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Montag, 18.12.2017

Länderreport | Beitrag vom 20.11.2017

Alltagsprobleme in einer WillkommensklasseSchreiben von links nach rechts lernen

Von Nana Brink

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Schülerinnen und Schüler der Willkommensklasse mit der Lehrerin Tatjana Köster in der Charles-Dickens-Schule (Nana Brink)
Schülerinnen und Schüler der Willkommensklasse mit der Lehrerin Tatjana Köster in der Charles-Dickens-Schule (Nana Brink)

Die Schulpflicht gilt auch für Flüchtlingskinder. In Berlin ist daher fast jede Schule seit 2016 dazu verpflichtet, eine Willkommensklasse einzurichten. Geschätzt 12.000 Kinder drücken hier mittlerweile die Schulbank. Ein Alltag mit besonderen Herausforderungen.

"Ich heiße Rawad, ich bin elf Jahre alt und komme aus Syrien."
"Ich bin zehn, ich heiße Ohmid und komme aus Afghanistan."
"Ich heiße Dzhamo und bin elf, Turkmenistan."

"Guten Morgen! ... Guten Morgen! ... Wir starten heute gemeinsam, wir haben vier Stunden ... Es geht los mit dem Kalendar! .... Kind: Heute ist Donnerstag, der 16. Tag im November im Jahr 2017."

Dzhamo wirft ihren langen schwarzen Zopf zurück und malt angestrengt das Datum auf die Tafel. Dann dreht sie sich um und blickt ihre Lehrerin fragend an.

"Dzhamo, es meldet sich keiner, also alle Zahlen richtig geschrieben, super gemacht … Wir starten gleich mit unserem Diktat."

Jedes Kind ein anderer Lernstand

Das schmale Mädchen strahlt über das ganze Gesichte. Tatjana Köster, die Lehrerin der Willkommensklasse 2 an der Charles-Dickens-Schule, legt den Arm um sie. Wieder ein Fortschritt. Auch sie freut sich. Nach fast 20 Jahren an der Schule, ist auch für sie noch mal alles neu.

"Weil es nicht das perfekte Material gibt, weil jedes Kind mit einem anderen Lernstand jeden Tag hier bei mir erscheint und bedient werden möchte, also das ist die spannende, aber auch die anstrengende Sache, weil man individuelles Material braucht."

Tatjana Köster hat für jedes Kind einen eigenen Ordner zusammengestellt. In ihrer Klasse sitzen derzeit sechs Kinder zwischen acht und elf Jahren. So unterschiedlich wie ihre Herkunft, so unterschiedlich ist ihr Wissenstand. In der Charles-Dickens-Schule gibt es sogar zwei Willkommensklassen, erklärt Schulleiter Frank Effenberger.

"Wir hatten erst eine, dann haben die Kollegen festgestellt, dass das so total schwierig ist, weil die Kinder aus ganz vielen Jahrgängen kommen, dann haben wir die Klassen getrennt – einmal eins bis drei und einmal vier bis sechs."

Dzhamo, das Mädchen aus Turkemenistan ist seit einem Jahr an der Schule. Sie konnte bereits lesen und schreiben in ihrem Heimatland.

Ohne viel Geduld geht es nicht

"Die besonders schwierigen Fälle sind eigentlich die, die in ihrem Heimatland noch nicht zur Schule gegangen sind, die haben wir auch ... Ohmid ... ihm erstmal klar machen, obwohl er gut spricht, dass Schule eine wichtige Sache ist, lernen ganz wichtig ist fürs Leben und sich konzentrieren für gewisse Zeiträume, einfach die Voraussetzung, dass man hier viel mitnehmen kann und dass er das dann auch schafft."

Ohmid, ein kleiner zarter Junge, dem man seine zehn Jahre nicht ansieht, war noch nie auf einer Schule. Es fällt ihm schwer, ein paar Minuten ruhig zu sitzen. Immer wieder setzt sich Tatjana Köster zu ihm, redet ihm gut zu. Ihre Geduld scheint unerschöpflich. Ohne die, sagt sie, geht es gar nicht. 20 Minuten nach Unterrichtsbeginn geht plötzlich die Klassentür auf ...

"Schau mich einmal an, es gibt auch einen Bus, der noch früher fährt ..."

"Das passiert sehr häufig, dass sie zu spät kommen, weil sie übermüdet sind, weil sie allein in Berlin unterwegs sind, deshalb habe ich z.B. diesen langen Einstieg mit der Lesezeit, dass nicht immer gestört wird, sondern wer zu spät kommt, kommt leise rein und setzt sich dazu, holt sich sein Buch raus und macht erst mal die Lesezeit. ... Die können ja nichts dafür, wenn sie müde sind, oder wenn sie den Tag zuvor wieder mit den Eltern als Dolmetscher auf dem Amt waren, das ist halt für die Kinder Alltag geworden."

Ohmid und Rawad (Nana Brink)Ohmid und Rawad (Nana Brink)
Die meisten Eltern kennt Tatjana Köster nicht. Mit vielen ist die Verständigung schwierig, denn die Kinder sprechen meist schon besser Deutsch als ihre Eltern. – Dzhamo kämpft heute besonders gegen die Müdigkeit.

"Ich habe einen Bruder und drei Schwestern, zwei kleine Babys, zehn Monate, wir haben ein Heim, ein Zimmer, alle zusammen in einem Zimmer. Ich komme mit meiner Freundin, mit U-Bahn Kaiserdamm, dann bei S-Bahn Spandau und dann noch drei Stationen, dann sind wir hier."

Manchmal fallen Dzhamo die Augen zu. Dann reißt sie sich wieder hoch. Beim Diktat will sie nichts versäumen. 

"Ihr schreibt dazu den großen und den kleinen Buchstaben auf … B … alle B …. Der zweite Laut …. P, alle P …. Ich kann das! … der letzte Laut, schreibe das Ei, alle Ei! … Die Bleistifte und der Radiergummi werden jetzt weggelegt … Ich habe alles richtig gemacht … zehn Punkte."

Stolz malt Dzhamo eine rote Zehn in ihr Heft. Auch Rawad ist happy. Alles richtig. Schreiben fällt dem Jungen aus Syrien leicht. Sorgfältig malt er die Buchstaben in sein Heft. Als er das Buch nimmt, kichert Dzhamo neben ihm leise. Er schlägt die letzte Seite auf.

"Ja Arabisch … wir nicht, wir fangen von vorne, aber die fangen von hinten … ja von hinten … schwierig? … ein bisschen."

Seit einem Jahr ist alles anders

Rawad wird rot im Gesicht. Drei Jahre lang hat er in der Schule von rechts nach links geschrieben und gelesen. Seit einem Jahr ist anders. Aber Rawad will unbedingt ...

"Ja lernen und lesen und schreiben und alles ...(Wie geht es Dir?) .. Gut, danke und Dir? .... Danke, mir geht es gut ... Bist Du allein in die Schule gekommen ... ja, mit die Bus, 2 Busse ..."

"Sie lernen wahnsinnig schnell und wenn man im Umkehrschluss überlegt, würde ich so schnell Arabisch schreiben, lesen, sprechen lernen, - ich glaube nicht. Und jedes Buch wird auch von hinten geöffnet und gelesen, bei uns ist alles anders, selbst die Zahlen sind für die Kinder neu, die haben auch andere Zahlen, andere Schriftzeichen, unser Alphabet, ist eine Höchstleistung, die von jedem Kind hier absolviert wird."

Dzhamo und Laveen (Nana Brink)Dzhamo und Laveen (Nana Brink)
Sechs bis acht Kinder hat Tatjana Köster in ihrer Willkommensklasse. Analphabeten und Überflieger. Zappelphillippe und Kinder, die erst einmal kein Wort heraus bringen. Wie Laveen ...

"Laveen ist ganz neu in unserer Klasse - Laveen so wie gestern, fünf Buchstaben und dann noch mal fünf, gut ..."

Laveen ist vor ein paar Wochen mit ihrer Familie aus dem Irak gekommen. Mehr weiß Tatjana Köster nicht. Die meisten Fluchtgeschichten kennt sie nicht. Die Kinder erzählen wenig. Auch wenn sie schon mehr Deutsch können. Die zierliche Achtjährige lächelt in sich gekehrt. Auch für sie hat die Lehrerin einen Ordner mit ihrem Namen ins Regal gestellt. In den nächsten Wochen wird Tatjana Köster sich viel Zeit für sie nehmen. Schulleiter Frank Effenberger ist davon überzeugt, dass das Konzept der kleinen Klassen aufgeht.

Eine kulturelle Bereicherung

"Unsere Erfahrungen sind bislang äußerst positive. Es ist sehr schön zu beobachten, wie die Kinder sich langsam hier zurechtgefunden haben, wie sie Teil unserer Schule geworden sind. Wir haben sie im Sportunterricht integriert, in andere Klassen mit rein genommen, ich muss wirklich sagen, sie bereichern mit ihren kulturellen Angeboten, die sie selbst mit rein bringen … Wir bemühen uns sehr, dass sie mit dazugehören."

Mittlerweile scheint auch die Berliner Schulverwaltung von ihrem ursprünglichen Plan abgerückt, die Willkommensklassen nach sechs Monaten zu schließen und die Kinder in normale Klasse zu überführen. Lehrerin Tatjana Köster spricht aus Erfahrung:

"Ich würde mir wünschen, dass die Tendenz, die jetzt gerade läuft, Willkommensklassen abzuschaffen, nicht die Praxis wird, sondern dass sie beibehalten werden, denn man darf ja nicht vergessen, die Theorie ist ja die; - die können doch in die Klassen mit rein und lesen und schreiben und rechnen, wie die anderen auch, aber die deutschen Kinder haben einen Wortschatz, und der aktive Wortschatz sind 2000 Wörter, die die Kinder benutzen und darüber hinaus sind sie in der Lage, 10.000 Wörter zu kennen und zu verstehen und da fangen ja unsere bei Null an und die müssen erstmal diesen Wortschatz erarbeiten, um dann Schriftsprache drauf zu setzen."

"Das ist Schatzheft. Schatzheft bedeutet, wo wir Ausflüge machen, dann schreiben wir auf. Gestern waren wir im Museum, da habe ich viele Dinosaurier gesehen, mir hat Ausflug sehr gut gefallen."

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