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Profil / Archiv | Beitrag vom 22.12.2005

Ab in den Untergrund!

Wie ein 15-Jähriger den U-Bahnen dieser Welt verfiel

Von Ralf Bei der Kellen

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U-Bahn in Berlin (Wikipedia)
U-Bahn in Berlin (Wikipedia)

Während andere 15-Jährige Gangsta-Rap hören oder Graffitis sprühen, fotografiert Cornelius Kibelka lieber U-Bahnen. Der "metrophile" Schüler hat seine Leidenschaft im Netz veröffentlicht und wurde als Vielschreiber einer der Administratoren der Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Cornelius Kibelka: "Jetzt sind wir am U-Bahnhof Neukölln, direkt im Bezirk Neukölln, und der ist meiner Meinung nach noch in den 20er Jahren entstanden, doch, ja, und gestaltet vom Architekten Alfred Grenenda, ein Schwede. Und man sieht halt so an den gelben Fliesen, das ist so sehr sachlich gestaltet und es ist eigentlich ein sehr schöner Bahnhof, ein bisschen vernachlässigt vielleicht, aber sehr frequentiert heute."

Ein Zug fährt ein.

"So, und das ist meiner Meinung nach ein F-Zug. Baujahr, ich glaube, Ende 80er. Das ist halt ein Großprofilzug, der nur auf den Linien U5 bis U9 fährt."

Für die meisten Menschen ist die U-Bahn ein nützliches Fortbewegungsmittel. Für Cornelius Kibelka ist sie eine Leidenschaft. Cornelius ist metrophil. Der 15-jährige Gymnasiast aus Berlin-Treptow weiß alles über die Berliner U-Bahn und vieles über die Metronetze im Rest der Welt. Angefangen hat alles ganz harmlos.

"Also, ich hatte mir zu Weihnachten, ich glaube 2002 oder so, hatte ich mir eine Kamera gekauft, weil ich schon immer eine haben wollte. Und dann bin ich als erstes eben in diesen U-Bahnhof gegangen, das war Märkisches Museum, und habe den einfach fotografiert. Und das fand ich interessant. Und jetzt habe ich ein riesiges U-Bahn-Archiv angelegt, mit allen Fotos, von Berlin, von allen Bahnhöfen, sonst sammle ich auch noch aus Hamburg, aus München und aus Nürnberg."

Ein 15-Jähriger, der mehr über die U-Bahnen in aller Welt weiß als viele alte Metrofans - das ist an sich schon ungewöhnlich. Aber Cornelius' Passion beschränkt sich nicht auf die vier Wände seines Zimmers. Mittlerweile ist sein Name auch überregional bekannt. Schuld daran ist die Wikipedia.

"Ja, die Wikipedia ist halt eine freie Enzyklopädie. Und frei bedeutet: Sie ist kostenlos und jeder kann mitschreiben. Vom Schüler bis zum Professor, jede kann ins Internet gehen und oben auf den "Seite bearbeiten"-Link drücken und dann kann er den Artikel editieren.

Von mir gibt es... da müsste ich mal nachdenken... würd' sagen so 50 Einträge, Artikel, so würde ich das mal schätzen, ich bin mir da gar nicht mal so sicher, ich zähl' das nicht nach. Aber man kann eigentlich sagen: Alle U-Bahn-Artikel sind von mir."

Kaum eine Woche vergeht, in der Cornelius nicht einen neuen Artikel in die Online-Enzyklopädie stellt. Weil er ständig - virtuell - präsent ist, haben die Benutzer Cornelius im letzten Jahr zu einem von circa 170 Administratoren gewählt.

"Also ein Administrator kann Seiten sperren, also, dass die Seite nicht mehr von jedem bearbeitet werden kann, nur noch von Administratoren, ein Administrator kann auch Bilder löschen und Seiten löschen. Und ein Administrator kann auch Benutzer sperren, dass die dann nicht mehr dran arbeiten können an der Wikipedia."

Cornelius ist der zweitjüngste Wächter über das, was in der deutschen Wikipedia gesagt und geschrieben wird. Viel Verantwortung für so junge Schultern. Die Kritik, die die anderen Benutzer anfänglich an seiner Ernennung äußerten, ist längst verstummt. Das dürfte vor allem an der inhaltlichen Qualität von Cornelius' Artikeln liegen. Sein Wissen fußt auf einer umfangreichen Sammlung an Sachbüchern, unter deren Gewicht sich die Bretter seines Regals biegen.

"Mit der U-Bahn in die Römerzeit, ein Jahrhundert Berliner U-Bahn, das Berliner S- und U-Bahnnetz, Berliner U-Bahnen, Berlins U-Bahnhöfe, U-Bahnen in Skandinavien, Berlins S-Bahnhöfe, wie heißt das... U-Bahnen gestern, heute und morgen von 1863 bis 2010 und Hamburg U-Bahn- und S-Bahnalbum."

Während andere 15-Jährige Gangsta-Rap hören oder Grafitti sprühen, sitzt Cornelius lieber in irgendeiner U-Bahn. Auf eins reagiert Cornelius im Zusammenhang mit seiner Passion aber allergisch. Nämlich, wenn man ihn als "Trainspotter" bezeichnet.

""Nee, Trainspotter bin ich nun eindeutig nicht. Dann würde ich hier stehen und jeden einzelnen Zug fotografieren, mir die Zugnummern notieren und noch freakiger sein als man überhaupt sein kann. Also, nein danke. Trainspotter bin ich nicht. Und auch kein Pufferküsser. "

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