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Dienstag, 21.11.2017

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.04.2017

Alina Herbing: "Niemand ist bei den Kälbern"Ein rundum trostloser Sommer

Von Manuela Reichart

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Buchcover "Niemand ist bei den Kälbern" von Alina Herbing (Arche Verlag / dpa/picture alliance/Foto: Bernd Wüstneck)
Buchcover "Niemand ist bei den Kälbern" und Landschaft in Mecklenburg-Vorpommern. (Arche Verlag / dpa/picture alliance/Foto: Bernd Wüstneck)

Die Ich-Erzählerin ist Mitte zwanzig, lebt in Mecklenburg-Vorpommern und will nur eines: weg. Alina Herbings Roman "Niemand ist bei den Kälbern" erzählt vom Leben fernab jeglicher Landlust-Idylle. Ein überzeugendes Debüt, findet unsere Kritikerin.

Gleich auf der ersten Seite wird versehentlich ein Rehkitz zerhäckselt - und "Blut sickert in den Lehmboden". Die Protagonistin sitzt da neben ihrem Freund auf dem Traktor. Als er ange­sichts des toten Tieres von Rehbraten spricht, fühlt sie sich dem Liebsten so fern, "als wäre ich Bauchtänzerin auf Bora Bora und er eben Bauer in Schattin". Eigentlich beschreibt sie damit aber nicht nur den Augenblick, sondern einen Dauerzustand, denn sie wünscht sich nichts mehr als ein vollständig anderes Leben in der großen Stadt.

Alina Herbing erzählt in ihrem Debütroman vom Dorf-Leben in Mecklenburg-Vorpommern. Romantische Landlust-Idylle hat da keinen Platz. Die Euphorie der Nachwendejahre ist lange vorbei, der Alltag grau und mühsam. Die Ich-Erzählerin ist Mitte zwanzig und graust sich angesichts der Zukunftsperspektive an der Seite eines Mannes, der den bäuerli­chen Betrieb des Vaters übernehmen, an Ort und Stelle bleiben wird. Sie hat nicht mehr als eine abgebro­chene Friseur­lehre vorzuweisen und träumt von einem Leben, das sie aus Illustrierten kennt. Der Freund versteht sie nicht, ihr Vater säuft. Der Konsum hat immer genug Kirsch vorrätig, die Dorffeste sind öde.

Auch die Flucht macht nichts besser

Irgendwann bietet sich eine Möglichkeit zur Flucht, ein Mann nimmt sie mit, zwar nicht auf einem weißen Pferd, aber immerhin im bequemen Auto bis Hamburg. Dort wird allerdings auch nichts, wie sie es erhofft hatte, und der Geldautomat spuckt am Ende nur noch zehn Euro aus.

Die Autorin, die selber in einem Dorf mit 30 Einwohnern aufgewachsen ist, erzählt mit großer Prä­zision und mit Einfühlungsvermögen - und jenseits jeder verklärenden Romantik - von einem rundum trostlosen Sommer. Sie stellt eine junge Frau in Zentrum, die bereit ist, alles zu tun, damit diese Trostlosigkeit nicht ihr weiteres Leben bestimmen wird. Dabei greift sie zu Tricks, be­trügt und lügt – und befindet sich am Ende trotzdem in einer ziemlich desaströsen Lage. Aber alles scheint ihr besser als das Leben auf dem Land. Nach dieser Lektüre versteht man sie gut.

Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern
Arche Verlag, Zürich/Hamburg 2017
256 Seiten, 20,00 Euro

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