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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 20.10.2016

Alternatives WohnenDas gute Landleben in Brandenburg

Von Gerhard Richter

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Ein mobiler Dorfbackofen im Bau. (Gerhard Richter)
Ein mobiler Dorfbackofen im Bau. (Gerhard Richter)

Katja Haub und ihren Freunden graute es davor, in der Großstadt alt zu werden. Sie wollten mit anderen zusammen sein und naturverbunden leben. In Kuhlmühle, im Nordosten Brandenburgs, haben sie ein Stück Land in ihr Zuhause verwandelt.

Feucht und  braun ist die Masse, die sich in der Metalltrommel dreht. Eine Mischung aus Lehm und gehäckseltem Stroh. Simon van der Velden prüft die Konsistenz, gießt noch ein wenig Wasser hinein. Der Lehm soll später die Betonkuppel abdecken, die noch unfertig auf einem Autoanhänger steht.

"Das ist ein mobiler Pizza und Brotofen. Quasi ein mobiler Dorfbackofen und der ist auf einem Hänger befestigt, so dass er durch die Gegend gefahren werden kann und auch in die Dörfer oder zu den Veranstaltungsorten oder genutzt werden kann."

Simon van der Velden kippt den Lehm in einen Eimer, beschmiert damit sorgfältig die Betonkuppel. Ein paar Leute helfen ihm. Sie alle sind Mitglieder des Coolmühle e.V., Die meisten aus Berlin. Hier auf einer ehemaligen Ferienanlage wollen sie ökologisch und naturnah zusammen leben. Selber Brot backen, passt da gut ins Konzept.

"Seit einiger Zeit haben wir ein kleines Garten-Pachtgrundstück im nächsten Dorf. Und da im Wildwuchs haben wir dann den verwilderten und zerfallenden Dorfbackofen entdeckt. Und das war eine der Initialgeschichten, wo es so war: Hey, das ist ganz schön schade, dass die Dorfbacköfen in vielen Dörfern ja nicht mehr genutzt werden und verfallen. Und auch dieser Teil von Dorfkultur, wo tatsächlich lebendige Dorfgemeinschaft auch zusammenkommt, dass sich das aufgelöst hat."

Brot aus dem Dorfbackofen

In Kuhlmühle wird die Gemeinschaft groß geschrieben. Jeder kann mitmachen. Ein paar Kinder matschen mit Lehmresten. Mütter sitzen auf alten Balken, sortieren Scherben aus bunten Fliesen. Daraus soll ein Ornament für den Backofen entstehen. Jost van der Velden, mit 74 Jahren der Älteste hier, will aus Klinkersteinen ein kleines Gewölbe über der Backofentür bauen. Er zeigt seinem Sohn Simon, wie er die Steine schneiden soll.

"Aber jetzt können wir natürlich viel genauer bestimmen, welchen Winkel wir haben wollen. Guck! Das kannst du jetzt den und die Winkel da außen… muss nochmal anders, siehst du?"

"Nein"

"Hier, das ist so weit offen…"

"Ich setz mich mal ganz kurz hin und dreh' mir eine Zigarette."

Simon van der Velden holt ein Päckchen Tabak aus der Tasche. Ein Dorfbackofen, sagt der 38-jährige Projektentwickler – mit Blick auf seinen Vater, der weiter an dem Gewölbe baut – ein Dorfbackofen kann mehr als nur Brot backen.

"Ich denke schon, dass das zu einer gesunden ländlichen Entwicklung dazugehört, wo Menschen wieder mehr zusammenkommen und wieder mehr auch in lokalen Strukturen und lokalen Ressourcen denken, sprich Ressourcen zur Verfügung zu stellen ist auch ein Teil von Selbst- Ermächtigung. Ja, sich selber emanzipieren und bestimmte Dinge in die Hand zu nehmen. "

Das Brandenburger Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft in Potsdam denkt ganz ähnlich. Es hat das Projekt finanziell unterstützt. Von den 5000 Euro Fördergeld fließt das meiste in den Anhänger, der den Backofen mobil macht und auch den Einwohnern der Dörfer ringsum ermöglicht, selbst ein Holzofen-Brot zu backen.

"Wir müssen nicht auf Supermarktbrot zurückgreifen, wenn wir auch was Gesundes essen können. So in allen Broten, die man im Supermarkt kriegt, ist Zucker drin, sind ganz verschiedene Sachen drin, die in ein Brot zumindest meiner Meinung nach nicht rein gehören. Das ist ein Teil den wir uns ganz aktiv auch wieder nehmen können."

Van der Velden greift zum Trennschleifer und schneidet die Klinkersteine in Stücke. Der Lärm verhallt im Kiefernwald und über dem See. Diese ansonsten sehr stille Region liegt im Nordwesten Brandenburgs. Kuhlmühle ist ein Ortsteil von Wittstock, einer mittelalterlichen Stadt mit hübsch sanierten Fachwerkhäusern und einer komplett erhaltenen Stadtmauer. Mit 18 eingemeindeten Dörfern ist Wittstock die sechstgrößte Stadt Deutschlands. Der Ortsteil Kuhlmühle liegt am entferntesten Zipfel dieses Stadtgebietes, 20 Kilometer sind es bis zum Rathaus, zur Schule, zum nächsten Supermarkt.

Kooperation auf dem Land statt Vereinzelung in der Stadt

"Ursprünglich kommen die meisten aus Berlin und versuchen jetzt hier unsere Zukunft zu gestalten. Fernab von Konsum."

Vor fünf Jahren machen sich Katja Haub und ihre Berliner Freunde auf die Suche nach einem Ort an dem sie ihre alternativen Lebensträume fernab von Großstadthektik verwirklichen können. Die Mieten in Berlin steigen, die Räume für Subkultur werden immer kleiner. Die Angst wächst, früher oder später ins gesellschaftliche Abseits zu rutschen.

"Wir haben einfach gedacht, wir wollen im Alter nicht irgendwo in der Stadt sozial vereinsamt mit wenig Geld irgendwo dahinvegetieren."

Gemeinsam stöbern sie im Internet, suchen nach einem Freiraum auf dem Land. Das Problem der fehlenden Altersvorsorge lässt sich in ihren Augen am besten gemeinsam lösen, als Gruppe.

"Und diese Vereinzelung hat eben keine Perspektive. Und das ist die einzige Chance, die man hat, miteinander kooperativ zusammen zu sein und sich zu unterstützen und zu helfen. Das Alter kommt nicht vor in unserer Gesellschaft. Und das ist die einzige Chance, das selbst in die Hand zu nehmen."

Als sie 2010 davon hören, dass die Bundeswehr den Truppenübungsplatz in der Kyritz-Ruppiner-Heide aufgibt, machen sie sich dort gezielt auf die Suche nach Immobilien für ihr Wohnprojekt im Alter. Sie finden ausgedehnte Wälder und kleine Dörfer, aus denen die Jugend abwandert. Hinter einem rostigen Zaun und einer verfallenen Wachpforte entdecken sie eine brachliegende Ferienanlage am Rande des großen Baalsees.

"Wir waren völlig überrascht und beeindruckt. Weil wir überhaupt nicht erwartet hatten, dass das hier so ein schönes Gelände ist, von der Natur her gesehen. Und das hat uns absolut begeistert, direkt. Wir haben ja auch nicht gewusst, um wie viel es überhaupt geht. Und im Weiteren haben wir dann festgestellt, was alles noch dazugehört und das war dann absolut der Hammer."

Durchgesetzt gegen Großinvestoren

Drei Bungalows, zwei Reihen-Apartmenthäuser, eine Vierseitmühle und ein dreistöckiges Hotel. Ein See mit Schilf-Ufer, ein Bootshaus, Sauna, Forsthaus, Heizhaus, Schuppen, Garagen und jede Menge Wald und Wiesen. 27 Hektar Idylle, durch die der Mühlenfließ plätschert. Kaum direkte Nachbarn. Der perfekte Ort für alternative Träume, der auch noch zu haben war.

"Es gab Großinvestoren, die gerne hier wieder ein Ferienzentrum aufbauen wollten, aber das Bombodrom stand viele Jahre im Weg. Dann natürlich die lange Nutzungsauszeit, das Nicht-Nutzen.??? Ich denke, die Stadt Wittstock oder auch die Region hat gelernt, dass sehr viele Investoren gekommen sind, die Versprechungen gemacht haben, die einfach nicht eingetroffen sind. Und dann steht alles wieder leer. Und das alles zusammen hat uns überhaupt ermöglicht, hier eine Chance zu bekommen."

Die Eigentümerin verlangt eine sechsstellige Summe. Katja Haub und ihr Lebenspartner suchen nach Mitstreitern, die in denselben Traum investieren wollen. Selbstbestimmt und als Gemeinschaft in intakter Natur leben.

"Uns war wichtig, dass wir uns nicht verschulden. Das war ganz klar, wir wollen es machbar machen, dass jeder mit wenig Geld einsteigen kann, dass es auch nicht eine Hürde gibt, nur wer reich ist, kann mitmachen. Und haben entsprechend dann viele Leute gesucht, damit es eben für jeden günstig wird."

Zwei Dutzend Leute gründenden Verein Coolmühle e.V. Der kauft das Gelände. Und aus Kuhlmühle wird Coolmühle. Ein generationsübergreifendes Projekt: bewusst heterogen und unhierarchisch.

"Also, das Anfangsideal war schon, dass wir natürlich keinen Chef haben, sondern dass wir es miteinander versuchen wollen. Jeder den gleichen Anspruch hat, das gleiche Recht hat. …und wie genau die Form, das haben wir erst im Laufe der Zeit entwickelt. Wir wollten so wenig wie möglich regeln, aber es konnte ja auch nichts schief gehen hier, sag ich mal. Wir haben ja nichts zu verlieren."

"Keiner hat hier Besitzanrechte"

Die Mitglieder besiedeln die Bungalows, flicken Dächer, bauen Heizungen, beseitigen den Wildwuchs. Graffitikünstler sprühen bunte Bilder auf den grauen DDR-Putz. Schillernde Echsen, Kletter-Affen, Phantasiewesen. Sichtbare Zeichen für einen Neuanfang ohne die herkömmlichen Vorstellungen von Eigentumsrechten.

"Keiner hat hier Besitzanrechte, sondern uns gehört das alles. Man kann das nutzen für eine Zeit, wenn's neue Bedürfnisse gibt, muss man sprechen, solche Geschichten. Und natürlich auch alle Kosten, die das Gelände verursacht, dass wir die zusammen teilen. Was jeder separat persönlich verbraucht, muss er persönlich leisten. Solche Regelungen."

Mittlerweile ist der Verein auf 40 Mitglieder angewachsen, darunter sehr unterschiedliche Menschen. Seeleute, Sozialpädagogen, Lehrer, Heilpraktiker, Jost van der Velden hat jahrelang Kulissen für Filme und Fernsehshows gebaut. Drei Tage die Woche arbeitet er noch in Berlin, berät Künstler bei der Verwirklichung ihrer Projekte, den Rest der Zeit zieht es ihn nach Kühlmühle.

"Die Natur, da fängt es eigentlich mit an, das ist unglaublich. Winter wie Sommer."

Der gelernte Bildhauer hat sich ein Zimmer im Reihenhaus ausgebaut, Eichenparkett gelegt, gebrauchte Möbel besorgt.

"So dass es ein richtig schönes Zimmer ist. Mehr brauch ich nicht. Bad kann ich nutzen im Haus, das nutzt man gemeinsam. Ich kann auch in den anderen Häusern baden, das ist nicht das Problem."

Sein Essen kocht er in der Gemeinschaftsküche oder isst bei anderen mit. Er fühlt sich von der Gemeinschaft getragen. Die Anlage in Kuhlmühle mit den vielen Treppen und sanierungsbedürftigen Wegen ist nicht gerade seniorengerecht. Aber der 74-jährige hat keine große Angst davor, mal gebrechlich oder pflegebedürftig zu werden.

"Das wäre das einzige, was vielleicht mal ein Problem werden könnte, aber ich denke ich lebe so gesund, dass das nicht eintritt."

Kritische Blicke von außen

Der Plan von Katja Haub scheint bisher aufzugehen. Eine Gemeinschaft zu bilden, in der auch alte Menschen einen sicheren Platz finden. Sie selbst ist Grafikerin, arbeitet wie viele andere teils in Berlin, teils hier in der Gegend. Sie sieht in der Vielfalt der Menschen und deren Kulturen eine Stärke des Vereins. Einigen Leuten im Dorf ist das bunte Völkchen am Ende des Sees allerdings suspekt.

"Wir haben sehr viele unterschiedliche Reaktionen bekommen. Es gab manche, die sagen: 'Toll, das was passiert, dass es weitergeht.' Andere haben natürlich Angst gehabt: 'Was kommt da, Hippies, Kommune, Zigeuner'. Ich weiß nicht mit welchen komischen Begriffen wir dann belegt worden sind. Weil sie natürlich auf Werte achten, die wir nicht unbedingt …das sind nicht unbedingt unsere Werte. Sprich: Der Vorgarten muss perfekt sein, dass sieht bei uns natürlich anders aus."

Ein Laptop steht auf einem alten Stuhl, zwei kleine Boxen beschallen die Werkstatt, die provisorisch mit einer Plane vor Regen schützt. Simon van der Velden hämmert auf einer Eisenplatte mit Stiel herum. 

"Ich hab gerad einen Pizzaschieber gebaut für unseren neuen Lehmbackofen."

Die Metallteile des Schiebers sind aus dem Schrott, der sich in einer Ecke sammelt. Upcycling ist Standard auch bei den vielen Reparaturarbeiten, die auf dem Gelände anfallen. Simon van der Velden betreibt auch noch ein Zentrum für Nachhaltigkeit. Wenn er nicht gerade Pizzaschieber schweißt, organisiert er Samenbörsen, pflanzt Beerensträucher oder baut Saftpressen.

"Ja wir haben tausende Ideen natürlich und 1000 Sachen, auch die, die nicht mit dem Gelände zusammenhängen und auch die, die mit dem Gelände zusammenhängen. Dafür brauchen wir einfach eine gewisse Grundausstattung, egal ob's in der Tischlerei ist oder in der Schlosserei oder was dann noch dazu kommt. Viele wünschen sich auch so eine Art Kreativraum, im Prinzip einen Lernraum, der dann verfügbar ist für größere Projekte oder wo man malen kann."

Ehemalige Stasi-Offiziere kommen zu Besuch

Auf dem Hof liegen alte Balken, Absperrgitter, leere Kanister, Schrott. Ein wirres Durcheinander aus Teilen, die man vielleicht irgendwann mal gebrauchen kann. Das stößt bei manchen Besuchern auf Unverständnis und Ablehnung. Vor allem weil diese Ferienanlage zu DDR-Zeiten als super gepflegt und luxuriös galt. Hotel und Bungalows wurden vom Wachregiment Feliks Dzierzynski betrieben, eine paramilitärische Einheit, die dem Ministerium für Staatssicherheit unterstand. Das Gelände war streng abgeschirmt, der Zutritt strikt geregelt, erinnert sich Gerhard Weber aus dem Nachbarort Dranse.

"Genau da war ein Posten vorne am Tor. Dann ging's rein, hast deine Arbeit gemacht, die du machen solltest, Kohlen hochfahren oder Winterdienst,. Dann ging's wieder zurück, ohne Besichtigung."

Wie es in der Ferienanlage aussah, darüber sprach man nur hinter vorgehaltener Hand. Einen Streichelzoo soll es gegeben haben, mit Fasanen zum Beispiel. Oder echten Ostseesand am Seeufer. Und die Stasi-Mitarbeiter bekamen in ihrem Urlaub natürlich nur privilegierte Waren.

"Die haben auch gelebt, aber feiner wie wir. War alles da. Zum Beispiel bei Kohlen fahren: Hier kam die Blumenerde, die wurde hier abgekippt und oben die Steinkohle."

Blumenerde ist DDR-Deutsch für krümelige Braunkohle. Viel besser war dagegen die Steinkohle für das Hotel "Arthur Becker", die Jägerstube, die Kegelbahn, die Sauna. In dem Bungalow, in dem heute Katja Haub wohnt, verbrachten vor der Wende hochrangige Stasimitarbeiter ihren Urlaub. Manche schauen heute noch vorbei. Aus Neugierde.

"Also es kommen doch immer wieder mal regelmäßig an den Wochenenden in den Sommerzeiten Menschen unterschiedlichster Couleur, die sagen: Hier haben wir früher Urlaub gemacht, sie wollen mal zu Ihrem Bungalow. Also es gibt noch alte Funktionäre, das spürt man an den Verhaltensweisen, wie sie mit dir umgehen. Tendenziell respektlos, aber naja. Es gibt da wertvolle Menschen, die vorbeikommen und wirklich ihre Geschichte erzählen."

(Gerhard Richter)Das ehemalige Hotel "Arthur Becker" (Gerhard Richter)

Einer der willkommenen Gäste ist Wolfgang Schiller. Der 79-Jährige hat lange Zeit das "Club Quintett" geleitet, eine regionale Tanzkapelle. Von 1970 an hatte der Keyboarder ein festes Engagement im Hotel, spielte regelmäßig für die Feriengäste zum Tanz. Die hölzerne Eingangstür ist noch die gleiche wie damals, nur stark verwittert. 

"Ja, das ist richtig, ja genau. Hier haben Sie uns dann immer empfangen, der Chef oder sein Stellvertreter und dann hat er gesagt, hier in den Saal rein oder oben hoch. Das waren die beiden Räume, die uns bekannt waren."

Wolfgang Schiller geht durch die doppelte Schwingtür in den Saal, zeigt auf dem alten Eichenparkett die Stelle, wo früher die Bühne war. Hier hat er die halbe Nacht für Stasileute gespielt.

"Ich kann mich bloß noch erinnern, ganz im Anfang als wir hierhergekommen sind. Und der Leiter, der war bestimmt Oberstleutnant oder ich weiß es nicht. Und da sagte unser Gitarrist, Sie brauchen sich keine Sorgen machen mit uns, wir sind Lehrer und einer ist Polizist. Da hat der bloß gegrinst und gelacht und hat gesagt: Bevor ihr hier einen Fuß reingesetzt habt, habe ich schon über euch Bescheid gewusst. Das war ebenso."

(Gerhard Richter)Wolfgang Schiller in der Halle des Arthur-Becker-Hotels. Hier hat er vor 40 Jahren Keyboard gespielt - als Unterhaltung für Stasi-Mitarbeiter im Urlaub. (Gerhard Richter)

Alltag im Überwachungsstaat. Viel Kontakt hatte Wolfgang Schiller nicht zu den Gästen in Kuhlmühle, nur wenn sie einen Musiktitel wünschten, Babylon von Bruce Low zum Beispiel, Titel aus den Westcharts wurden gern gehört.

"Ein einziges Mal kann ich mich erinnern: Da kam einer schon ein bisschen angeschickert an. Der sagte: Du, hast du schon mal ein Honecker-Schnitzel gegessen? Macht man da so eine Mine oder lacht man? Ja man guckt. Und er sagte: Kannste nicht, das Schwein lebt ja noch. Das war ein bisschen kitzlig, er war so besoffen, dass er das gar nicht richtig mitgekriegt hat, wem er das erzählt."

Verblichener DDR-Prunk in den Händen von Kreativ-Punkern

Ansonsten hat Wolfgang Schiller nur gute Erinnerungen an die Auftritte seiner Band im Stasi-Hotel. Von den Köchen kriegten sie auch mal einen Räucheraal, ein paar Flaschen tschechisches Bier oder einen Rosenthaler Kadarka - schwer zu beschaffender Rotwein in der DDR. Bis 1980 spielte Schiller hier, dann durfte er nicht mehr, weil er zum Geburtstag seines Vaters in den Westen gefahren war. Jetzt, nach über 30 Jahren sieht er sich in der Hotelhalle um. An den Säulen noch das alte Mosaik, auch die Türen sind noch braun gepolstert. Rote bodenlange Vorhänge erinnern an frühere Eleganz.

"Es war eine ordentliche, für DDR Verhältnisse sehr gute Einrichtung. Wir haben hier auch in anderen Ferienlagern gespielt, …war nicht zu vergleichen."

Neu hinzugekommen sind die schlichten Industrielampen, die von der Decke baumeln. Auch der selbst zusammengeschweißte Holzofen war früher nicht da. Und anstelle der gediegenen Theke gibt es jetzt eine improvisierte "Bar am Abgrund der Zeit". Verblichener DDR-Prunk in den Händen von Kreativ-Punkern.

"Nicht so schön. Es müsste eine Generalreparatur sein. Also ich glaube mit den Lampen, das war auch nicht so. Man kann sich auch vorstellen, wenn 30, 40 Jahre fast nix los war, dass dann alles und bisschen kaputt geht."

In den Zimmern stehen jetzt einfache Betten, im oberen Saal ein ganzer Matratzenstapel. Das Hotel bietet einfachen Komfort für robuste Touristen oder Jugendliche. Oft sind ganze Gruppen hier zu Gast, erzählt Katja Haub.   

"Wir hatten jetzt zum Beispiel ein Theaterstück, da war eine marokkanische Gruppe bei uns, die einfach hier sein kann, ihr Stück proben, ihre Aufführung machen, Viele Bekannte, Freunde kommen. Wir haben Jugendliche, die zu uns kommen, die auch einfach mal die Natur, das Land genießen können."

(Gerhard Richter)Ein Schild aus der DDR-Zeit (Gerhard Richter)

Entsaften für alle

Eine Veranstaltung hat schon eine kleine Tradition in Kuhlmühle. Die Safttage im Oktober. Jeder kann seine selbstgesammelten Äpfel herbringen, waschen pressen und pasteurisieren. Eine günstige und gesellige Gelegenheit, sich mit Saft für den Winter zu versorgen. Tatsächlich kommen den ganzen Tag lang Leute aus den umliegenden Orten, bringen körbeweise Äpfel zu der selbstgebauten Anlage.

Solche Aktionen sprechen sich rum, bis in die Wittstocker Stadtverwaltung.

"Was sich da letztendlich schon an Aktivitäten etabliert hat, ist ja auch ein gewisser Mehrwert für den Ortsteil Dranse selbst und die Stadt nachher. Weil man merkt doch schon, dass der Standort mit den Aktivitäten des Vereins innerhalb der Stadt anders angenommen wird, anders gesehen wird, als vor drei Jahren vielleicht."

(Gerhard Richter)Die Safttage im Oktober in Kuhlmühle - jeder kann selbstgesammelte Äpfel waschen, presse und pasteurisieren. (Gerhard Richter)

Sabine Hentschke ist Sachgebietsleiterin im Wittstocker Bauamt. Das Gelände des Coolmühle e.V. ist planungsrechtlich eine Herausforderung. Die weitläufig zerstreuten Bauten, mit ihren unterschiedlichen Nutzungen sind schwer unter einen Hut zu bringen. Und ebenso die vielen Meinungen der Mitglieder. Ein Bebauungsplan, wie ihn das Gesetz vorsieht, würde über 100.000 Euro kosten. Geld, das weder die Stadt, noch der Verein bezahlen will.

Nach vielen Ortsterminen und Verhandlungen haben sich beide Seiten auf einen städtebaulichen Nutzungsvertrag geeinigt. Eine günstige Sonderregelung auf Vertrauensbasis, die auch dem Durchhaltevermögen der der Coolmühler Vereinsmitglieder zu verdanken ist.

"Sie sind stetig am Ball geblieben, sie haben alles, was wir letztendlich an Bedenken oder an Anregungen in unsere Richtung Entwicklungsziele orientiert, die waren sie immer bereit aufzunehmen. Wir haben bestimmte Ecken und Kanten, die hier durch die Mischung der Meinung und der Intentionen der Vereinsmitglieder mit gesteuert wurde, haben wir versucht immer irgendwo Rechnung zu tragen und auch wieder das Einvernehmen herzustellen."

Spuren vom Missbrauch der Jugend

Wesentlichen Anteil an diesem einvernehmlichen Nutzungsvertrag hat Ulrich Dressler. Der 70-jährige Stadtplaner aus Frankfurt Oder hat ganz nebenbei eine Chronik des Geländes erstellt. Und die hat es in sich.

"Ich bin im Rahmen dieser ganzen Tätigkeit darauf gestoßen, was ich nie vermutet hätte, dass diese gottverlassene Ecke dort hinten kurz vor der mecklenburgischen Grenze äußerst geschichtsträchtig ist. Wenn man heute dieses neumodische Wort im Fokus strapaziert, muss man sagen: das ist Geschichte im Fokus Deutschlands."

Der Mühlteich und der Fließ werden im Mittelalter von Zisterziensermönchen angelegt, viel später, 1929  verkauft der Müller das Gelände an die proletarische Kinder- und Ferienheim GmbH, eine Partnerorganisation der kommunistischen Partei.1933 übernehmen die Nazis den Ferienkomplex und machen eine Führerschule der Hitlerjugend daraus. Ein massives Feldsteinrondell zeugt noch heute vom übersteigerten Ehrgefühl.

Nach dem Krieg werden Mühle, Hotel und Bungalows volkseigen, die sozialistische Jugend lernt marschieren unter Leitung der Gesellschaft für Sport und Technik. 1955 dann übernimmt das Ministerium für Staatssicherheit das Ferienobjekt Arthur Becker. Nebenan, im Ferienlager Ho Chi Minh tritt die DDR-Jugend zum Appell an oder planscht im Baalsee.

"Dort ist immerhin, in Kuhlmühle, exemplarisch nachweisbar, wie die deutsche Jugend in mehreren Gesellschaftsordnungen missbraucht und betrogen wurde. Und das muss aufgearbeitet werden. Und dargestellt werden. So."

Eine Ausstellung – wenigstens eine Infotafel – soll Besucher auf diesen historischen Aspekt des Geländes aufmerksam machen. Dressler hat sich vorgenommen, weiter in den Archiven zu stöbern, Zeitzeugen zu finden, die Geschichte des Urlaubs-Geländes zu recherchieren. Eine Ideologie – außer der Vorliebe für vegetarisches Essen – kann der 70-jährige Stadtplaner in Kuhlmühle heute nicht mehr erkennen. Die Kinder spielen viel in Gruppen und in der Natur.

"Die Kinder dort sind selbstbewusst, sind lebhaft sind aber keineswegs irgendwelchen antiautoritären Entwicklungen ausgeliefert. Die Kinder haben nicht totale Freiheit, aber sie haben ein ausgeglichenes Gemüt, die sind mit sich im Gleichgewicht."

"Gegen den Mainstream arbeiten wir"

Zum Abschluss der Safttage feiert der Coolmühle e.V. eine Party. Der Pizzaofen ist fertig. Simon van der Velden legt Holzscheite in die Glut, sein Vater Jost hilft beim Teigausrollen.

"Ich hab gesehen, ich muss einspringen hier, sonst bekommen die Leute nicht genug zu essen. Es geht hier um Pizzas."

In der Schlange vor dem Backofen warten auch seine Enkelkinder. Drei Generationen, die miteinander arbeiten, sich gegenseitig versorgen, gemeinsam feiern.

"Jetzt hier auf der Bühne, 'Eisenbahn Wittstock' aus Wittstock und Umgebung."

Im Saal des Hotels gibt es ein Kulturprogramm. eine Polka-Punkband aus der Region spielt zum Tanz. Musik für alle Generationen. Katja Haub steht an der Bar am Abgrund der Zeit. Schon bei den ersten Takten entert eine Gruppe Kinder die Tanzfläche. Kuhlmühle ist der jüngste Stadtteil von Wittstock, kommentiert sie.

"Na wir hoffen, dass es auch so bleibt. Wie die Kinder nachkommen, wie wir uns generativ auch weiter entwickeln, das weiß man ja auch nicht. Immerhin bringen wir Leben mit und die ganze Gegend stirbt aus. Und wir kommen her, wir sind da sozusagen antizyklisch. Und gegen den Mainstream arbeiten wir. Und das ist vielleicht auch eine Chance für andere, mit uns zusammen."

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