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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.08.2008

Am Ende ein Gebet

"Auch wenn ich hoffe. Das Tagebuch des Mosche Flinker", Berlin University Press, 2008, 170 Seiten

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Das Schreiben ins Tagebuch war  Mosche Flinker während der Besatzungszeit wichtig. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
Das Schreiben ins Tagebuch war Mosche Flinker während der Besatzungszeit wichtig. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

Tagebücher können besonders aufwühlende Zeugnisse historischer Ereignisse sein: Die Aufzeichnungen von Anne Frank waren ein Beispiel dafür. Nun liegen auf Deutsch die Notizen des niederländischen Juden Mosche Flinker unter dem Titel "Auch wenn ich hoffe" vor. Der Zeitzeuge stellt das Schicksal seines Volkes in den Vordergrund und kommentiert das eigene eher lapidar.

Für den Historiker Saul Friedländer sind es "sehr ungewöhnliche Eintragungen eines sehr ungewöhnlichen Tagebuchschreibers": Mit hebräischen Buchstaben gefüllte Seiten dreier Notizhefte, die im Keller eines Brüsseler Hauses kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges gefunden wurden. 1958 erstmals in Israel veröffentlicht, erschienen sie 1971 in englischer Sprache und liegen nun - mit einem Vorwort Friedländers - unter dem Titel "Auch wenn ich hoffe. Das Tagebuch des Mosche Flinker" in deutscher Übersetzung vor.

Flinkers Aufzeichnungen ergänzen vergleichbare von Anne Frank, Petr Ginz oder Dawid Rubinowicz. Sie bezeugen die Alltagsrealität des Holocaust und demonstrieren die Fähigkeit einiger junger Menschen, sich von der brachialen Wucht des Terrors nicht erdrücken zu lassen. Dennoch unterscheidet sich Mosche Flinkers Tagebuch von den anderen.

Der in Den Haag geborene Sohn eines aus Polen stammenden Geschäftsmannes wächst mit sechs Geschwistern in behüteten Verhältnissen auf. Die Familie ist wohlhabend und tief religiös. Nach Besetzung der Niederlande durch die Deutschen und der bald darauf einsetzenden Judenverfolgung, gelingt es den Flinkers ins ebenfalls besetzte Brüssel auszuweichen. Aufgrund seiner Kontakte und finanziellen Mittel gelingt es Mosches Vater, die Familie zu versorgen. Sie lebt in ständiger Sorge, doch relativ privilegiert in der Illegalität.

Der Spielraum dort ist eingeschränkt. Den Akt des Tagebuchschreibens rechtfertigt Mosche Flinker mit dem Hass auf Untätigkeit. Mosche leiht hebräische Bücher aus, liest Zeitschriften, lässt sich von seinem Vater religiöse Texte bringen, schreibt über seine Lektüreerfahrungen. Er unterrichtet seine Schwestern in Französisch, selbst beginnt er mit dem Studium der arabischen Sprache. Er nimmt er sich vor, nach Palästina auszuwandern, um am Aufbau eines jüdischen Staates mitzuwirken.

Die Kenntnis des Arabischen, erklärt er, sei für ihn Grundvoraussetzung, um sich als Politiker oder Diplomat für das Wohl seines Volkes einsetzen zu können. Über Fortschritte beim Lernen informiert Mosche den Tagebuchleser sowie über seine philosophischen Gedankengänge. Originell analysiert er Veränderungen der militärischen Lage. Doch dem Jungen ist bei allem bewusst:

"Es geht doch heute nur darum, am Leben zu bleiben."

Immer wieder erwähnt er Deportationen in den Osten, ohne sich Illusionen darüber zu machen, zu welchem Zweck sie durchgeführt werden. Freunde und Verwandte werden aufgegriffen, immer stärker rechtet Mosche mit Gott. Die Eintragungen enden mit einem aufwühlenden Gebet.

Das Besondere an diesem Tagebuch ist das Bemühen des Schreibers, das Schicksal seines Volkes in den Vordergrund zu stellen, das eigene eher lapidar zu kommentieren. Und sein Versuch, den Ereignissen einen religiösen Sinn zu geben. Für Mosche wird die Erlösung der Juden nicht durch alliierte Truppen herbeigeführt werden, sondern durch Gott - wenn sein auserwähltes Volk nur lang und tief genug gelitten hat.

Rezensiert Carsten Hueck

"Auch wenn ich hoffe. Das Tagebuch des Mosche Flinker"
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
Berlin University Press, Berlin, 2008
170 Seiten, 19,90 Euro

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