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Lesart | Beitrag vom 11.01.2018

Aaron Sahr: "Keystroke-Kapitalismus"Geldschöpfung per Knopfdruck

Von Philipp Schnee

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Die am Abend erleuchteten Büros der Hochhäuser in Frankfurt am Main (Hessen), mit Zoomeffekt fotografiert (picture alliance / Frank Rumpenhorst/dpa)
Für Kredite sind die Banken nicht auf das Geld der Sparer angewiesen. (picture alliance / Frank Rumpenhorst/dpa)

Woher nehmen Banken das Geld für die Kreditvergabe? Auf die Rücklagen von Sparern sind sie dabei nicht angewiesen. Sondern: Die Banken schaffen das Geld aus dem Nichts und verfügen damit über ein Privileg, das dringend auf den Prüfstand gehört, schreibt Aaron Sahr.

Die Verteilung von Geld und Vermögen auf der Welt wird ungleicher. Das ist kein neuer Befund. Aaron Sahr, Philosoph und Soziologe am Hamburger Institut für Sozialforschung, macht dafür aber einen neuen Grund aus: die Geldschöpfung. Wer die soziale Frage auf der Höhe der Zeit reflektieren wolle, schreibt Sahr, müsse darüber reden, wer in einer demokratischen Gesellschaft eigentlich darüber entscheiden sollte, wie viel neues Geld erzeugt wird und wer dieses neue Geld bekommt.

Geld ist für viele Menschen etwas sehr konkretes und einfaches. Schon als kleines Kind weiß man schnell, dass diese kleinen Metallstückchen mehr sind als kleine Metallstückchen, Geld eben. Wer sich aber intensiver damit beschäftigt, was Geld ist, wie Geld funktioniert, dem kann leicht schwindelig werden, weil alles so abstrakt, virtuell, im Wortsinne meta-physisch ist.

Geldschöpfung ohne echten Gegenwert

Viele, so schreibt Sahr, denken noch immer, dass wenn Banken Kredite vergeben, sie dafür das Geld bei Sparern nehmen, um es den Schuldnern zu geben. Aber das brauchen Banken heute faktisch gar nicht mehr. Sie schaffen Geld aus dem Nichts. Quasi per Knopfdruck, englisch "Keystroke". Den Banken reicht die Aussicht darauf, dass das Geld zurückgezahlt wird. Einen echten Wert hinterlegen, einen Gegenwert "haben", müssen sie nicht. Banken haben das Privileg zur Geldschöpfung per Knopfdruck.

Diesen Befund hält Sahr für so folgenreich, dass er das heutige Wirtschaftssystem als "Keystroke-Kapitalismus" bezeichnet. Die Veränderung des Kapitalismus seit den 1970er-Jahren hin zum "Finanz-Kapitalismus", das heißt, dass mehr Geld in der Finanzwirtschaft als in der Produktion (manche sagen auch "Realwirtschaft" ) verdient wird, ist oft beschrieben worden. Durch diese Verschiebung werde auch sehr viel mehr Gewinn aus der Geldschöpfung erwirtschaftet, so Sahr. Und diese Rendite aus der Geldschöpfung, aus den "Keystrokes", werde vorwiegend von Vermögenden gemacht.

Ohne demokratische Kontrolle

"Freie Märkte" oder "Wohlfahrtsstaat", diesen beiden Polen der heutigen wirtschaftspolitischen Diskussion müsse daher zwingend eine dritte Dimension hinzugefügt werden: das Privileg der Geldschöpfung aus dem Nichts. Märkte, Staaten, Kredite lautet Sahrs neues tripolares Spannungsfeld der Wirtschaftspolitik. 

Über diese dritte Dimension könne aber heute nur schwer debattiert werden, weil sie mit den bisherigen wirtschaftspolitischen Begriffen nicht fassbar, nicht analysierbar und damit nicht problematisierbar sei. In einer langen Herleitung fasst Sahr das Geldschöpfungsprivileg als zwar kapitalistische, aber nicht ökonomische Praxis und nennt sie "para-ökonomisch". Daher glaubt er auch, dass eine Debatte über das Geldschöpfungsprivileg jenseits der klassischen wirtschaftspolitischen Fronten von "neoliberal" und "links" verlaufen kann.

Sahr plädiert schließlich für eine Demokratisierung des Keystroke-Kapitalismus, dafür, die Geldschöpfung zurück in den politischen Prozess holen. Bis man zu diesen starken Thesen, diesem starken Plädoyer kommt, muss man sich allerdings durch einen langen Vorlauf wühlen. Sahrs etwas inkonsequenter Stil, mal soziologisch trocken, mal salopp, dann wieder extrem meinungsstark, passt nicht immer zur Essay-Reihe der Hamburger Edition, in der das Buch erschienen ist. Anregend ist Sahrs Buch, trotz alledem, enorm.

Aaron Sahr: Keystroke-Kapitalismus. Ungleichheit auf Knopfdruck
Hamburger Edition, Hamburg 2017
176 Seiten, 12 Euro

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