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Studio 9 | Beitrag vom 05.05.2015

AmateurfunkerJagd nach Kontakten von weit her

Von Gerhard Richter

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Amateur-Funkgerät (picture alliance / dpa)
Amateurfunker sind eine Gemeinschaft, die sich rund um den Globus verständigt. (picture alliance / dpa)

In der Ära von Smartphones und Tablets wirken sie ein bisschen wie aus der Zeit gefallen: Amateurfunker. Noch gibt es Zehntausende von ihnen allein in Deutschland. Doch die Funker-Szene hat ein Nachwuchsproblem.

Ein Kleingarten vor den Toren Berlins. Rund um die hölzerne Laube wachsen nicht nur Gladiolen, sondern auch Antennen in den Himmel. In der Gartenlaube sitzt Uli Hergett vor seinem Funkgerät und dreht am Frequenzregler, 50 Megahertz, das sogenannte magische Band. Der Frequenzbereich, der am meisten Überraschungen bietet.

"Das ist bei diesem magischen Band so, deswegen heißt das auch so, das geht manchmal minutenweise, es passiert stundenlang nichts, plötzlich hört man jemand. Man kann Funkverbindungen machen, fünf, zehn Minuten, dann ist wieder Ruhe."

Tatsächlich, an diesem späten Vormittag sind auch andere Funker aktiv. Uli Hergett nimmt das Mikro und gibt seine Kennung durch.

"Good Morning, delta lima eight radio oskar, portable."

Der andere Funker ist Italiener und heißt JM48EX. Auch er lauert an diesem Vormittag im magischen Band auf Zufalls-Kontakte. Das Gespräch ist aber nur kurz und unpersönlich.

"Thank you!"

"Es wird nicht viel mehr gesagt, aufgrund der kurzen Zeitfenster. Es wird immer nur der Rapport ausgetauscht, wir haben uns beide 5 und 9 gegeben. Das heißt ich höre sie sehr gut, besser geht's eigentlich nicht, und wir geben die Koordinaten an."

Tausende Funker rund um den Erdball

Die Koordinaten zeigen, dass der Gesprächspartner auf Sardinien vor seinem Funkgerät sitzt. Uli Hergett dreht langsam am Frequenzknopf und lauscht angestrengt in den Äther. Der 71-Jährige funkt seit mehr als 50 Jahren und beherrscht auch das Morsealphabet. Noch immer gibt es tausende Funker, die sich rund um den Erdball damit verständigen.

"Also, es geht um die ganze Welt. Bei sehr guten Bedingungen, komm ich durchaus auch nach Amerika, also Südamerika, Nordamerika, das geht schon, aber das ist außerordentlich selten."

Vor allem am Vormittag ist es schwierig, weite Verbindungen zu bekommen. Das Funkwetter ist zu schlecht. Und Funkwetter ist mehr als Temperatur und Wolken, es schließt kosmische Phänome mit ein, Sonnenwind, Ionisierung der Stratosphäre. Ein guter Funker ist auch ein Atmosphärenphysiker. Manche nutzen die Tragflächen von Flugzeugen als Reflektor, oder sogar Meteoritenschwärme.

"Und die Meteoritenfunker, die warten da drauf, die richten ihre Antennen auf die Schauer, und an dem Schweif den die erzeugen, die Ionisierung, an der Restatmosphäre, dort werden die Funkwellen reflektiert und sie kommen dadurch sehr weit."

Aber die Funker suchen nicht nur den Kontakt zur anderen Erdseite, sondern auch zu den gleichgesinnten in der Nachbarschaft. Uli Hergett ist Vorsitzender des Ortsverbands Hellersdorf und der trifft sich jeden Dienstag zum Clubabend.

Es geht immer um Reichweite

Jochen Werner hat eine gebrauchte russische Antenne ergattert, zusammengesteckt sind die Rohre 15 Meter hoch. Für die einzelnen Teilebastelt der Ingenieur grade eine Halterung in einen ausrangierten Polizeibus, das vereinseigene Funkmobil. Damit fahren die Amateurfunker ins Gelände, bauen auf Hügeln ihre Funkgeräte auf oder jagen bei Funkwettbewerben nach weiten Kontakten.

"Vornehmlich geht's eigentlich immer um Reichweite. Je mehr Reichweite ich zu meinem Funkpartner habe, desto mehr Punkte gibt's. Das wird dann aufsummiert und das gibt's dann Deutschlandweit oder auch europaweit so eine Art Bestenliste. Und einen Sieger und einen Pokal."

Rund 70.000 Amateurfunker gibt es in Deutschland, 60 davon sind Ortsverband Hohenschönhausen organisiert und 10 davon sitzen im Vereinsraum, im zweiten Stock eines Jugendclubs, am Rande der Plattenbausiedlung. Einige beugen sich mit dem Lötkolben über Leiterplatten, Jürgen Radtke sitzt am Funkgerät und sucht nach Kontakten. Jetzt, am Abend hat er gute Chancen.

"Normalerweise ist sehr sehr viel Betrieb auf den Funkfrequenzen. Da liegt eine Station neben der andren. Aber nun kann natürlich sein... Also aufgrund der Wetterlage... Das sind russische Funkfreunde."

Keine einzige Frau ist anwesend

Besonders nachts ist das Funkwetter besser, und einige Mitglieder treffen sich regelmäßig zur sogenannten Nachteulenrunde, funken bis in die Morgenstunden. Da gibt es interessante Entdeckungen, erzählt Jürgen Radtke. Yankee Yankee Yankee Lima Yankee, beispielsweise, das Rufzeichen hat er sich gemerkt, es gehört einer jungen Frau aus Venezuela.

"Die ist da auch ganz aktiv auch am Antennenbauen, und am Ausprobieren der Technik - am Funken. Ist ein Zeichen dafür, dass es auch junge Leute richtig gut begeistern kann, also auch junge Frauen, nicht nur Männer. Hat mir also richtig gut gefallen, muss ich sagen."

Hier im Clubraum gibt's dagegen keine einzige Frau und kaum Jugendliche. Die sind für diese Technik schwer zu begeistern, erzählt Uli Hergett:

"Und wenn wir sagen, wir funken mit den USA, oder Neuseeland oder Australien oder weiß Gott mit wem, dann sagen die toll! Ich nehme mein Handy, dann telefonier ich mit meinem Kumpel, der ist auch grade in Neuseeland. Die Faszination ist nicht mehr die gleiche."

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