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Buchkritik | Beitrag vom 28.03.2018

Alex Wheatle: "Liccle Bit"Der kleine Unscheinbare mit den coolen Sprüchen

Von Sylvia Schwab

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Cover des Buchs "Liccle Bit" von Alex Wheatle vor leerstehenden Wohnhäusern im New Yorker Stadtteil Harlem im Jahr 2001 (Kunstmann Verlag / imago / Rolf Braun)
"Liccle Bit" von Alex Wheatle: Der 14-jährige Erzähler läuft Gefahr, ins kriminelle Milieu abzugleiten. (Kunstmann Verlag / imago / Rolf Braun)

In "Liccle Bit" erzählt Alex Wheatle aus einem Teenagerleben voller Konflikte, in einem schwierigen Umfeld – in dem sogar ein Mord geschieht. Ein mitreißender Roman über Ängste, Nöte und die erste Liebe.

Der 14-jährige Lemar wird "Liccle Bit" genannt, weil er der Zweitkleinste seines Jahrgangs ist. Er ist ein Zeichentalent, scheu, unscheinbar und schwer verliebt in Venetia, das coolste Mädchen der Schule. Umso neidischer sind alle, als Venetia Lemar bittet, sie zu porträtieren. Doch auch Manjaro, der berüchtigte Anführer einer Gang, interessiert sich für Liccle Bit und überträgt ihm peu à peu kleine Aufträge.

Erst als ein Mord im Viertel geschieht, begreift Liccle Bit, dass er schon tief drinsteckt in einem Bandenkrieg. Aber es müssen noch zwei weitere Menschen sterben, bevor der Junge sich endlich gegen Manjaro und seine Gang wehrt.

"Scheißleben" mit Druck von allen Seiten

Liccle Bit hat es nicht leicht, rundherum gibt es Konflikte. Er lebt mit seiner Mutter, seiner Oma, seiner Schwester und deren Baby in einer Dreizimmerwohnung. Seine Eltern haben sich getrennt und der Vater hat eine neue Familie mit einer kranken Tochter. Die Mutter ist überlastet und noch immer voller Wut auf den Vater, die Schwester ist frustriert und nur die Oma liebt Lemar vorbehaltlos.

Ein "Scheißleben" ist das - wie er findet - mit Druck von allen Seiten und in einem schwierigen sozialen Umfeld. Aber auch mit ein paar treuen Freunden und einer Schwester, die im Notfall doch alles für ihn riskiert.

Alex Wheatles Roman ist mitreißend spannend geschrieben. Liccle Bit erzählt selbst: Er ist ein schlauer, spritziger Berichterstatter. Die erzählenden Passagen kommen in flapsig-coolem Ton daher, Slangausdrücke durchziehen den Text, komische Übertreibungen und ruppige Bemerkungen steigern die Wirkung. Wortgefechte und handfeste Konflikte knallen hin und her wie scharfe Tennisbälle, sind gespickt mit drastischen Flüchen und rüden Anspielungen.

Von Gefühlen geschüttelt

Am besten aber ist Liccle Bit, wenn er seine Ängste und Nöte, seine Verzweiflung und Begeisterung in griffige Bildern fasst: "Ich merkte, wie mein Herz sich wie ein aufblasbarer Strandball im Swimmingpool wieder an die Oberfläche poppte." Da wird ein Junge von seinen Emotionen hin und her geschüttelt und schafft es trotzdem, sich mit ihnen anzufreunden.

Und so zeigt dieser Roman auch, wie nah Tragik und Komik beieinander liegen. Liccle Bit hat es nicht nur in und mit seiner Familie schwer, sondern läuft auch Gefahr, ins kriminelle Milieu abzugleiten. Er bezieht Prügel von allen Seiten, alles hätte schief laufen können. Aber sein flotter Ton signalisiert von Anfang an, dass dann doch alles gut geht. Wer so erzählt, hat dem Bösen ins Auge geschaut, ist aber noch einmal davon gekommen.

Was besonders überzeugt: Alex Wheatle malt nie schwarz-weiß. Lemars Mutter, sein Vater, der brutale Manjaro, die besten Freunde, hier ist niemand nur nett oder nur böse. Jede Figur hat ihre eigene Geschichte, ihre Beweggründe, ihre Erfahrungen, Stärken und Schwächen. Auch Liccle Bit ist kein Held, und gerade das macht ihn so sympathisch – und glaubwürdig.

Alex Wheatle: Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton
Kunstmann Verlag, München 2018
256 Seiten, 18 Euro, ab 12 Jahren

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