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Lesart | Beitrag vom 29.01.2018

Ägyptens Schriftsteller unter staatlichem Druck"Überall lauern Fallen"

Von Cornelia Wegerhoff

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Buchmesse Kairo 2016 (picture alliance/dpa-Zentralbild  / Matthias Tödt)
Schriftsteller in Ägypten leiden unter Repressalien. (picture alliance/dpa-Zentralbild / Matthias Tödt)

In Kairo hat die älteste und größte Buchmesse der arabischen Welt begonnen. Überschattet wird die Messe von der massiven Einschränkung der Meinungsfreiheit. Bei Kritik reagiert das Regime mit Repressalien. Betroffen sind auch bekannte Autoren und renommierte Verlage.

Er gilt als der literarische Wegbereiter der ägyptischen Revolution: Alaa al-Aswani ist Bestseller-Autor, aber er hat nicht nur Bücher geschrieben, sondern auch Geschichte. Der Schriftsteller zählte einst zu den Wortführern der Oppositionsbewegung "Kifaya", zu Deutsch "Es reicht". Ein Slogan, der den dramatischen Sturz von Ägyptens Langzeitpräsident Hosni Mubarak 2011 mit herbeiführte. In Alaa al-Aswanis Erfolgsroman "Der Jakubijan-Bau", der auch ins Deutsche übersetzt wurde, schrieb er schon vor 15 Jahren über Armut, die alltägliche Gewalt und Ägyptens korrupten Staat. Seitdem er genau das jedoch auch dem al-Sisi-Regime zum Vorwurf macht, versuchen dessen Sicherheitsbehörden den Autor mundtot zu machen, wie der 60-Jährige am Telefon beschreibt. Er ist gerade in New York.

"Ich bin in Ägypten von allem ausgeschlossen worden. Es wurde verboten, dass ich in der Zeitung schreibe, dass ich im Fernsehen auftrete."

Und jetzt auch noch das: Alaa al-Aswanis neuester gesellschaftspolitischer Roman "Gomhoreya kaanu", "Republik als ob", kann nicht in Ägypten erscheinen.

"Es gab starken Druck der Sicherheitsbehörden, wurde mir vom Verlagshaus gesagt. Es ging in erster Linie um den Inhalt, aber auch um mich als Person. Einer der Verleger, der meinen Vertrag unterschrieben und mich sogar schon im Voraus bezahlt hatte, teilte meinem Agenten plötzlich mit, er könne die politischen Konsequenzen für dieses Buch nicht tragen. Da war klar, dass ich mein Buch nicht in Ägypten herausgeben kann."

Drangsalierungen als Warnung

Stattdessen gingen die Rechte an einen Verlag im Libanon. Auch persönlich wurde Alaa al-Aswani drangsaliert. Als er Anfang dieses Monats zu seiner Lesereise in die USA flog, kam es vorher zum Eklat.

"Ich wurde am Kairoer Flughafen zwei Stunden lang völlig grundlos von der Staatssicherheitsbehörde festgehalten. Das war eine Botschaft, die mit meiner politischen Position gegen das Regime und gegen die Diktatur zu tun hat. Die Botschat lautet: Wir sind da. Wir können Dir jederzeit Schaden zufügen. Auch wenn Du hier bekannt bist und im Ausland geschätzt, können wir mit Dir machen, was wir wollen."

Der deutsche Schriftstellerverband PEN beobachtet die Entwicklungen in Ägypten mit Sorge. Vize-Präsident Sascha Feuchert:

"Erst im November haben wir uns gemeinsam mit anderen Menschenrechtsorganisationen an den Hohen Kommissar für Menschenrechte der UN gewandt und darauf hingewiesen, in welcher Weise verschiedenste Gesetze gerade die Meinungsfreiheit massiv einschränken. Wir haben auch deutlich gemacht, wie sehr diese Gesetze den Sicherheitskräften in die Hände spielen, um Oppositionelle und darunter eben besonders die Autoren massiv einzuschüchtern und zu verfolgen, durch willkürliche Festnahmen, Haft unter übelsten Bedingungen oder eben Ausreiseverbote."

Buchmesse ohne Bedeutung

Mit solch einem Ausreiseverbot wurde auch der Schriftsteller Ahmed Nagi abgestraft. 2016 saß er bereits zehn Monate in Haft, weil sein Roman gegen die öffentliche Moral verstoßen habe, so entschied ein Gericht. Beobachter vermuten, dass es aber weniger um die guten Sitten, als den guten Ruf des ägyptischen Regimes ging, das Ahmed Nagi als Blogger immer wieder öffentlich kritisiert hat. Der 32-Jährige muss sich wegen der angeblich anstößigen Textpassagen schon bald ein drittes Mal vor Gericht verantworten. Für den ägyptischen Schriftsteller Ezzedine Choukry Fishere, der derzeit in den USA einen Lehrauftrag hat, ist die staatliche Willkür offensichtlich.

"Unter Mubarak folgte die Unterdrückung mehr oder weniger klaren Regeln. Man kannte die roten Linien. Aber jetzt gibt es keine Regeln mehr. Ein paar alberne Zeilen in einem albernen Roman, den kaum ein Mensch gelesen hat, können dafür sorgen, dass der Autor im Gefängnis landet. Oder man schreibt eine komplette Kritik am Regime und es passiert nichts. Schreiben ist zu einem Gang durch die Finsternis geworden. Auf einer Straße, in der überall Fallen lauern."

Und welche Bedeutung hat unter solchen Bedingungen die Kairoer Buchmesse für Ägyptens Schriftsteller? Für ihn keine, meint Alaa al-Aswani, der schon seit 15 Jahren nicht mehr teilgenommen hat.

"Sie ist in der Regel schlecht organisiert und wird natürlich politisch manupuliert. Da gibt es keine Meinungsfreiheit. Sie können zu der Messe nicht einfach einladen, wen sie wollen, Ich habe aufgehört dorthin zu gehen, denn ich glaube, das alles, was von der ägyptischen Regierung organisiert wird, sich an den Krankheiten der ägyptischen Regierung ansteckt."


Was macht die Frankfurter Buchmesse in Kairo? Hören Sie hier eine Einschätzung von Imke Buhre:
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