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Montag, 18.12.2017

Buchkritik | Beitrag vom 07.12.2017

Alain Claude Sulzer: "Die Jugend ist ein fremdes Land"Erinnerungsblitze aus der Vergangenheit

Von Maike Albath

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Buchcover Alain Claude Sulzer: "Die Jugend ist ein fremdes Land" (Galiani / AFP / Boris Horvat)
"Die Jugend ist ein fremdes Land" ist eine Mischung aus Tatsächlichem, Erzähltem und Phantasiertem. (Galiani / AFP / Boris Horvat)

Eine Mutter, die kein Deutsch lernen will, ein Vater mit künstlerischen Ambitionen, ein älterer Bruder, der sich das Leben nimmt. Alain Claude Sulzer wirft in "Die Jugend ist ein fremdes Land" einen Blick zurück und zeichnet in autobiografischen Miniaturen seinen Werdegang nach.

Es ist der behutsame, unprätentiöse Tonfall, der an diesem Buch sofort verfängt. Mit Gleichmut und geschärfter Aufmerksamkeit blickt der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer, Jahrgang 1953, auf seine Vergangenheit zurück und lässt sie in prägnanten Szenen lebendig werden. Das Ergebnis sind autobiografische Miniaturen ohne jedes Pathos, aufgereiht wie an einer Perlenkette, mit bewussten Lücken und Leerstellen. Zugleich entsteht ein kleines Epochenbild der Schweiz zwischen 1956 und 1976 mit seinen Hausfrauen, Radiosendern, Rechenstäbchen, Schreibmaschinen und Lesefibeln.

Bausteine einer Identität

Schauplatz ist ein Dorf namens Riehen am Rand von Basel, wo der Vater, ein Lehrer mit künstlerischen Ambitionen, für seine welsche Frau und die drei Söhne einen avantgardistischen Bungalow mit Flachdach bauen ließ, der elegant aussah, aber unpraktisch für die alltäglichen Bedürfnisse einer mehrköpfigen Familie war. Auch Dinge, bei denen der Erzähler nicht dabei gewesen sein kann, sind Gegenstand der Prosabilder: die Bekanntschaft der Eltern, ihre Hochzeit, das Befremden der jungen Ehefrau, als sie ihren Ehemann auf den Boden trommelnd in der Küche seiner Mutter vorfindet. Dass er nicht ganz stabil war, muss die ehemalige Krankenschwester allerdings gewusst haben, denn er war ihr Patient gewesen – in einer Nervenheilanstalt.

All das vermittelt Alain Claude Sulzer ohne dramatische Zuspitzungen: Es sind schlichtweg die Koordinaten der Herkunft desjenigen, der hier im Mittelpunkt steht. Auf eine ähnlich zurückgenommene Weise erzählt er vom Selbstmord seines ältesten Bruders, der viel später passierte - eine Entscheidung, über die der Erzähler nicht zu richten vermag. Dass sie ein Baustein seiner Identität geworden sein muss und auch eine Aussage über sein Elternhaus trifft, spürt man dennoch. "Die Jugend ist ein fremdes Land" lautet der Titel von Sulzers Kindheitsmosaik mit Anklängen an L.P. Hartley Kurzgeschichte "The Go-Betweens", deren berühmte erste Sätze "The past is a foreign country, they do things differently there" lauten. Das charakteristische Changieren zwischen Tatsächlichem, Erzähltem und Phantasiertem, das sich bei jedem Erinnerungsprozess einstellt, bestimmt auch Sulzers erzählerisches Prinzip.

"Weiter so!"

Das Besondere an Alain Claude Sulzer ist seine französischsprachige Mutter, die sich Zeit ihres Lebens weigerte, Deutsch zu lernen. So wird seine Vergangenheitsrecherche immer auch zu einer Sprach-Recherche. Der Mutter seien fameux, Herumtreiber, immer suspekt gewesen, genauso wie die Durchtriebenheit alleinstehender Frauen, die rusée seien. Auch Initiationserfahrungen sind Gegenstand der Miniaturen: das unvermutete Erblicken eines nackten Tänzers unter der Dusche. Zum ersten Mal spürt der Heranwachsende erotische Anziehungskraft. Ähnlich aufgeladen sind die ersten Versuche als Schriftsteller. Ein graues Oktavheft ging verloren, aber die Ermunterung des Lieblingslehrers hat sich tief in das Kindergedächtnis eingegraben: "Weiter so!". Mit diskreter Eleganz erweckt Sulzer den weit entrückten Kontinent der Jugend wieder zum Leben.

Alain Claude Sulzer: "Die Jugend ist ein fremdes Land"
Galiani Berlin 2017
224 Seiten, 20 Euro

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