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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 02.01.2008

Altes Ostpreußen - neue Heimat

Seit 60 Jahren in Masuren

Von Andrea Marggraf

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Im Winter 1945/46 begannen in Polen die großen Massenaussiedlungen. Dreieinhalb Millionen Deutsche wurden aus Ostpreußen vertrieben, aber eine Million blieben. Zu ihnen gehörte der junge Oswald Goralski, der 1943 mit zwölf Jahren zu seiner Großmutter nach Ostpreußen gekommen war. Seit über 60 Jahren lebt er nun in Masuren.

Seine Biografie, in der wie bei vielen seiner Generation die Kriegsereignisse Schicksal spielten, konnte er sich nicht aussuchen. Die Flucht missglückte. Noch lange hatte er den Wunsch, nach Deutschland auszureisen, doch das Leben wies ihm einen anderen Weg. Heute lebt Oswald Goralski mit seiner großen Familie als einziger Deutscher in der Umgebung von Ostroda. Eine Geschichte zum deutsch-polnischen Jahr.

Im Winter 1945/46 begannen in Polen die großen Massenaussiedlungen. Dreieinhalb Millionen Deutsche wurden aus Ostpreußen vertrieben, aber eine Million blieben. Zu ihnen gehörte der junge Oswald Goralski, der 1943 mit zwölf Jahren zu seiner Großmutter nach Ostpreußen gekommen war. Seit über 60 Jahren lebt er nun in Masuren.

Seine Biografie, in der wie bei vielen seiner Generation die Kriegsereignisse Schicksal spielten, konnte er sich nicht aussuchen. Die Flucht missglückte. Noch lange hatte er den Wunsch, nach Deutschland auszureisen, doch das Leben wies ihm einen anderen Weg. Heute lebt Oswald Goralski mit seiner großen Familie als einziger Deutscher in der Umgebung von Ostroda. Eine Geschichte zum deutsch-polnischen Jahr.

"Nun stell Dir vor, was unser großes Problem ist: nach dem Brand, ich habe dir davon erzählt, musste ich die Decken hier abstützen. Und hier schau mal, früher oder später fällt der Giebel ab. "
"Ja wenn das Gewitter kommt ... elektrisch Licht wird nicht angemacht. Zumeist fehlt der Strom dann auch. Dann wird ne Kerze angezündet. Und dann sitzen wir und warten, bis das Gewitter vorbei ist. "

Das ist keine Geschichte aus alten Zeiten. Wir befinden uns in der Gegenwart. In Polen im Jahre 2005. Oswald Goralski wohnt seit seiner Kindheit in Tannenberg, dem jetzigen Girzwald/Stibarg. Heute ist er 75 Jahre alt und im weiten Umkreis einer der letzten deutschstämmigen Einwohner in den Masuren, einer stillen Landschaft, die einmal Ostpreußen hieß.

Das rote Backsteinhaus der Goralskis steht frei in der Landschaft, begrenzt von Feldern und einer Landstrasse, die früher einmal eine prächtige Baumallee gewesen sein musste. Wenige hundert Meter entfernt ragt auf einer kleinen Anhöhe die Kirche über die ein Dutzend weit verstreuten Häuser des Ortes heraus.

"Hier war der Dorfbrunnen. Den haben sie nach dem Krieg zugeschüttet. Das soll furchtbar gestunken haben. Das haben sie erzählt, da sind etliche von den Russen hineingeworfen worden. "

Die meisten Häuser wurden nach dem Krieg neu gebaut. Nur das Haus der Goralskis hat noch den Charme der alten Zeit. Ein Gutshof wie man ihn von Bildern von früher her kennt, mit der dazu gehörenden Scheune und einem Stall. Beides ist inzwischen einsturzgefährdet.
Oswald Goralski wollte hier nie wohnen. Das Leben wies ihm jedoch einen anderen Weg. Geboren wurde er in Gelsenkirchen. Neun Jahre seiner Kindheit verbrachte er in dieser Stadt.

"Und als ich dabei war als meine Eltern beschlossen, hier nach Ostpreußen umzusiedeln, da war ich sauer gewesen, böse. Ich habe meine Eltern gar nicht sprechen wollen. Und mein Vater hat mich noch so ein bisschen gefoppt und hat gesagt, ich bin ziemlich groß und stark. Ich eigne mich um den Mist zu trampeln.. Na ja was soll man als neunjähriger Junge tun. Musste ja mitmachen. "

"Hätten wir gewusst, dass es im September Krieg gibt, wären wir nie nach Ostpreußen gekommen. "

Das war im Juli 1939; zwei Monate später begann mit dem Überfall auf Polen der II. Weltkrieg. Das Leid dieses Krieges erreichte die Goralskis spät; vorher waren es die Polen, die zu Hundertausenden zwangsumgesiedelt oder verhaftet wurden. In ihre Häuser zogen Deutsche ein. Zwei Millionen Polen wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland geholt.
Für den jungen Oswald Goralski war der Krieg in dieser Zeit noch fern. Er besuchte das nächstgelegene Gymnasium in Hohenstein, gegen den Willen des Vaters, denn Oswald sollte Bauer werden und den Hof übernehmen.
Dann kam der Januar 1945, Oswald Goralski musste zurück nach Tannenberg, er hatte gehört, dass die Front kurz vor Allenstein steht. Der Vater glaubte ihm nicht.

"Dummheit. Dummheit. Mach das Radio an. ...Kommen Nachrichten und wirklich Nachrichten kamen. Wurde angesagt, wurde die Front gekürzt. ... Sagt mein Vater, na mein Junge hörst Du? Und dein Gerede? Was soll das."

Am 22. Januar 1945 nahm die Rote Armee Ostroda und Allenstein ein. Beides Städte, die nur wenige Kilometer von Tannenberg entfernt liegen. Einen Zugverkehr Richtung Westen gab es nicht mehr.
Vor der im Januar hereinbrechenden militärischen Offensive war es in Ostpreußen zu einer regellosen und panischen Fluchtbewegung gekommen. Wehrmachtsoffiziere hatten die Bevölkerung davon abzuhalten versucht ihre Häuser zu verlassen. Ostpreußen sollte gehalten werden. Auch der Vater wollte zunächst abwarten.

"Abwarten, ja abwarten. Und am Nachmittag desselben Tages. Die Flüchtlingswagen wurden immer mehr. Und obendrein zwei, halb zwei nachmittags kamen die ersten russischen Flieger über uns. Und fingen an, die Flüchtlingswagen mit Bordwaffen zu beschießen.
Sonnabendnachmittag haben wir den Wagen fertig gemacht. Gegen eins halb zwei die Pferde angespannt, da hatten wir noch, von den Flüchtlingen hier auf den Strassen ein Pferd geschnappt. Das lose rumlief haben das Pferd noch angespannt. ...Wir konnten hier vom Hof nicht auf die Strasse kommen. Das war so verstopft, ein Wagen hinter dem anderen, und von der anderen Seite kam ab und zu Militär.
Und dann sind wir aber so weit gekommen bis nach Gerswalde und in Gerswalde hat dann mein Vater angeordnet ,wir fahren jetzt nicht mehr weiter in der Kolonne, wir biegen links ab nach Kittnau. ....
Und dann sind wir nach Kittnau eingebogen und sind noch zwei, drei Kilometer weiter gefahren und dann war der Russe hinter uns.
Und hinter dieser Mauer haben wir uns alle flach auf die Erde gelegt. Und wie wir nun da alle so lagen, so zehn Minuten oder eine halbe Stunde ... das war ja kalt gewesen nicht. Und dann Huhäh da waren die Russen da. "

"Da haben wir gestanden längere Zeit. Dann haben sie erst einmal Uhren abgenommen nich. Uhri Uhri. Dann haben sie Mädchen, junge Frauen zur Seite genommen. Vor allen vergewaltigt. Dann fing das Geheul schon an, das Weinen. "

Zehn Kilometer weit sind sie mit ihrem Pferdewagen gekommen.

"Und hier von der Ecke führten uns schon die Russen. Rechts und links zwei Russen. Und der dritte hinter meinem Vater. Ich vier Schritte hinter meinem Vater wurde auch so geführt und hinter mir auch ein Mann aus Mühlen. Der Graben war tiefer gewesen, verschneit, führten uns hier, hier stand gar nichts, gar nichts, bis da macht das Flüsschen so einen Bogen da hinten, bis dahin führten sie meinen Vater und ich wurde hinter meinem Vater geführt. Und meine Oma stand mit Pferd und Wagen hier auf dem Weg. Meine Mutter neben dem Wagen. Keiner wusste ja, worum es geht. ... Jeder hat so seine Gedanken gehabt. Ich habe gedacht: mein Gott, wenn sie uns verhören wollen. Wir haben ja nichts anderes denken wollen. Und da, wo wir kurz vor der Biegung des kleinen Flüsschens waren, sah ich wie der Russe, der dritte, hinter meinen Vater ging. Mit der Pistole so die Mütze hochschiebt. (....) Mein Vater hat doch so eine Wintermütze gehabt, solche Skimütze und knallte schon und mein Vater fiel um. Und dann blieb ich natürlich stehen, automatisch. Und in dem Moment, wie ich stehen blieb, warf sich meine Mutter im selben Moment bei mir hinten auf den Rücken, umarmte mich so von hinten und flüsterte mir zu: Oswald wir wollen, dass sie uns beide hier erschießen. Und dann haben die Russen, die mich geführt haben, die Mutter immer so ein bisschen abstoßen wollen. Und dann haben sie zugeschlagen und auf uns zugeschrieen, wir wussten ja und verstanden auch nicht worum es geht. Und standen und standen und konnten uns nicht weiter rühren. Einmal wie steif. Und auf einmal kamen da noch ein paar Russen und dann haben sie uns regelrecht über unseren Vater rüber gestoßen. Und wie wir so hinter meinem Vater so drei vier Schritte waren, haben wir uns umgedreht und in dem Moment, wo wir uns umdrehten, sahen wir, dass der Mann, der hinter mir geführt wurde, über meinem Vater erschossen wurde. "

"Und dann gingen wir automatisch weiter ohne Ziel und ohne irgendeinen Willen. Wir gingen weiter. Es war ja viel Schnee. Und kamen schließlich auf den Berg da oben und von dort sahen wir wieder unsere Oma auf dem Weg. "

Noch keine 24 Stunden waren vergangen, seit der Vater im Radio die Meldung von der Frontbegradigung gehört hatte.
Die Großmutter entschloss sich, mit der Schwiegertochter und dem Enkel zum Hof zurückzukehren. Anders der junge Oswald Goralski; er hätte gern Ostpreußen verlassen.
Als sie ankamen, war der Hof bereits voller Russen.

"Dann kamen wieder Russen und nahmen uns hier wieder in die Küche....Und hier von der Küchenseite aus haben sie drei Stühle hingestellt und wir haben uns auf die Stühle hinsetzen müssen. Und dann dieser russische Offizier, hat dann uns Fragen gestellt… Meine Mutter versuchte masurisch zu antworten. Und der Russe fragte, wo wir hin wollten.
Da sagt meine Oma: Wir sind hier zu Hause.
Dann sagt der Russe: Seid ihr hungrig?
Wir, ja. Da hat er mit seinen Soldaten geredet und dann brachten sie in emaillierten Töpfen heißen Kaffee. Wir waren ja halb erfroren und wie wir den Kaffee sahen, bekamen wir regelrecht Heißhunger. Der Kaffee war zu heiß. Der Russe brachte jeden von uns eine Scheibe Kommissbrot
Der Offizier hat der uns gezeigt, wir sollen den in den Kaffee hineintun.
Und dann ist der Offizier weggegangen. Und die Soldaten liefen hin und her. Und dann brachten die Soldaten eine Blechtonne von 200 Liter von Benzin. Oben den Boden mit Axt und Hammer herausgeschlagen und die Tonne auf den Küchenherd gestellt. In die leere Tonne ein paar Eimer Wasser hinein gebracht. Feuer angemacht. ... schließlich fing das Wasser an zu kochen. Und dann haben wir geglaubt, die wollen uns alle in die Tonne stecken.
Auf einmal kam der Bursche von dem Offizier zu uns und sagte, wir sollen aufstehen. Wir sollen jetzt hinter ihm gehen. Dann ging er durch die Küche da, in unser Zimmer. Da saß der Offizier auf unserem Ledersofa ...Und wie uns dieser ins Zimmer brachte und der Offizier ... hat uns Stühle rann gezogen ... und auf einmal hat der Major dem Burschen etwas gesagt, hat Schüsseln kommen lassen mit Suppe. Kartoffelsuppe mit Fleisch, da konnten wir essen. Dann hat er gesagt, jetzt sollen wir schlafen gehen "

"Eines Tages sagte dieser Major zu uns, er muss weiter fahren, aber wir müssen mit ihm. Wir haben natürlich nicht nein und nicht ja gesagt. Meine Oma hatte am meisten Courage. Sie sagte, warum sollen wir denn mitfahren. Wir sind doch auch hier zu Hause. Das macht nichts, wir sollen mitfahren. Meine Oma sagt prompt. Wir bleiben hier.
Dann sagte er, wenn wir weg sind, dann seid ihr nicht mehr sicher. Dann sagte er: Dann nehme ich wenigstens den Oswald mit. "

In Ostpreußen hatten die dort kämpfenden sowjetischen Truppen zum ersten Mal deutsches Territorium erreicht und auch zum ersten Mal eine deutsche Zivilbevölkerung. Die Greueltaten der Soldaten an deutschen Zivilisten blieben unauslöschbar in den Köpfen. Sie geschahen, nachdem in der Sowjetunion durch diesen barbarischen Krieg, der 1941 begann, zig Millionen Menschen ihr Leben lassen mussten. Einige der Beteiligten von damals gaben ihre Erinnerungen weiter.
"Dann nehme ich wenigstens den Oswald mit" –der das damals sagte, war Jahrzehnte später in Deutschland kein Unbekannter.

Kopelew: "Aber dann war ja das Allerschlimmste, ich glaube, das waren die jungen Soldaten, die eigentlich nichts gelernt haben, die von der Schulbank an die Front kamen, die eigentlich nur das Schießen, das sich Durchschlagen, Vorarbeiten, Sprung auf, Deckung, die Schlimmes erlebt haben, dann kam der Siegesrausch und jetzt das Gefühl, jetzt ist alles erlaubt. ... Und dann gab es gewöhnliche Lumpen. Es sind sehr ja viele Kriminelle freigelassen worden in diese Spezielleinheiten, diese berühmten Strafkompanien, die aus den Lagern kamen. Richtige Berufsverbrecher. Und gerade diese Strafkompanien setzte man bei solchen Durchbrüchen ein. Wer am Leben blieb, kam wieder zurück in die Lager.
In dem Abschnitt, wo ich damals war, waren anderthalb Millionen Soldaten hieß es. Lumpen waren vielleicht Tausende, aber man erinnert sich an die. "

Erst später erfuhr Oswald Goralski von einer Germanistik Studentin aus Aachen, dass der Major, der sie vor dem Schlimmsten bewahrt hatte, Lew Kopelew war.

"Dann hat sie geschrieben, dass dieser Major, der bei uns war, in Deutschland ist. Er war auch in Aachen gewesen dort auf der Universität. Und damals wurde er Lew Kopolew genannt. Da hat sie dann aufgehorcht meine Erzählungen mit dem, was sie von ihm erzählt und zusammen gereimt, ihn auch angesprochen und dann hat er es zugegeben, dass er der Major war, der damals bei uns dieses Verhör mit uns gemacht hat. Und dann haben wir erfahren, dass er perfekt deutsch konnte.
Und nachher hat er uns auch geschrieben, weiß nicht genau, aber vielleicht werden wir uns noch mal sehen. Leider ist es nicht dazu gekommen, dann ist er gestorben. Aber bevor er gestorben ist, hat er mir durch die Studentin noch ein Buch geschickt. "

Kopelew wurde noch 1945 wegen "Propagierung des bürgerlichen Humanismus", "Mitleid mit dem Feind" und "Untergrabung der politisch-moralischen Haltung der Truppe" verurteilt.

Kopelew: "Ja selbstverständlich, das war der Vorwand, warum man mich einsperrte, der Vorwand für meine Vorgesetzten, die ganz gemeine Menschen waren, die diesen Raub billigten und die diese Rachegefühle unter ihren Leuten schürten. Diese Auseinandersetzung war die heftigste zu Ostpreußen zu Deutschen. "

Nachdem Kopelew den Hof der Goralskis verlassen hat, war die Familie wieder den Repressalien sowjetischer Soldaten ausgesetzt. Oft musste sie sich in der Nähe verstecken, bis das Haus wieder leer war.
Während die Goralskis mit der ständigen Bedrohung lebten, flüchteten inzwischen weiterhin Hunderttausende Richtung Westen.

"Und im März fingen auf einmal die Flieger an. Ein Flugzeug nach dem anderen. Und dann abends haben wir die hellen Flammen gesehen, das Leuchten am Horizont. Irgendwie brannte es, wir wussten ja nicht dass das Königsberg war. "

In Tannenberg, auf dem Hof der Goralskis wurden die Übergriffe russischer Soldaten immer seltener. Dafür mussten sie für die sowjetischen Besatzer arbeiten - zum Beispiel Kühe hüten. Viele Zivilisten verschwanden mit samt den Kühen. Sie wurden zum Arbeitseinsatz in die Sowjetunion gebracht.
Für Oswald Goralski und seine Mutter wechselte bald der Arbeitgeber. Ein Pole besetzte ihr Haus. Nun mussten sie auf ihrem eigenen Gut für ihn arbeiten. Von den Erträgen behielten sie nichts. Der neue Arbeitgeber nahm ihnen alles ab. Die Drangsalierungen des Polen wurden so schlimm, dass Oswald Goralski, wie er sagt, die Lust am Leben langsam verlor. Aber für ihn, der nie ganz heimisch in diesem Ostpreußen geworden war, ergab sich bald eine neue Hoffnung, dieses Land zu verlassen – die Vertreibung. "

Und dann kam der 17. Oktober. Wo auf einmal alle Deutschen zusammen gesammelt wurden nach Gersfelde auf den Gutshof gebracht. Da hieß es, da wurde ein Transport zusammengestellt und alle Deutschen werden jetzt nach Deutschland gebracht. Zwangsmäßige Ausgliederung. Und wir waren natürlich auch dabei. Unsere Oma wollte nicht, aber wir, Mutter und ich, wir haben uns regelrecht gefreut, wenn wir da kommen und wirklich nach Deutschland gebracht werden. ... Ja schiete. Das war eine Parole gewesen, die sich nicht verwirklicht hatte. Dort auf dem Gutshof wurden wir sortiert. Das heißt Frauen mit kleinen Kindern, Ältere, Gebrechliche, Kranke auf eine Seite. Alle Arbeitsfähigen auf die andere Seite. Und wir waren natürlich auf der Seite der Arbeitsfähigen. Die Oma war auf der Seite der Alten gewesen. Da wurden wir getrennt und einer wusste schließlich vom anderen nichts. In der Nacht haben sie hier aufs Gut gebracht. Wir sollten hier auf dem Gut arbeiten. Meine Oma war auf dem Wege nach Ostrode gewesen mit den Alten und Gebrechlichen, die wurden wirklich zum Bahnhof nach Ostrode getrieben und in Güterwaggons gesetzt und nach Deutschland abgefahren. "

Ein Plan des Alliierten Kontrollrats vom November 1945 sah die Ausweisung von rund 3,5 Millionen Deutschen aus Polen vor. Die polnischen Milizen übernahmen die über 1000 Internierungs- und Arbeitslager und die ca. 200 Gefängnisse vom russischen Militär und den Sicherheitsbehörden. Dieser gezielt-administrative Zwang der offiziell arbeitsfähigen Bevölkerung galt als eine Art lebende Reparationsleistung. Am 13. November 1945 gründete Wladislaw Gomulka das "Ministerium für die wiedergewonnenen Gebiete". Ziel war es, der verbliebenen deutschen Bevölkerung die Lebensgrundlage zu entziehen.

"Und unsere Oma, wie sie da erfahren hatte, was da vor sich ging, hat sie sich hier vor Gerswalde abgesetzt. Und unsere Oma kam am nächsten Tag hier nach Hause. Und der Pole hat sich schon ausgebreitet im ganzen Haus. Und dann hat er uns in dem Zimmer, wo jetzt der Fernseher steht, letzten Endes erlaubt zu wohnen. Durften aber nicht durch die Küche gehen. Nur durchs Fenster. Ein und Aussteigen. Alles war seins gewesen. "

In den 50er Jahren gab es in Polen noch ca. eine Millionen Deutsche.

"Dann kam es zur ersten polnischen Wahl. 46 war das gewesen. Dann sagte meine Oma noch, wir können doch nicht zur Wahl gehen, wenn wir Deutsche sind. Ein paar Tage später kam der Bürgermeister mit einem Amtsvorsteher, überhändigte uns solche Drucksachen, die wir unterschreiben mussten und wieder zwei, drei Tage später brachten sie uns polnische Ausweise. Also da haben wir optiert für Polen. "

Das Leben im Haus wurde unterdessen immer unerträglicher. Der Pole machte ihnen das Leben zur Hölle. Im Frühjahr 1946 lief die Großmutter mehrmals in der Woche 20 km zum nächsten Landratsamt und forderte, dass er ihr Haus verlassen solle. Es dauerte noch ein paar Wochen, bis er hierfür von den polnischen Behörden die Aufforderung bekam.

"Und wie der Pole uns nun verlassen sollte, hat er sich an uns gerächt. Eines schönen Tages kam es auch dazu, dass zwei oder drei Soldaten mit dem Polen da zu uns kamen und uns die Betten, Oberbetten, Unterbetten nehmen wollten. Und hab ich mich widersetzt. Hab ich nicht zulassen wollen. ... Bis dem einen Soldaten das mal zu viel wurde, da hat er mich angefangen zu schlagen. Hat mich auch zusammen geschlagen und dann ist meine Oma wieder dazwischen gekommen und hat mich sozusagen gerettet vor weiteren Schlägen noch. Und dann, ich lag mal am Boden, da hat sie sich so zu mir geneigt, und da hat der eine polnische Soldat der Oma einen Fußtritt gegeben. ... Und hat er ihr den Steißknochen hier gebrochen. Zuerst hatte meine Oma natürlich Schmerzen, Schmerzen ... Aber schließlich ging es nicht weiter. Dann hat sie sich hingelegt ins Bett. Aber das wurde nie besser. Es wurde schlechter, immer schlechter. ... Bis sie dann im März 47 gestorben ist. "

Das Versprechen:

"Und dann als sie so im Sterben lag, sagt se: Oswald, was wird jetzt aus unserm Grundstück? Ja sag ich, Oma vorläufig sind wir noch da. Oswald, du musst mir versprechen, dass du weiter das hälst. Oma, habe ich gesagt, wir sind hier und alle meine Kräfte gehören hier dem und wir werden weiter hier bleiben. "

Ein halbherzig gegebenes Versprechen. In Wirklichkeit begann Oswald Goralski in Warschau Medizin zu studieren. Er hatte seinen Traum noch nicht aufgegeben.
Ein zweiter Versuch, sich vom Hof zu lösen.

"Das war 1947. Da kam ein Pfarrer mit dem Fahrrad über Land und suchte deutsche Jugend, die noch verstreut auf den Dörfern wohnten. Und es war ja bekannt, dass diese Jugendlichen von den anderen nicht gut behandelt worden waren. Und er hat sich das als Pflicht vorgenommen, diese Jugend irgend auf eine Schule zu schicken, dass sie die polnische Sprache erlernen. Und nach zehn Monaten Schulung haben wir soweit die polnische Sprache erlernt, auch in Schrift, auch in Sprache. Es gab ja wenig polnische Jugend, die in den Kriegsjahren irgendwo ne Mittelschule besucht hatten. Etliche waren es aber zu wenig. Es musste doch mit Gewalt eine neue Intelligenz geschaffen werden. "

Der zweite Versuch scheitert.

".... Aber ich wollte nicht wirtschaftliches Studium machen, ich wollte Medizin studieren. Und nach drei Monaten dort angekommen, dann konnten wir das erste Mal zu Weihnachten 47 zurückkommen und wie ich nach Hause kam, meine Mutter war ja alleine zurückgeblieben, denn inzwischen ist ja meine Oma gestorben, dann sah ich in welchem Zustand meine Mutter war. Alleine auf dem Hof. In der Nacht wurde sie auch immer belästigt durchs Fenster kloppen und Geschrei und da war sie psychisch und auch physisch am Ende. Und als ich das sah, bin ich nicht mehr zurück nach Warschau gegangen. Da habe ich nicht mehr studiert. "

Die Entscheidung war gefallen. Arzt wird Oswald Goralski nicht mehr.
Doch die Liebe erleichterte ihm das Bleiben in Ostpreußen. Er lernte die Polin Danka, seine jetzige Frau kennen. Hoch zu Ross hielt er um ihre Hand an. 1952 heirateten sie. Vier Kinder haben sie zusammen bekommen und als Oswald Goralskis Mutter starb, übernahmen sie gemeinsam den Hof.
Sein deutscher Pass wurde ihm unterdessen von den polnischen Behörden abgenommen. Trotzdem versuchte er immer wieder Polen zu verlassen. Insgesamt stellte er zehn Ausreiseanträge. Alle wurden abgelehnt. Eine letzte Möglichkeit ergab sich dann doch noch in den achtziger Jahren.
Nach der missglückten Flucht und der Vertreibung zurück ins Haus nun der dritte Versuch, das jetzige Polen zu verlassen.

"Damals haben wir mit Onkel Franz uns verabredet und da sagt der Onkel Franz, macht das so, dass einer den anderen ablöst und in der Zeit komm ich und hol euch ab. Onkel Franz sollte dann und dann ankommen und wir warten auf ihn. Er kommt heute nicht, kommt morgen nicht, kommt in einer Woche nicht. Da wussten wir schon nicht mehr hin und nicht her. Das war ne Zeit für uns damals gewesen. Mein Gott. Wir haben nichts mehr gemacht. Wir haben noch das und jenes hier verkauft, um Geld zu haben und dann wars auf einmal Schluss.
Weil Onkel Franz an der Grenze auf der Fahrt zu uns doch gestorben ist im Auto. Er hat doch einen Herzinfarkt bekommen, doch wir wussten davon nichts.

Und weil wir ja schon früher immer versucht haben, die Erlaubnis zu bekommen, auszuwandern, da habe ich gesagt: Jetzt ist aus. Jetzt mache ich nie wieder den Versuch von hier auszuwandern. Das war der letzte Versuch gewesen. Und deswegen sind wir hier. "

Oswald Goralski ist der letzte Deutsche im weiten Umkreis von Tannenberg und Ostroda. In seinem Stall stehen inzwischen keine Kühe und Pferde mehr. Die Felder sind verkauft. Jetzt mit über 70 gibt es andere Interessen..

"Und hier habe ich mir die Werkstatt eingerichtet, Hobbywerkstatt. Das sind hier meine Sachen, die ich so mache. "

Schalen, Stühle, Gefäße und Kerzenständer drechselt Herr Goralski in seiner Werkstatt. Zwei große Kerzenständer stehen in der Kirche von Girswald/Stibarg, dem ehemaligen Tannenberg. Danka und Oswald Goralski haben hier zwei Ehrenplätze auf der Empore neben der Orgel.
Oswald Goralski ist aufgenommen in der polnischen Gemeinde. Alle grüßen ihn. Erst als sie bemerken, dass er eine deutsche Begleitung bei sich hat, werden die Blicke argwöhnischer. In einem Nachbarort musste ich sogar das Aufnahmegerät und den Fotoapparat einstecken. Die Angst vor Begehrlichkeiten aus Deutschland ist noch zu groß.

"Das ist noch so, wie die Russen das 45 zurückgelassen haben. Die haben doch alle Schränke umgeschmissen und durchgewühlt. ... Und das blieb noch so liegen, das habe ich bisher noch nicht aufgeräumt. "

Im oberen Stockwerk des Hauses ist die Zeit stehen geblieben. Oswald Goralski scheint keinen Bezug zu diesen Räumen seines Hauses zu haben. Mit 50 Euro Rente im Monat fehlt ihm das Geld zum Renovieren des Hauses. Wie sie bei den gestiegenen Heizölpreisen durch den kalten Winter kommen werden, wissen Oswald und Danka Goralski noch nicht. Vorerst heizen sie mit Holz. Davon liegt noch genug in der Scheune.

"Eine Idee fällt mir dabei ein, ich habe keinen Nachfolger, keiner will hier wohnen und wenn Du auf dem Lande leben willst, dann kannst Du zu mir kommen und das alles hier übernehmen. Bloß einen guten Mann musst du mitbringen. "

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