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Tonart | Beitrag vom 05.01.2018

Adriano Celentano wird 80Entertainer und Volksheld

Von Laf Überland

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Der italienische Sänger und Schauspieler Adriano Celentano auf einer Aufnahme von 1994 (picture-alliance / dpa /  Franz-Peter Tschauner)
Der italienische Sänger und Schauspieler Adriano Celentano auf einer Aufnahme von 1994. (picture-alliance / dpa / Franz-Peter Tschauner)

Eine schnarrende Stimme, voller Unbeugsamkeit und lässig wie kein anderer – in Italien gehört Adriano Celentano zur aussterbenden Kaste der echten Idole. Jetzt feiert der Mann, der den Rock 'n' Roll nach Italien brachte, seinen 80. Geburtstag.

Celentano ist einer wie du und ich - nur dass er es halt zu einer 30-Zimmer-Villa gebracht hat, der Sohn des Uhrmachers aus dem Süden, der wegen der Armut von Apulien nach Mailand ziehen musste. Adriano hielt es grad mal fünf Jahre in der Grundschule aus: keine Bildung, nur Grundwissen. Er lernte also bei seinem Vater, reparierte Autos, schliff Scheren und Messer. Aber natürlich wollte er raus.

Mit seiner Rock ’n’ Roll-Band mit dem schönen Namen "Die Rebellen" wurde Adriano unter vielen andern zum ersten Rockfestival Italiens eingeladen 1958 in Mailand. Das war ein denkwürdiger Abend: Celentano sang Little Richards "Tutti Frutti" und das Publikum raste. Er sang noch ein Lied und noch eins, so um die 30 Lieder. Sein Englisch war hundsmiserabel, aber am Ende seines Auftritts sollen sich 10.000 Menschen im Saal und auf der Straße Schlachten mit der Polizei geliefert haben. Das Mobiliar ging zu Bruch. Es gab Verletzte. Danach hatte Italien einen neuen Superstar: den ungebildeten Uhrmachersohn aus Mailand.

"Einer von uns"

"Dies ist die Geschichte von einem von uns": Mit diesen Worten beginnt die Ballade "Il Ragazzo Della Via Gluck", in der sich Adriano Celentano wehmütig an die Gasse beim Mailänder Hauptbahnhof erinnert, in der zu seiner Kinderzeit noch Kühe und Schafe auf den Wiesen grasten. 1966 handelt dieses Stück bereits von Umweltschutz und Bausünden, Pasolini will den Song verfilmen. 

Und Celentano singt mit seiner schnarrenden Stimme von allem, was das italienische Herz bewegt: von der Liebe und schönen Frauen und untreuen Ragazzi, vom Feiern auf den Wiesen und der Schönheit der Natur und ihrer Zerstörung durch Bagger, Umweltverschmutzung und Korruption. Der Mann schafft es sogar, mit einem Song über die Abwertung des Lire die Charts zu stürmen!

Adriano Celentano und Marina Suma (imago/United Archives)Adriano Celentano und Marina Suma in dem Film "Sing Sing" von 1983. (imago/United Archives)
Weil er ja wirklich so ein bisschen aussah wie der Schauspieler Fernandel, den sie Pferdegesicht nannten, musste Celentano auch Filme drehen, in denen über ihn gelacht wird. In seinen 40 Streifen gab er meist als Hampelmann dem Affen Zucker, denn Celentano ist ein Clown, das Leben ist ein Spielzeugladen, und was er jeweils gerade spielt, spielt er aber mit großem Ernst.

Im Fernsehen heißt seine Show in den Achtzigern "Fantastico" – mit ulkigen Sketchen, Gesangseinlangen und 20 Minuten langen, völlig ereignislosen Monologen zu politischen Themen. Und auch schon mal sagte er eine Minute lang – gar nichts!

Und dann sagte er: Habt ihr Angst vor der Stille? Euer Konsumismus ist eine Krankheit!

Der freche Hund

1987 schalten auf sein Kommando hin acht von zwölf Millionen Zuschauer den Fernseher für fünf Minuten aus als Zeichen für den Frieden; und 2005 legt er sich mit einem raffinierten Coup in einer Sendung über Medienfreiheit, für die er sich natürlich jede Vorabzensur vertraglich verbittet, massiv mit dem Ministerpräsidenten an: ein frecher Hund, dieser Straßenköter aus der Via Gluck! 

Als Musiker war Celentano bei jedem sich abzeichnenden Stil immer ganz vorn, häufig der Popavantgarde näher als dem Schlager. Und er hat Tango, Techno, Rock´n´Roll und Swing mit Volksliedern, Schmonzetten und Reggae zu einem großen grinsenden Alles meins!-Topf vermischt.

Dabei, so heißt es, habe er die Fähigkeit, zu machen, dass man sich bei ihm wohlfühlt. Deshalb hing dann auch die Jugend an seinen Lippen und seinen Hüften, als der 74-Jährige nach 18 Jahren Konzertabstinenz 2012 in Verona auftrat, was live übers Fernsehen gezeigt wurde, und neun Millionen guckten zu, wie er mit seinem nur leicht kantiger gewordenen federnden "Il Molleggiato"-Gang und mit zahnreich zufriedenem Grinsen durch seinen reichen Schatz an tollen Songs und tollen Fans schnarrte.

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