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Tonart | Beitrag vom 15.05.2017

Altern im Pop"Fünfzig, unbeholfen und schüchtern"

Von Klaus Walter

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Die deutsche Sängerin und Journalistin Christiane Rösinger. (picture alliance / dpa / Marius Becker)
Die deutsche Sängerin und Journalistin Christiane Rösinger. (picture alliance / dpa / Marius Becker)

Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde, sangen einst The Who. Und heute? – Heute singen Popstars über die Freuden des Alterns. Zum Beispiel Christiane Rösinger, Mitgründerin der Lassie Singers, oder die Band Die Regierung auf ihrem aktuellen Album "Raus".

Eigentlich ist Pop ein Privileg der Jugend. Morrissey ist 27 als er 1987 mit den Smiths den Song "Half a person" aufnimmt. Darin verkörpert er, wie so oft, einen unglücklichen Teenager: "Sixteen, clumsy and shy", heißt es da: sechzehn, unbeholfen und schüchtern.

Lieder ohne Leiden

30 Jahre später erleben diese Worte ein Comeback in leicht veränderter Form:

50, clumsy and shy
Und bin doch immer noch doch dabei
50, clumsy and shy
Many years before we die

Unbeholfen und schüchtern ist sie immer noch, aber nicht mehr sechzehn. Aus "Sixteen, clumsy and shy" macht die Berliner Sängerin Christiane Rösinger: "Fifty, clumsy and shy”, aber auch mit 50 ist sie immer noch dabei. Rösinger ist drei Jahre jünger als Morrissey, aber den 60 näher als den 50. "Joy of Ageing", ein Song aus ihrem neuen Album "Lieder ohne Leiden", erzählt von den Freuden des Alterns - und den Leiden.

"Ich wollte ursprünglich ein Buch schreiben, es sollte 'The Joy of Ageing' heißen in Anlehnung an das berühmte Standardwerk 'The Joy of Sex', was heute keiner mehr kennt. Dann habe ich angefangen zu sammeln: Die Babyboomer, das ist ja die Generation, zu der ich gehöre, und die Silver Ager, die Best Ager, Senior Ager. Ich bin ja jetzt in einem ganz jungen Alter. Ich bin ja Baby Ager praktisch. Aber später dann mit 80, 90, dann kommt ja auch der Tod und da hat mich das Thema zu sehr deprimiert."

"Das Ende naht later or sooner"

Die Musikerin Christiane Rösinger (Deutschlandradio Kultur / Stefan Ruwoldt)Die Musikerin Christiane Rösinger (Deutschlandradio Kultur / Stefan Ruwoldt)

Bevor es zu deprimierend wird, gehen wir noch mal zurück zu den Babyboomern und zu einem anderen großen Thema der Christiane Rösinger: die Differenzen der Geschlechter.

"Gestern noch ein junger Falter, gehst du gramgebeugt durchs Alter. Das Ende naht later or sooner, für uns alte Babyboomer. Die Typen sagen: Wir stehen super da! Die Frauen sagen: Wir sind unsichtbar! Bei den nicht mehr Jungen und den noch nicht Alten. Voll die erloschenen Gestalten."

Der kleine Unterschied im Alter: Männer stehen super da, Frauen werden unsichtbar:

"Das Bild der älteren Frau, die nicht mehr so attraktiv ist, natürlich ist das beschissen, aber das können wir auch nicht mehr so schnell ändern. Aber was wir verändern können, ist unsere Abhängigkeit von solchen Meinungen. Ich lebe doch nicht davon, irgendwo reinzugehen und die Typen drehen sich um, im Gegenteil. Es ist doch manchmal befreiend, dass man aus der Konkurrenz draußen ist."

Es gibt "kein gutes Alter für Frauen"

Und doch muss ich mein Alter loben
Der Pflicht zur Fortpflanzung enthoben
Und vom Mittun in der Dating Welt
S
ind wir zum Glück freigestellt 

"Eigentlich gibt es ja für Frauen kein gutes Alter. Mit 25 bist du zu jung und hast keine Ahnung, mit 28 fängt der Körper an zu zerfallen. Schon mit 28 wurde über uns geschrieben: die nicht mehr ganz taufrischen Damen aus Berlin."

Diese Damen aus Berlin waren die Lassie Singers, Rösingers erste Band und eine Art Filiale der sogenannten Hamburger Schule. Diesen Status teilten die Lassie Singers mit einer Band aus Essen namens Die Regierung. Und sie teilten einen Song: Loswerden, ein Anti-Liebeslied von den Lassie Singers, im Original von Die Regierung, die Band um Tilman Rossmy.

Was hätte gewesen sein können, wenn...

Rossmy ist drei Jahre älter als Rösinger und hat mit seiner Band ebenfalls ein neues Album draußen, das sich ebenfalls mit dem Altern beschäftigt und mit dem "Konjunktiv 2". Im gleichnamigen Song fragt Rossmy, was hätte gewesen sein können, wenn…

"Würde ich noch mal an dieser Kreuzung stehen. Würde ich dann wirklich in eine andere Richtung gehen. Und wären wir damals zusammen geblieben?"

Tilman Rossmy denkt übers Altern nach, auch über Christiane Rösingers "Joy of Ageing".

"Die erste Hälfte des Lebens gehst du rein, und die zweite gehst du raus. Rausgehen heißt ja nicht, dass du noch so viel erreichen willst, sondern du willst eher aufräumen. Das ist ein ganz anderer Spirit, der ist relaxter, vielleicht so als Joy, dass man da so eine Freude empfindet, dass man sich nicht mehr so anstrengen muss."

Alt ist das neue Jung

Tilman Rossmy (Christoph Voy/Staatsakt)Tilman Rossmy (Christoph Voy/Staatsakt)

"Ich will nicht werden, was mein Alter ist" – Ton Steine Scherben mit dem jungen Rio Reiser, ein Vorbild für Christiane Rösinger. Und ein Bezugspunkt für Tilman Rossmy. Der wollte nie werden wie sein Alter, aber wenn er heute in den Spiegel schaut, dann stellt er fest: Alt ist das neue Jung. Wie tröstlich, auch für mich.

Früher wollte ich nicht so werden wie mein Alter ist
Heute schaue ich in den Spiegel
und sehe ihm direkt ins Gesicht
Ich schätze, ich werde immer mehr so, wie er ist
Mutter sagt: Du wirst immer mehr so wie Vater ist

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