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Weltzeit | Beitrag vom 12.07.2017

Afrikas Flüchtlingspolitik Willkommenskultur in Uganda

Von Simone Schlindwein

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Ein Flüchtlingslager in Uganda. (Deutschlandradio / Simone Schlindwein)
Ein Flüchtlingslager in Uganda. (Deutschlandradio / Simone Schlindwein)

Arm, aber weltoffen – Uganda hat eine liberale Flüchtlingspolitik, über eine Million Vertriebene leben derzeit im Land. Sie erhalten Asyl, eine Arbeitserlaubnis und ein Stück Land. Auf finanzielle Hilfe aus Europa wartet Uganda vergeblich.

Im Auffanglager neben dem Schlagbaum herrscht Chaos. Im Minutentakt kommen hier Menschen angelaufen. Kinder weinen: Sie sind ausgezehrt, erschöpft und hungrig. Frauen werfen ihre Bündel mit Habseligkeiten ab, die sie über dutzende Kilometer bis über die Grenze nach Uganda geschleppt haben.

Männer sind nur wenige unter den Schutzsuchenden. Die meisten kämpfen als Soldaten oder Rebellen in ihrer Heimat, dem Südsudan. Die Auseinandersetzungen haben die Mehrheit der Bevölkerung vertrieben. Wer es schafft, rettet sich nach Uganda über die Grenze. Ugandas Regierung hat ein Aufnahmezentrum gleich neben der Grenze errichtet. Zelte schützen vor der gleisenden Sonne. Es ist heiß. Die Luft flimmert in der kargen Savannenlandschaft.

Hier werden die ankommenden Flüchtlinge registriert. So wie Philip Akau. Der 19-Jährige ist fast zwei Meter groß, typisch für Südsudanesen. Er ist mit seinen drei Geschwistern aus seiner Heimatstadt Bor geflohen, wo sie alle auf ein Internat gingen. Wo die Eltern sind, wisse er nicht, sagt er.

"Wir sind heute angekommen nach einer Woche Flucht. Mit dem Auto, von Juba aus. Aber wir sind von Bor aus geflohen, von dort zuerst mit dem Boot über den Nil, dann zu Fuß nach Juba, wir mussten vier Stunden marschieren. Von dort aus mit dem Auto hierher an die Grenze. Es gab Kämpfe in Bor und viele Tote. Man kann sich das kaum vorstellen. Überall lagen Leichen auf den Straßen."

Die meisten Flüchtlinge kommen aus Südsudan

Südsudan ist erst 2011 unabhängig geworden. Keine zwei Jahre hat der weltweit jüngste Staat überlebt, da begannen sich die einflussreichen Männer an der Macht zu streiten. Seitdem spitzte sich der Konflikt immer weiter zu. Seit vergangenem Jahr tobt ein brutaler Bürgerkrieg. Die Vereinten Nationen sprechen von ethnisch motivierten Massakern.

Aufgrund der extremen Dürre in Ostafrika wurde eine Hungerkatastrophe ausgerufen. Den Südsudanesen bleibt nichts anderes übrig, als um ihr Leben zu laufen. Über 1,8 Millionen haben sich in die Nachbarländer gerettet, die Hälfe davon nach Uganda.

Mit Lastwagen werden die registrierten Flüchtlinge dutzende Kilometer landeinwärts gebracht. Dort hat Ugandas Regierung mit Hilfe von Hilfsorganisationen Lager errichtet. Fast jeden Monat muss ein neues aus dem kargen Boden gestampft werden, so rasch füllen sie sich.

BidiBidi ist das größte Flüchtlingslager der Welt

Mittlerweile steht hier das größte Lager weltweit: BidiBidi heißt es. Es bietet rund 270.000 Menschen Platz. Doch auch BidiBidi ist jetzt voll. Das Problem: In diesem Bezirk gehört das Land den örtlichen Gemeinden und Bauern, von denen die Regierung das Land für die Lager mieten muss.

Deswegen will die Regierung die Flüchtlinge weit weg verlegen: in den Süden. Dort gibt es seit über 20 Jahren sogenannte Flüchtlingssiedlungen. In alphabetischer Reihenfolge werden Namen aufgerufen. Auf dem Platz inmitten der Siedlung Nakivale drängen sich tausende Menschen, um neue Kleidung zu erhalten. Viele besitzen lediglich die paar Fetzen, die sie am Leib tragen, sagt Brian Akankunda, Regierungsbeauftragte in Nakivale.

 "Wie verteilen Kleidungsstücke: für Männer, Frauen und Kinder. Das sind Spenden aus allen Teilen der Welt, von Menschen, die Flüchtlingen helfen wollen. Aber die Kleidungsstücke sind alle im guten Zustand, sie sehen gut aus! Jede Familie bekommt zwei Kleidungsstücke pro Person. Heute verteilen wir an 5000 Familien. Doch die Vorräte reichen nicht für alle. Wir brauchen mehr Hilfe, denn all diese Leute hier sind sehr überhastet aus ihren Häusern geflohen, sie nehmen meist nur wenig Kleidung mit."

Flüchtlingslager in Uganda: Pierre Karimumujango aus Burundi mit seiner Familie. (Deutschlandradio / Simone Schlindwein)Flüchtling Pierre Karimumujango aus Burundi mit seiner Familie. (Deutschlandradio / Simone Schlindwein)

Nakivale ist Ugandas älteste Siedlung, sie liegt im Südwesten, nahe der Grenze zu Tansania. Nur eine staubige Straße führt hierher. Es gibt kaum Dörfer drum herum. Die Landrechte gehören der Regierung, die an die Flüchtlingsfamilien Grundstücke verteilt. So entstand inmitten der unbesiedelten Savanne eine Flüchtlingskleinstadt. Über 100.000 Menschen leben derzeit hier, die meisten aus dem Kongo oder Burundi. Viele Südsudanesen weigern sich, die Lager entlang ihrer Heimatgrenze zu verlassen und hierher verlegt zu werden.

"Als wir hier ankamen, hatten wir nichts"

Der burundische Bauer Pierre Karimumujango ist vergangenes Jahr aus seinem Heimatdorf in Burundi geflohen.  Mit seiner Frau und den drei Kleinkindern hat er sich zuerst ins Nachbarland Ruanda gerettet. Doch die Flüchtlingslager dort seien komplett überfüllt, erzählt er. Von seinem letzten Geld habe er Bustickets nach Uganda gekauft. Mit lediglich den schmutzigen Kleidern am Leib waren sie in Nakivale eingetroffen.

 "Als wir hier ankamen, hatten wir nichts, aber immerhin haben die Ugander gesagt, wir können bleiben. Neben Lebensmitteln haben wir auch Materialien bekommen, um uns das kleine Haus zu bauen, wie diese Plastikplanen für das Dach. Das Grundstück, das wir zugeteilt bekommen haben, ist nicht groß. Ich habe entschieden, nur ein kleines Haus zu bauen und auf dem übrigen Boden Maniok anzupflanzen, damit wir etwas zu Essen haben. Wir bekommen pro Monat pro Person nur zwei Kilo Bohnen und zwölf Kilo Maismehl zugeteilt. Aber Mais vertragen wir nicht, denn das essen wir zu Hause bei uns nie. Der verursacht bei meinen Kindern Bauchschmerzen, deswegen habe ich Maniok gepflanzt."    

Karimumujangos kleine Lehmhütte schmiegt sich an den Hang eines kargen Hügels. Rings herum wird gebaut. Klein-Bujumbura nennen die burundischen Flüchtlinge ihr Viertel, nach ihrer Hauptstadt zu Hause. Die Siedlung wurde 2016 erweitert, um 20.000 burundischen Flüchtlingen Platz zu machen.

Wie eine Kleinstadt: Flüchtlingssiedlung "Nakivale"

Im Zentrum sieht es aus wie in einer Kleinstadt: Neben den Büros der Lagerleitung und der Krankenstation reihen sich Tischlereien, Schneidereien, Werkstätten, Apotheken und Läden aneinander, alle von Flüchtlingen betrieben. In einem Internetcafé sitzen Jugendliche vor Computern, chatten mit Familienangehörigen und Freunden zu Hause. Daneben sägt und hämmert ein Tischler an einem Bettgestell. Er hat viel zu tun, die Neuankömmlinge brauchen neue Möbel.

Hinter dem Lagerzentrum liegen die ruandischen und kongolesischen Viertel, die ältesten in Nakivale. Die Häuser sind massiver gebaut. Zwischen den Grundstücken wachsen Hecken meterhoch, um Privatsphäre herzustellen. Die meisten leben schon seit über 20 Jahren hier, seit dem Völkermord in Ruanda 1994 und dem daraus resultierenden Krieg im Ostkongo. Jeder Konflikt in der Region hat in Nakivale seine Spuren hinterlassen.

Überall in den staubigen Gassen des Lagers spielen Kinder. Dreiviertel der Flüchtlinge sind jünger als 18 Jahre. Am Brunnen stehen Dutzende mit Wasserkanistern Schlange. Sechs Grundschulen gibt es. Zur weiterführenden Schule müssen die Jugendlichen ins vier Kilometer entfernte Dorf marschieren. Diese Schule ist gebührenpflichtig, die meisten Flüchtlingsfamilien können sich aber die Schulgebühren nicht leisten. Darüber klagt auch die Kongolesin Olive Nyirandambyza, Mutter von sieben Kindern.

"Wir leben seit 2007 hier in Nakivale. In meiner Heimat gibt es bis heute keinen Frieden, wir können nicht zurück. Wir haben dort während des Krieges alles verloren, selbst die Kühe hat man uns gestohlen. Am Anfang hat man uns monatlich fünf Kilo Reis pro Person gegeben, das war ausreichend und oft habe ich ein paar Kilo verkauft, um Geld für die Schulgebühren zu bekommen. Doch dann hat man uns die Rationen gekürzt. Wir leben jetzt von dem, was wir selbst anbauen, aber das ist nicht genug, um etwas anzusparen. Wenn jetzt eines meiner Kinder krank wird, haben wir kein Geld für Medizin oder das Krankenhaus. Dann muss mein Mann in die nahe gelegene Stadt fahren, um für die Ugander zu arbeiten und Geld zu verdienen."

Noch nie kamen so viele Flüchtlinge wie 2016

Uganda hat eine äußerst liberale Flüchtlingspolitik. Doch das Land stößt vor allem in der Erstversorgung an seine Grenzen. Noch nie kamen so viele Flüchtlinge wie im vergangenen Jahr: Über eine Million, also mehr, als im Jahr 2015 über die Balkanroute in die EU flüchteten. Die eigentliche Flüchtlingskrise spielt sich nicht in Europa ab, sondern in Afrika. Uganda benötigt selbst Entwicklungshilfe, um der eigenen Bevölkerung Bildung und Gesundheitsversorgung zur Verfügung zu stellen, erklärt Flüchtlingsminister Mussa Ecweru.

"Unser Problem ist stets die große Zahl der Flüchtlinge. Als Regierung haben wir einfach nicht genügend Ressourcen. Grundsätzlich heißt unsere Politik alle Flüchtlinge willkommen. Aber es gibt Engpässe mit der Lebensmittelversorgung, bei den Unterkünften und der medizinischen Versorgung. Wir haben Fälle von schweren traumatischen Erfahrungen. Wir haben Lücken in der psychologischen Betreuung – mit all diesen Herausforderungen müssen wir umgehen –, aber wir versuchen all diese Herausforderungen anzugehen, in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern."

Die Ugander waren zu Zeiten ihres Bürgerkrieges in den 70er- und 80er-Jahren selbst einmal Flüchtlinge: So auch der heutige Präsident Yoweri Museveni, der vom Exil in Tansania aus mit seiner Guerillabewegung das Land 1986 eroberte. Seine Kämpfer hat er damals in den Flüchtlingslagern rekrutiert. Er weiß um das politische Kapital der Flüchtlinge, denn mit ihnen fliehen auch die Oppositionellen. Ugandas Präsident heißt sie willkommen. Das ist Teil seiner Großmachtpolitik. Auch Minister Ecweru ist als Flüchtling in Lagern in Kenia aufgewachsen. Diese Erfahrungen hätten Ugandas Politik geprägt.

Die Ugander wissen, was es heißt, Flüchtling zu sein

"Wir haben Siedlungen errichtet, denn dort können die Flüchtlinge langfristig ihre eigenen Nahrungsmittel anbauen. Denn das, was wir und die Internationale Gemeinschaft ihnen geben, reicht nicht aus. Wir helfen ihnen also dabei, sich langfristig selbst zu ernähren. Wir sehen auch zu, dass wir Schulen in diesen Siedlungen bauen, wir sorgen dafür, dass die Grundbedürfnisse befriedigt werden, damit sie sich wohl fühlen."

Ugandas riesige Lager sind weit entfernt von der Hauptstadt. Doch auch in Kampala finden Flüchtlinge ein neues Zuhause. Denn es fliehen nicht nur arme Bauern, sondern auch Ärzte, Ingenieure, Lehrer – also die Mittelschicht. Sie kommen mit ihrem ganzen Ersparten, mit Autos, Möbeln und allen Habseligkeiten.

Spielende Kinder im Flüchtlingslager Nakivale  (Simone Schlindwein)Dreiviertel der Flüchtlinge sind jünger als 18 Jahre. (Simone Schlindwein)

In vielen Stadtteilen Kampalas sind die Flüchtlinge schier nicht zu übersehen. Sie fahren Autos mit burundischen und südsudaneschen Kennzeichen. Sie eröffnen Geschäfte: Eritreer unterhalten Restaurants. Somalische Händler betreiben Wechselstuben oder Tankstellen. Sobald sie registriert sind, erhalten sie eine Arbeitserlaubnis. Das UN-Flüchtlingshilfswerk lobt diesen liberalen Ansatz, so Charly Yaxlei von UNHCR Uganda.

"Ugandas Regierung hat einen sehr offenherzigen Ansatz, Flüchtlinge aufzunehmen. Das ist wirklich einzigartig, und andere Länder rund um die Welt sollten sich das abgucken, nicht nur in Afrika. Die Oxford Universität hat im vergangenen Jahr in Uganda eine Studie durchgeführt, mit dem Ziel, die ökonomischen Vorteile durch die Flüchtlinge zu analysieren. Diese Studie zeigt, dass Flüchtlinge den Ugandern nicht finanziell zur Last fallen, sondern im Gegenteil sogar die Wirtschaftskraft fördern."

Die Flüchtlinge fördern Ugandas Wirtschaftskraft

Die genannte Studie ergab: Jeder Acker, welcher einer Flüchtlingsfamilie zur Verfügung gestellt wird, generiert umgerechnet rund 200 Euro Profit jährlich. Insgesamt ist dies auch ein Plus für Ugandas Wirtschaft.

Auch die Kongolesin Olive Nyirandambyza in der Flüchtlingssiedlung Nakivale erwirtschaftet etwas aus ihrem Acker. Das reiche zum Überleben, sagt sie. Doch nicht die Gebühren für die weiterführende Schule. Sie hat drei Kinder, die sie gerne in Uganda in die Sekundarschule schicken möchte. Aber diese sei auch für Flüchtlinge kostenpflichtig. Das mache ihr Sorgen.

"Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass wir je in unsere Heimat zurückkehren können. Überhaupt weiß ich nicht, wie unsere Zukunft aussehen wird. Da unsere Kinder nicht zur weiterführenden Schule gehen, können sie auch keinen Beruf erlernen und uns damit in Zukunft versorgen. Im Kongo herrscht noch immer Krieg und unser ganzes Hab und Gut, unser Grundstück, unsere Äcker, unsere Rinder – nichts ist mehr da. Die Ugander haben uns sehr geholfen, besonders am Anfang, als wir Baumaterialien bekommen haben, um uns dieses Haus zu bauen. Wir sind ganz bewusst nach Uganda geflohen und nicht nach Ruanda, weil wir wussten, dass wir hier als Flüchtlinge willkommen geheißen werden und auch bleiben dürfen."

Ende Juni hat Ugandas Regierung die Welt eingeladen: Auf einen Flüchtlings-Solidaritäts-Gipfel. UN-Generalsekretär Antonio Guterres, die UN-Agenturen und auch die EU-Vertreter waren gekommen. Sie alle versprachen, mehr Geld für die Flüchtlinge in Uganda zu geben. Insgesamt kamen 352,6 Millionen Dollar zusammen – bei zwei Milliarden Dollar, was sie die Flüchtlingsversorgung in Uganda pro Jahr kostet. 

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