Schwerfällig, steif, verkniffenen

Marcel Kohler gibt den Karl Roßmann darin als liebenswürdigen Verlierer, mal linkisch, mal aufgeblasen, ein verlegenes, aber sehr hoch gewachsenes Häuflein Elend, schließlich ein ehrlich Verzweifelter und am Ende vielleicht sogar ein überrascht Erlöster.

Es liegt wahrlich nicht am fünfköpfigen Ensemble, das diese Aufführung einen so schwerfälligen, steifen, verkniffenen Eindruck macht. Regine Zimmermann wechselt nach Herzenslust die Akzente, und Ulrich Matthes schlüpft aus der Haut des selbstgefälligen Magnaten in die des schmierigen Oberkellners im Luxushotel. 

Nebenfiguren rücken ins Rampenlicht

Und doch fehlt, was Kafkas Texte ausmacht: Die unbarmherzig ausführliche Erzählstimme, das entnervend genaue Protokoll von Scham und Bedrängung, von Scheitern und Verurteilung. Statt die innere Pein des Verschollenen in den Mittelpunkt zu stellen, dürfen hier die grotesken Nebenfiguren ins Rampenlicht, dürfen die volle Aufmerksamkeit genießen – und müssen das Publikum letztlich doch mit ihren ausgestellten Eskapaden langweilen. Die spröden Texte, zum Teil sehr klug in Dialogform gebracht, ziehen sich gewaltig – bis ganz am Schluss ein unerwartetes Spektakel die Aufführung zum schillernden Ende führt.

Karl Roßmann tritt dem Großen Naturtheater von Oklahoma bei – und das präsentiert sich bei Dušan David Pařízek als hinreißende Drag- und Lichtshow, die auch noch die letzten Wände zum Einsturz bringt. Ulrich Matthes im goldenen Glitzerfummel und mit weißer Afro-Perücke singt "Suicide is painless", Regine Zimmermann stimmt ein und wackelt mit den Engelsflügeln und Marcel Kohler spielt beinahe virtuos Trompete. Es gibt eben doch eine Rettung aus all der Lebenspein, aus all den Verlegenheiten und Unzumutbarkeiten des amerikanischen wie des generellen Lebens. Eher im Himmel als auf der Erde, und am wahrscheinlichsten doch: im Theater. Wir haben’s immer gewusst.

Weitere Informationen zu "Amerika" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Theaters.

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